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Die Gerüstakrobaten

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1.07
Hongkong. Eine moderne Stadt, sollte man meinen. Doch Alt und neu, Tradition und Moderne sind hier auf engstem Raum vereint.

1.16
Die wieder zu China gehörende Riesenstadt mit dem besonderen Autonomiestatus hat sich lange nach westlichen Massstäben entwickelt, hat die chinesischen Wurzeln aber nie verleugnet. Zum Beispiel im Gerüstbau. Bis heute ist Bambus das Gerüstmaterial, das hier auch für die höchsten Wolkenkratzer verwendet wird.

1.45
Ultraleicht und doch äusserst tragfähig, in der Produktion wie in der Entsorgung umweltfreundlich, hat sich Bambus seit 5000 Jahren im Baubusiness gehalten. Begeistert über die Fähigkeit der Hongkonger, aus Alt und Neu die bestmögliche Kombination herauszupicken, ist auch der aus Indien stammende Bambus-Spezialist Muthukarappan Ramanathan.

2.10
Statement Ramanathan:
In Honkong ist man sehr stolz darauf. Man übernimmt hier zwar sofort alle möglichen modernen Technologien, gleichzeitig hält man alte Bräuche und Traditionen hoch. Im Stadtzentrum sieht man hundert Jahre alte Trams im Schneckentempo, während darunter in den Tunnels die schnellsten Züge der Welt verkehren. Neben einem traditionellen Dim-Sum-Restaurant steht ein McDonalds-Imbiss. Hier feiert man christliche Weihnachten und einen Monat später auch das chinesische Neujahr. Um die höchsten, modernsten Wolkenkratzer zu bauen, verwendet man die 5000 Jahre alte Methode des Bambus-Gerüstbaus. Dieses Nebeneinander von Alt und Neu ist für Hongkong typisch und weltweit einmalig.

2.59
Als Baumaterial wird Bambus im ganzen asiatischen Raum seit Jahrtausenden verwendet, vor allem im Haus- und Tempelbau, zur Herstellung von Möbeln, Zierat und Schmuck, aber auch zum Bau von Infrastruktur wie zum Beispiel Brücken.

3.18
Bambus zeichnet sich durch eine im Verhältnis zum Eigengewicht sehr hohe Druck- und Zugbelastbarkeit aus. Bambus ist keine Holz-, sondern eine Graspflanze, die enorm schnell wächst, innert drei Jahren geerntet werden kann und beliebig viele Schösslinge für den Neuanbau produziert. In Hongkong fällt noch ein umweltfreundlicher Faktor ins Gewicht.

3.42
Statement Ramanathan:
Bambus kommt von der chinesischen Jiangxi-Provinz auf dem Fluss nach Hongkong. Man bindet dort einfach die Stangen zusammen und fischt sie hier wieder heraus. Man braucht keine Lastwagen, das ist umweltfreundlich.

3.55
Auch deshalb sind Hongkongs Strassen voll von Stapeln getrockneter Bambusstangen aller Dicken und Längen. Damit sie sich nicht mit Wasser voll saugen, was ihre Belastbarkeit beeinträchtigen würde, werden die Gerüststangen, die den Boden berühren, zugespitzt. Gegenüber Stahlgerüsten weisen sie weitere Vorzüge auf.
4.25
Statement Ramanathan:
Ein Bambusgerüst ist nur sechs Prozent so teuer wie eines aus Stahl und kann sechs, sieben Mal verwendet werden. Natürlich kommt ein Stahlgerüst öfter, vielleicht achtzig Mal zum Einsatz. Aber Stahlgerüste brauchen grosse Lagerflächen, das Material muss gewartet werden. Bambus hingegen wird einfach zusammengebunden und gestapelt.

4.44
Eine typische Hongkong-Baustelle. Am Boden arbeiten die "Handlanger", während sich die qualifizierten Gerüstbauer in luftiger Höhe bewegen.

5.14
Das ist sowohl in Bezug auf die Bezahlung als auch auf das Sozialprestige ein grosser Unterschied. Denn die Gerüstbauer geniessen ein hohes Ansehen. Vor allem jene, die in der Gerüsten herumturnen, denn Gerüstleitern wie bei uns gibt es hier nicht.

5.35
Statement Ho Ping Tak:
Wir Gerüstbauer werden in der Bevölkerung ehrfurchtsvoll "Spidermen" genannt, wir haben einen hohen sozialen Status. Darum sind wir stolz auf unseren Beruf.

5.48
Bambus-Gerüste werden weder verschraubt noch verkeilt, sondern mit Plastikbändern abgebunden. Ohne einen einzigen Knoten. Die Plastikbänder werden nur eingedreht und dann verschlauft. Beim Abbau werden sie, zeitsparend, durchtrennt.

6.13 (nicht vorher)
Von einem Bambus-Gerüstbauer wird auch Kreativität verlangt. Er muss für jeden nächsten Schritt die geeignetsten Stangen aussuchen, um das Material möglichst rationell einzusetzen.

6.32
Statement Lee Kwong Hoi:
Ich liebe diese Arbeit, und ich finde, Bambus ist dafür am besten geeignet. Bambus ist viel flexibler zu handhaben als Stahl.

6.50
Möglichst wenig abzuschneiden und die Reststücke anderweitig verwenden zu können, ist das Ziel jedes Gerüstbauers, der etwas auf sich hält.

7.18
Bis einer "Spiderman" ist, muss er eine harte Schule durchlaufen.

7.28
Statement Ramanathan:
Früher hatte jeder Lehrling einen Lehrmeister, der ihn ausbildete, für den er aber auch alle persönlichen Besorgungen erledigen musste, inklusive Wäsche waschen. Heute ist das anders, der Lehrling besucht entweder ein Ausbildungsinstitut oder er lernt "on the Job". Die bestandene Prüfung nach vier Jahren Ausbildung ist Voraussetzung, um in Hongkong als Gerüstbauer arbeiten zu dürfen.

8.00
Die Bambusgerüstakrobaten von Hongkong. Selbstbewusste Spezialisten eines traditionsreichen Handwerks.


8.38
Eine europäische Baustelle sieht anders aus. Hier wird schweres Stahlgerät geschleppt, verschraubt und verkeilt. Kräne helfen heben. Gerüstleitern mit Geländer sind obligatorisch.

8.50
Maurer, Maler, Gipser oder Dachdecker liefern für kleinere Aufträge zwar immer noch eigene Gerüste, für grosse Baustellen mieten die Bauherren heute aber meistens für die gesamte Bauzeit ein Gerüst bei einem spezialisierten Unternehmen.

9.15
Die Firma xBau ist in der Schweiz eine der grössten, die ausschliesslich Baugerüste aufstellt. In den beiden Zentralen in Frauenfeld und Lyss lagern Unmengen von Gerüstteilen, Stangen, Planken und Schellen aus Stahl und Aluminium. Die richtigen Teile zur rechten Zeit am richtigen Ort bereit zu halten, ist eine logistische Herausforderung.

9.40
Statement Zürcher:
Wir haben etwa 3500 verschiedene Artikel, wir beladen hier etwa 1500 LKWs pro Jahr. Die Kunst in der Logistik besteht darin, so viele Projekte anzunehmen, dass das Material möglichst zu 100 Prozent ausgelastet ist.

10.00
Im Winter ist das selten der Fall, doch wenn im Frühling die Bautätigkeit wieder zunimmt, ist das Gerüstteillager Frauenfeld im Nu wieder fast leer.

10.15
Autobahndreieck Bern-Wankdorf. Der Beton der 35 Jahre alten Brücken weist Schäden auf, die saniert werden müssen, möglichst ohne den Autobahnverkehr zu beeinträchtigen.

10.34
Und unter der Autobahnbrücke muss der private und der Zugsverkehr weiter rollen können, ein Bodengerüst kommt also nicht in Frage.  Die Lösung: ein Hängegerüst.

10.45
Die Innenseiten der 250 Meter langen Autobahnbrücken sind bereits instand gestellt, nun kommt der Rest an die Reihe. Die Gerüste müssen innen ab- und an der Aussenseite wieder aufgebaut werden. Drei, vier Monate Arbeit.

11.05
Eine Arbeit, die den Adrenalinspiegel steigen und das Herz eines Gerüstmonteurs höher schlagen lässt.

11.15
Statement Jordi:
Ein erhabenes Gefühl, in der Höhe zu arbeiten, auf die andern hinunterzusehen. Auch geniesse ich die Freiheit, die ich als Chefmonteur habe. Ich bin der Chef auf der Baustelle und es spricht mir niemand rein. Diese Freiheit geniesse ich in vollen Zügen.

11.35
In zweieinhalb-Meter-Schritten treibt das Team das Hängegerüst nach vorn. Als erstes: Vorschieben einer Arbeitsplattform.

11.50
Dann: Senkrechtes Bohren eines Lochs in die Betonplatte. Gelegentlich trifft der Bohrer auf Armierungseisen. Aber dank der Vakuum-Aufhängung schafft der Bohrer sogar diese harte Nuss.

12.13
An diesem Spreizdübel hängen am Schluss die nächsten zweieinhalb Meter der Gerüstkonstruktion. Mit 8 Tonnen wird der Dübel vorgespannt.

12.30
Der Auflageschuh wird befestigt und die Querträger eingefädelt.

12.45
Alle diese Arbeitsschritte erfordern höchste Konzentration, handwerkliches Geschick und perfektes Teamwork, denn fiele so ein Metallteil in die Tiefe, könnte dies fatale Folgen haben.

13.03
Statement Jordi:
Ein Mann allein kann kein Gerüst erstellen. Da braucht es, je nach Objekt, mindestens zwei, in der Regel sind es bei uns drei gute Leute. Nur im Team kann man ein Gerüst erstellen.

13.25
Der nächste Querträger wird in Position geschoben.

13.45
Sorgfältig klinkt Martin Jordi die Klauen der ersten Alu-Bodenplatte für die nächsten zweieinhalb Meter Hängegerüst ein.

14.00
Ein harter Job. Im Winter bei Kälte und Schnee, im Sommer bei grösster Hitze, oft in verrenkten Körperstellungen oder auf den Knien mitten in dichtem Verkehr und schlechter Luft.

14.28
Es fällt wohl schwer, bei diesen Bedingungen alle Sicherheitsvorschriften einzuhalten, sich dauernd an- und wieder los zu seilen. Aber Jordi ist da strikt.

14.35
Statement Jordi:
Für mich gibt es keine Toleranz in der Sicherheit. Ich habe eine Familie, ich will am Abend wieder nach Hause zu meinen Kindern und meiner Frau. Deshalb steht die Sicherheit über allem. Manchmal ist es schon lästig. Im Sommer, bei 30 Grad und mehr, mit dem Helm auf dem Kopf - es täte gut, wenn man ihn abnehmen und den Kopf etwas lüften könnte. Aber wir haben sehr strenge Vorschriften und wir halten sie auch ein.

15.10
In einem letzten Schritt werden die Seitengeländer montiert.

15.30
Ein gut eingespieltes Team schafft pro Tag rund 15 Träger, also knapp 40 Meter.

 

 

15.48
Ausserhalb des regulären Ablaufs müssen dann noch die Querträger an der Betondecke verschraubt werden, um die Steifheit der Konstruktion zu gewährleisten. Schliesslich wird die Arbeitsfläche mit einer Plastikfolie wasserdicht gemacht, denn bei der Sanierung wird mit Höchstdruck Wasser eingesetzt.

16.15
Eine der Glocken des Berner Münsters läutet den Nachmittag ein. Das knapp 600 Jahre alte Wahrzeichen der Stadt wird seit über 100 Jahren restauriert, da Wind und Wetter an Fassaden und Verzierungen unübersehbare Schäden angerichtet haben. Die untere Turmhälfte steckte während der letzten 50 Jahre fast permanent in einem Gerüst.

16.38
Seit dem Jahr 2005 aber verschwindet wird nur noch ein kleiner Teil des Turms von einem Gerüst verdeckt, die Westhälfte des Turmachtecks unterhalb der erst vor 125 Jahren vollendeten Turmspitze. Die Besonderheit hinter der eleganten Konstruktion: die Gerüstbasis steht nicht auf dem Erdboden, sondern auf dem Mauerwerk des alten, viereckigen Turms.

17.02
Statement Häberli:
Das Turmviereck ist ein Riesenklotz, der geht bis auf 46 Meter über Boden, da haben wir eine Galerie. Das ist ein Balkon, der rundherum läuft. Auf diesem Balkon können wir etwas abstellen, und zwar diese grossen Stahljoche. Diese Joche würden ja nach aussen kippen. Damit diese Böcke nicht nach aussen kippen, haben wir die durch den Turm hindurch mit Zugstangen verspannt und in diesem Ringanker, der rundherum geht, zusammen gezogen. Auf diese Böcke haben wir die Basis gestellt. Von da weg geht das Gerüst hoch und es wurde nur noch oben durch den Turm hindurch nach innen verspannt. Der Turm hält also das Gerüst, ohne dass wir am Turm irgendwelche Ausbrüche oder Bohrungen vornehmen mussten.

17.56
Zusammen mit Ingenieuren, Informatikern und Gerüstbauern hat Münsterarchitekt Hermann Häberli diese Konstruktion entwickelt, mit der genügend seitlicher Abstand für die Arbeiten am Turm geschaffen werden konnte.

18.10
Die einzige Ausnahme: zur Verankerung des Liftmastes musste der Turm an einzelnen Stellen angebohrt werden.

18.20
Auf dem Weg nach oben schwebt Hermann Häberli in diesem abenteuerlich anmutenden Lift nicht nur an der Glockenstube vorbei, sondern auch am Eingang zur Turmwohnung und damit an der Galerie, auf der das Gerüst fusst.

18.45
Nach Überwindung einiger der Sicherheit dienenden Abschrankungen steht er vor der Türe zur Turmhalle. Das ist der einzige geschlossene, den gesamten Grundriss des achteckigen Turmaufbaus umfassende Raum, dessen Gewölbe bereits im Jahr 1588 errichtet wurde.

19.15
Das geschichtsträchtige Turmzimmer ist zum multifunktionalen Baubüro mutiert. Für die permanent mit der Pflege des Münsters beschäftigte 12köpfige Belegschaft der Münsterbauhütte und das Architekten-Team dient es als Pausenraum, Verpflegungsstätte und Umkleideraum mit einer beachtlichen Infrastruktur.

19.40
Gleichzeitig ist es Besprechungszimmer, Versuchslabor, Bastelraum und Werkzeuglager, sogar eine Dusche hat Platz gefunden. Lift und Turmzimmer verkürzen die Arbeitswege und helfen somit, Geld zu sparen.

20.10
Im Turmzimmer wird auch immer wieder über die seit der Amtsübernahme von Häberli im Jahr 1998 neue Philosophie der Restaurierung diskutiert, die an medizinische Prinzipien erinnert.

20.24
Statement Häberli:
Wir möchten möglichst wenig ersetzen. Es geht also nicht darum, tonnenweise Implantate zu setzen, grosse Werkstücke zu ersetzen, sondern diese "alte Dame", diese Kathedrale, die bald 600 Jahre alt wird, zu erhalten, zu pflegen, zu flicken, zu reparieren, und auch einen Service zu geben, der die Alterung möglichst verlangsamt.

 

 


20.50
Architektin Annette Loeffel, Häberlis Stellvetreterin und Steinbildhauermeister Peter Völkle, der Betriebsleiter der Münsterbauhütte, nehmen den obersten Abschnitt des Turmhelms in Augenschein, der als nächster restauriert werden muss. Aber auch dannzumal soll der Münsterturm, wie bereits heute, bis zur Galerie dem Publikum zugänglich bleiben.

21.16
Statement Häberli:
Wenn man solche Arbeiten macht, die so intensiv sind und aufwändig, wäre es ja am einfachsten, den Turm ganz zu schliessen. Hier in Bern haben wir aber keine Hochhäuser oder Aussichtspunkte rundherum, das Münster ist der eigentliche Ort, wo man sich Bern anschauen kann. Man kann bis auf 63 Meter über Boden hoch gehen, und das wollten wir den Leuten nicht nehmen.

21.41
Die atemberaubende Aussicht auf das Weltkulturerbe Berner Altstadt wird also weiterhin möglich sein.

21.51
Als Grundlage für alle Restaurierungsschritte dienen die Pläne des minutiös vermessenen Bauwerks, die auf modernster CAD-Technologie basieren.

22.14
Diese millimetergenaue Dokumentation hat zwar einigen Aufwand gekostet, aber Häberli ist von ihrem Nutzen, auch für spätere Generationen, überzeugt.

22.25
Statement Häberli:
Uns ist es ganz wichtig, dass die Nächsten, die gar nicht wissen was wir gemacht haben, weil die Leute nicht mehr da sind, die es gemacht haben, dass sich diese Neuen schnell und ohne grossen Erklärungsbedarf in die Situation hineinarbeiten können: welche Schäden haben wir angetroffen, was haben wir dagegen unternommen, wie haben wir sie repariert und wie haben wir den Bau verlassen.

22.50
Das Berner Stadtparlament hatte beschlossen, das Turmgerüst für die Fussball-EM zu demontieren. Aber die Kosten wären unverhältnismässig hoch geworden. Und so wird es wohl noch eine Weile bleiben, wenn auch nicht für weitere 50 Jahre...

23.05
Statement Häberli:
Um diese "alte Dame" im Schuss zu halten braucht sie Pfleger, und die Pfleger brauchen für grössere Massnahmen einen Boden unter den Füssen, und dieser Boden ist halt meistens ein Gerüst.
Das kann auch ein kleines Hängegerüst sein, wir arbeiten für kleinere Reparaturen auch am Seil, wir haben im Sinn, für den Turm eine Servicegondel einzurichten. Aber ein Münster komplett ohne Gerüst ist eine Illusion. Der Turm sollte aber spätestens zur 600-Jahr-Feier des Münsters im Jahr 2021 für längere Zeit gerüstfrei sein.

23.45
Na dann, bis zum Jubiläumsjahr 2021...

 

23.50
Die Schweizer Firma Nüssli hat sich mit Eventgerüstbau weltweit einen Namen gemacht. In einer Halle im ländlichen Hüttwilen im Kanton Thurgau entstehen Teile des Bühnenbilds für die nächsten Bregenzer Festspiele. Zwei Füsse.

24.05
Der firmeninterne Projektleiter Rainer Zünd (rechts) und Bildhauer Frank Schulze diskutieren anhand der Gipsabdrücke das weitere Vorgehen. Denn die Umsetzung ist etwas speziell. Die Füsse sollen schliesslich 15 Meter hoch werden!

24.17
Der Österreicher Arno Hagspiel ist eines der drei Mitglieder im Bildhauer-Team, das dieses gewaltige Unterfangen umsetzen soll. Zusammen mit dem Franzosen Thierry Simon ist er verantwortlich für die Grobform.

24.33
Der Deutsche Frank Schulze macht die Detailarbeit. Styropor schneiden und schaben in 8 Metern Höhe.

24.48
Da zeichnet sich der rechte Knöchel ab.

24.55
Für alle Beteiligten ein völlig neues Erlebnis, denn nicht nur das Material Styropor ist ungewohnt, vor allem die Dimensionen verlangen ein ganz anderes Herangehen an die Aufgabe als alles bisher Erlebte.

25.10
Statement Schulze:
Das Problem ist, dass man während der Erstellung, während der Arbeit am Fuss, mit dem Gerüst davor steht und die entsprechende Distanz dazu überhaupt nicht hat. Deshalb muss man während der Arbeit dauernd vom Gerüst herunterklettern um auf Distanz zu gehen und zu sehen, was man eigentlich macht. Die Tatsache, dass wir die Gipsmodelle, die wir uns gegossen haben, zerschnitten haben, hilft dem natürlich - aber das Original ist dann später einmal ein Original.

25.50
Es braucht viel räumliches Vorstellungsvermögen, um die Form einer Gipsscheibe 50 Mal grösser umzusetzen.

28.58
Und es braucht handwerkliches Geschick, um die Styroporwürfel mit einem heissen Draht zurecht zu schneiden.

26.18
Die Styroporblöcke werden an den Schalbrettern festgemacht und dann mit Fugenschaum aneinander geklebt. Auch das eine ungewöhnliche Situation für Bildhauer. Bei andern Materialien, bei Stein zum Beispiel, ist zuerst das Werkstück da, dann der Schöpfungsakt. Hier muss das Werkstück erst noch aufgebaut werden.

26.38
An vorbestimmten Stellen bleiben die Fugen offen. Denn das Ding muss ja dereinst in Stücke zerlegt, nach Bregenz transportiert und dort wieder zusammengefügt werden. Die Füsse bestehen aus drei Schichten: aussen das Styropor, an hölzerne Schaltafeln geheftet, die wiederum an einem Gerüst festgemacht sind.  Im Innern des rechten Fusses sollen Statisten auf dem Gerüst hochklettern und oben herausschauen können. Selbst für Frank Schulze eine einmalige Aufgabe.

27.08
Statement Schulze:
Der Massstab ist ganz einfach speziell. Ich weiss nicht, wie oft man die Möglichkeit bekommt, - wenn man sie überhaupt einmal hat - solche Riesendinger, solche Riesenlatschen zu machen. Die Herausforderung ist aussergewöhnlich.

27.24
Auch in Bezug auf die Lebensumstände. Das Künstlertrio haust während zwei Monaten zusammen in der Nähe, Thierry kocht, und der Arbeitstag beträgt zuweilen 12 Stunden.

27.40
In Bregenz herrscht im Februar noch keine Festspielstimmung. Aber erste Vorboten der für die nächsten zwei Jahre vorgesehenen Aufführung der Verdi-Oper Aïda sind schon hör- und und sichtbar. Wie immer in gewaltigen Dimensionen.

27.58
Statement Kradolfer:
Wir sind uns gewohnt, in der Grösse zu agieren. Das müssen wir, um einen Fokus für die Handlung in dieser open-air-Bühne zu behaupten und darin zu bestehen, damit diese in dieser grossen Natur am See, im Wasser, nicht verloren geht.

28.14
Auch Nüsslis Gerüstbauer haben schon einen Anfang gemacht, das Buch im See steht schon. Jetzt beginnen sie mit dem Gerüstaufbau für den rechten Fuss.

28.32
Das Bühnenbild soll ja zwei Jahre halten, Statisten auf dem Gerüst herumturnen können. Deshalb muss es solid gebaut sein - und millimetergenau jenem in Hüttwilen entsprechen. Die einzelnen Teile der Füsse werden schliesslich hier wieder zusammengebaut.

29.04
Einen knappen Monat später ist die Arbeit in Hüttwilen sichtbar fortgeschritten. Der rechte Fuss ist im Rohbau fertig, am linken wird eifrig gearbeitet. Die Erfahrungen der ersten Wochen haben die Arbeit der Künstler beeinflusst. Sie wissen schneller, welches Gerüst wann wohin geschoben werden muss -  und sie tragen  Atemmasken, um das Einatmen von Styroporstaub zu verhindern.

29.35
Aber der Zeitdruck steigt, in wenigen Tagen kommt der Bühnenbildner persönlich vorbei, um das Resultat zu begutachten. Die Arbeitstage dauern inzwischen 16 Stunden und mehr.

29.55
Doch der Krampf hat sich gelohnt, das Resultat befriedigt. Die beiden Riesenfüsse werden während zwei Spielsaisons die Attraktion der Bregenzer Festspiele sein. Und die tragische Liebesgeschichte der Aïda symbolisieren.

30.13
Statement Kradolfer:
Die Oper Aida fusst ja in der ägyptischen Geschichte mit dieser Liebesgeschichte von Aida und Radames, die ihre Liebe nicht wirklich leben können und deshalb den Liebestod suchen, und dann auch finden müssen. Die Füsse symbolisieren eine uralte, vielleicht ägyptische Statue, die zerbrochen ist. Und das Zerbrechen, das Zerbrochene steht für die zerbrochene Liebe in dieser Geschichte.

30.45
Die Gerüstbauer scheinen auch schon von Giuseppe Verdis Musik inspiriert. Oder ist das taktgenaue Hämmern doch nur Zufall?


Swiss made:

1.03
Wenn sich im Technorama Winterthur zwei gleich grosse Männer in einen bestimmten Raum begeben, wächst der eine, und der andere schrumpft. Der Besucher schaut einäugig durch ein Guckloch und traut seinem Auge nicht: nun ist der eine gross geworden und der andere klein. Eine so genannte Anamorphose. Das menschliche Auge nimmt waagrecht und rechtwinklig wahr, was in Wirklichkeit schief und schräg ist. Eine Fehlinterpretation unseres Geistes.

1.33
Statement Roth:
Wir sind es natürlich gewohnt, uns in rechtwinkligen Räumen zu bewegen. Und wenn uns das Auge einen solchen Raum präsentiert, dann hinterfragen wir das nicht, sondern nehmen automatisch an, das sei rechtwinklig.

1.47
Das Phänomen visuell umgesetzt hat Urs Beat Roth. Der gelernte Architekt hat vor rund 20 Jahren, nach einem stressbedingten Hörsturz, seinen angestammten Beruf aufgegeben, um sich ganz seiner Leidenschaft zu widmen, der angewandten Mathematik.

2.05
Statement Roth:
Ich bin ein Privatforscher - und es gibt noch ziemlich viele weisse Flecken in speziellen Gebieten der Geometrie. Zum Beispiel - meine Leidenschaft - bei den Polyedern. Und ich habe da einige Entdeckungen gemacht - das sind nicht Erfindungen, das sind Entdeckungen, ich entdecke Strukturen, die schon existieren. Ich decke sie nur auf.

2.36
Zum 16. Geburtstag seiner Tochter Carla hat Roth den "Carlaeder" entdeckt. Ein harmonisch wirkendes Polyeder mit 16 gleichen, viereckigen Flächen, das ihm selbst wohl noch mehr Freude bereitet hat als seiner Tochter.

2.50
Statement Roth:
Es ist ein sogenannter Isoeder. Das heisst, sämtliche 16 Flächen  des Polyeders sind kongruent. Sie finden acht Flächen rechtshändig, acht Flächen linkshändig, und das bedeutet: zwei kongruente Figuren auf diesem Polyeder haben je zwei Symmetriebeziehungen, das ergibt 120 Symmetriebeziehungen. Diese muss man finden, definieren. Und nach dem Finden kommt das Analysieren, das Verstehen. Ich habe erst im Nachhinein in der Analyse verstanden, was ich da eigentlich gemacht habe, habe wunderbare Bezüge gefunden zum regulären Fünfeck, die man überhaupt nicht erwartet an diesem Objekt. Das ist dann die grosse Freude, solche Dinge zu entdecken.

3.45
Roth bewegt sich im Grenzbereich von Kunst und Geometrie. In der Struktur "Prambanan" hat Roth repetitive grafische Elemente nach einer komplexen, aber verborgenen Ordnung zu einem Bild komponiert. Ein mathematisch generiertes Rätsel.

3.58
Statement Roth:
Zu diesem Bild gäbe es 2 hoch 256 Variationen. Das ist eine absolut astronomische Zahl, das ist ungefähr 10 hoch 77. Das ist etwa so viel wie es Atome im sichtbaren Teil des Universums gibt.

4.17
Bei der Aufgabe, eine verwinkelte Decke der Kartause Ittingen mit einem regelmässigen Muster aus Linien und integrierten Lichtquellen zu versehen, musste sich Roth sozusagen selbst überlisten.

4.27
Statement Roth:
Eigentlich ist die Aufgabe vierfach überbestimmt und kaum lösbar. Ich habe einige schlaflose Nächte an dieser Aufgabe verbracht. Ich habe dieses Muster elastisch gemacht, indem ich es affin verzerrt habe. Ich habe ganz viele Fehlerstellen einbauen müssen. Und jetzt tut dieses Muster so, als würde es über diese Fläche ganz locker aufgehen. In Tat und Wahrheit ist es voller kleiner Abweichungen. Ein Beispiel für diese Fehlerstellen sind diese windmühleartigen Gebilde, die drehen normalerweise rechtshändig, hier ist eines, das ausnahmsweise linkshändig dreht, und so ist es voll von eingebauten kleinen Fehlerstellen.

5.20
Eine geschichtsträchtige Schachstellung aus dem legendären WM-Kampf Kortschnoi - Karpow. Im Technorama Winterthur sieht der Betrachter, dass die weissen Figuren von Kortschnoi mächtig und gross sind, jene von Karpow klein und angesichts des übermächtigen Angriffs von Weiss vor Furcht erstarrt und zurückgedrängt.

5.38
Statement Roth:
Ich habe auf dem Computer zuerst einmal die ganz normalen Schachfiguren nachmodelliert. Jede Figur bestand aus vielleicht 10 000 Knoten. Dann wurde auf einem Grossrechner der ETH die Deformation gemacht und eine Maschine hat dann diese Objekte gebaut. Beim Das ist die komplexeste Anamorphose, die ich je gemacht habe, es war ein sehr schwieriges Ding und ich habe fast ein Jahr lang an dieser Aufgabe geforscht. Aber sie hat mir Spass gemacht.

6.09
Mathematik. Urs Beat Roth ist ihr verfallen. Und sie zeigt, dass vieles im Leben, von verschiedenen Seiten betrachtet, anders aussieht als auf den ersten, einäugigen Blick.

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Die Gerüstakrobaten: Gerüstkonstruktion am Berner Münster
Die Gerüstakrobaten: Hängegerüst an einer Autobahnbrücke
Die Gerüstakrobaten: Hängegerüst an einer Autobahnbrücke

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