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Warum England den Sport erfand

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01.02
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«Tatsache ist: Sport ist zwar nur ein Wort, aber es hat nicht nur eine Bedeutung. Es gibt keine allgemeingültige Definition. Für mich jedenfalls können alle körperlichen Aktivitäten, die als Wettkampf ausgetragen werden, zum Sport gezählt werden, egal ob sie nun vor allem auf Kraft oder nur auf Geschicklichkeit oder auf beidem gemeinsam basieren.»

01.38
In unmittelbarer Nähe von Schloss Windsor, gewissermassen unter den Augen der Englischen Queen, liegt Eton.

01.47
Dass Eton nicht einfach nur eine kleine Ortschaft westlich von London ist, wird spätestens dann klar, wenn man Schilder sieht, die Autofahrer vor Jungs warnen, die die Strasse überqueren könnten. Und wer beispielsweise zur Mittagszeit unterwegs ist, sollte wissen, dass ganz Eton eigentlich nichts anderes ist als eine extrem teure Privatschule, ein Internat für rund 1270 Burschen zwischen etwa 12 und 18 Jahren.

02.14
Gegründet wurde sie 1440 von Henry VI. Und die Schule bekam bald einen sehr guten Ruf, der bis heute anhält.

02.25
Statement Angus Graham-Campbell, Lehrer Eton College:
«Es hat schon eine gewisse Ironie, dass aus dieser Schule, die gegründet wurde, um Kindern aus armem Elternhaus eine Erziehung und eine Laufbahn beispielsweise als Sekretäre zu ermöglichen, dass daraus eine sehr elitäre und teure Schule geworden ist für Leute mit einem doch etwas anderen gesellschaftlichen Hintergrund.»

02.46
Der Park der Schule etwa um 1760. Die Kinder spielen noch ohne feste Regeln und nicht unter Anleitung von Lehrern. Das änderte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts unter der Herrschaft von Königin Victoria.

03.04
Statement Angus Graham-Campbell, Lehrer Eton College:
«Die viktorianische Mentalität favorisierte zwei Gesichtspunkte bei der Erziehung junger Männer: einerseits den akademischen, andererseits den athletischen. Und ich vermute, dass zu der Zeit, als Britannien eine starke Kolonialmacht war und viele dieser jungen Männer später in der Armee oder in den Kolonien Dienst taten, die Idee von körperlicher Fitness, Teamwork, Selbstaufopferung und all diese Qualitäten ein hohes Ansehen genossen.»

03.36
Den Engländern erschien Sport als das ideale Mittel, diese Tugenden zu fördern. Und wo anders konnte man dies kontrollierter und besser tun als an Privatschulen, wo die neue Elite für das wachsende Empire herangezogen wurde.

03.53
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«An solchen Schulen ging es damals extrem gewalttätig zu. Es gibt ungewöhnliche Aufzeichnungen aus dem 18. Jahrhundert, beispielsweise über Meutereien an Schulen, wo die Burschen im Schulzimmer Lehrer angriffen und wo schliesslich Soldaten geholt werden mussten, um den Aufstand niederzuschlagen. Im frühen 19. Jahrhundert, und da vor allem mit der Entwicklung von höheren sittlichen Massstäben für zivilisiertes Verhalten im viktorianischen England, erwartete man von Schuljungen, dass sie sich wie christliche Gentlemen zu benehmen hätten. Und die Absicht, die dahinter steckte war, die Söhne der herrschenden Grundbesitzer mit denen der neuen Mittelklasse zusammen zu bringen und eine vereinte und geschlossen regierende Gruppe zu bilden.»

04.45
So wurden Eliteschulen wie Harrow School oder Eton College zu wichtigen Orten für die Entwicklung, manchmal sogar zu eigentlichen Geburtsstätten unterschiedlichster Sportarten. Eine, zumindest für auswärtige Zuschauer recht eigentümliche, ist das Field Game, das ausschliesslich in Eton gespielt wird, aber zu den Urspielen des Fussballs gezählt wird.

05.12
Statement Angus Graham-Campbell, Lehrer Eton College:
«Es ist kein wirklich elegantes Spiel mit cleveren Pässen oder begeisternden Torschüssen, und damit ist es auch kein unbedingt zuschauerfreundliches Spiel. Aber ein Grund dafür, dass die Boys es immer mochten, ist, dass man sportlich nicht unbedingt sehr talentiert sein muss, um einen doch beträchtlichen Anteil am Erfolg des Teams haben zu können.

«Beim Field Game gibt es Positionen, bei denen es vor allem darauf ankommt, gross und kräftig zu sein, um im sogenannten Scrum drücken zu können.»

«Dann gibt es Positionen, wo es auf die Fähigkeit, zu dribbeln und den Ball kontrollieren zu können, ankommt.»

«Oder dann Positionen, wo es vorallem wichtig ist, wie man den Ball kicken kann. Zudem sind die Regeln komplizierter als etwa beim Fussball, Rugby oder einem ähnlich vergleichbaren Spiel.»

06.14
Ohne langes und eingehendes Studium dieser Regeln hat ein Aussenstehender keine Chance, dem Spiel zu folgen. Nur schon die verschiedenen Möglichkeiten des Punktens zu kennen, ist hohe Schule des Sports. Noch einfach nachvollziehbar ein Tor, wie man es vom Fussball her kennt. Dann aber ein sogenanntes Rouge mit anschliessender Conversion.

06.40
Als Anreiz zu einem vertiefenden Studium hier eine kurze Zusammenfassung der Punktemöglichkeiten:

06.48
Statement Angus Graham-Campbell, Lehrer Eton College:
«Das Rouge zählt 5 Punkte, ein Ball, der ein Rouge wäre aber von einem Verteidiger berührt wurde, gibt entweder einen Punkt oder einen Scrum. Die Conversion zählt 2 Punkte, ein Converted Rouge ist 7 Punkte im Total. Ziemlich kompliziert.»

07.11
Interessant zum Thema Regeln auch der Kommentar des Kapitäns der Gewinner des Field Game Cupfinals 2004.

07.20
Statement Geoff Dunnett, Schüler Eton College:
«Wir kennen sie eigentlich immer noch nicht richtig. Am Anfang ist es zwar ziemlich schwierig, aber man gewöhnt sich daran, die Regeln nicht ganz zu verstehen, und dann wird es ziemlich einfach. Die vielen Freistösse, die es gab, beweisen ja, dass wir das Spiel eigentlich immer noch nicht beherrschen.»

07.38
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«Kennzeichnend für das 19. Jahrhundert ist der Versuch, die verschiedenen Stufen der Gewalt, gerade von jungen Männern, zu zügeln und zu kontrollieren. Staatsschulen nutzten die Tradition rauer Sportarten und Kämpfe zwischen Jungen. Und es war nichts Aussergewöhnliches, dass ein Junge bei einem Boxkampf ernsthaft verletzt oder gar getötet wurde in einer Staatsschule des frühen19. Jahrhunderts. Sie griffen auf diese Traditionen zurück um eine neue Art von Jugendkultur zu schaffen. Sie kanalisierten diese Gewalt im Sport.»

«Das Eton Wall Game ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie eine traditionelle Sportart einmal ausgesehen haben muss, und zwar in dem Sinne, dass da einfach eine Horde Jungs im Matsch herumbalgt, drückt, stösst, sich gegenseitig bekämpft, ohne dass eigentlich etwas geschieht.»

08.45
Das Spielfeld wird begrenzt durch eine weisse Linie ca. 5 Meter von der 1717 erbauten Mauer entfernt. Eine Tür in der Hausmauer ist das eine Tor, auf der anderen Seite ist es der Baum mit dem weissen Strich. Das Spielfeld ist 110 Meter lang und gespielt wird 10 gegen 10.

09.09
Statement Will Nicolson, Schüler Eton College:
«Es ist extrem Kräfte raubend, obwohl man minutenlang kaum vom Fleck kommt. Am Ende kann man kaum mehr atmen, weil einem irgendwer irgendwie die ganze Zeit die Kehle zudrückt und die Luftröhre blockiert. Es ist ganz einfach great fun, man verliert vollkommen die Orientierung wo einem der Kopf steht.»

«Es gibt so viele merkwürdige Dinge und Regeln, dass kaum jemand sie alle präsent hat und Zuschauer das Spiel wohl nicht verstehen können. Aber zu wissen, dass man eigentlich nur auf dieses eine Tor hin spielt, ohne wirklich viel dafür machen zu können, das ist echt spannend.»

10.04.
Statement Angus Graham-Campbell, Lehrer Eton College:
«Ein Tor zählt 10 Punkte, aber es kommt sehr selten vor. Beim berühmten und traditionellen jährlichen Spiel wurde das letzte Tor 1907 erzielt. Und so werden wir vermutlich auch heute keines erleben.»

10.24
Knapp verfehlt. Sowohl das Wall Game als auch das Field Game gelten als Urväter des Fussballs und werden nur in Eton gespielt. Ein ebenso merkwürdiges wie altes Spiel, das rund 2000 aktive Anhänger hat, wird ausschliesslich in Pubs der Region Oxford gespielt.

10.43
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«Sportarten haben sich immer rund um Pubs entwickelt. Bereits im 16., 17. Jahrhundert kann man sehen, dass in den Hinterhöfen der Dorfkneipe, in der Männer sich zum Trinken trafen, immer auch Spiele gespielt wurden. Sport hat viel mit Geselligkeit und nicht nur mit körperlichem Wettkampf zu tun.»

11.10
Statement Andy Beal, Aunt Sally Topspieler:
«Aunt Sally wurde im 17. und 18. Jahrhundert auf Rummelplätzen und an Pferderennen gespielt. Man hatte einen hölzernen Frauenkopf mit einer Pfeife, die es mit Holzstöcken aus dem Mund der alten Dame zu schlagen galt. Und das nannte man Aunt Sally, Tante Sally. Die Holzstöcke dürfen nicht länger als 45,72 cm sein, aber sie sind unterschiedlich schwer. Jeder hat sein eigenes Set. Erlaubt ist jede Wurfart, solange der Wurf von unten und nicht über dem Arm durchgeführt wird.»

11.48
Aunt Sally ist ein Teamspiel, fünf gegen fünf. Die guten Teams gehören meist einem Pub an, dessen Namen sie auch tragen. In den obersten Spielklassen wird die Sache ziemlich ernst genommen, und bei einigen Elitespielern wird zwar geklatscht, wenn sie fünf Treffer auf fünf Würfe haben, 4 Treffer aber sind die Regel. Trotzdem ist Aunt Sally ein Spiel oder Sport für alle.

12.17
Statement Andy Beal, Aunt Sally Topspieler:
«Wer einfach nur ein Bier trinken und Spass haben will, wird eher in einer unteren Sektion spielen. Die Spieler aber, die es ernst meinen, die gewinnen und um die grossen Trophäen spielen wollen, die findet man in den obersten Sektionen.»

12.31
Neben der Theorie, dass Aunt Sally seinen Ursprung auf Jahrmärkten hat, gibt es eine weitere Erklärung, die bis ins 16. Jahrhundert zurück reicht.

12.43
Statement Andy Beal, Aunt Sally Topspieler:
«Man hielt ein altes Huhn oder Hähnchen in die Luft und bewarf es mit Stöcken. Und der Gewinner war derjenige, der den finalen Treffer schaffte, aber wir erzählen diese Version der Geschichte nicht sehr gerne; sie tönt nicht so gut für unser Spiel. Da ziehen wir diejenige mit dem Rummelplatz und der Pfeife im hölzernen Frauenkopf schon vor.»

13.11
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«Die Theorie, dass Aunt Sally den Sport ersetzte, bei dem nach Hühnern geworfen wurde, ist sehr plausibel. Man nahm einen alten Sport, bei dem oftmals Tiere malträtiert wurden, und wandelt davon eine Version ab, die man als weniger grausam erachtete.»

13.35
Auch das Pubspiel Ringing the Bull könnte einen tierquälerischen Hintergrund haben. In vorviktorianischen Zeiten waren Ring und Schnur Requisiten, um einen Bullen an einem Pflock oder Stein zu befestigen, und ihn als blutige Volksbelustigung von Hunden zerfleischen zu lassen. Weniger blutig die Theorie, das Spiel sei im 12. Jahrhundert von den Kreuzrittern aus Jerusalem mitgebracht worden. Wie auch immer, auch hier machen nur Konzentration und viel Übung den Meister.

14.10
Statement Mike Jones, Pubchampion Ringin The Bull:
«Ich glaube, im Moment bin ich der Pubchampion. Aber es gab da einen leider mittlerweile verstorbenen Kollegen, also mein Rekord ist 13 von 13, seiner war 23 von 23, ich habe also noch einen weiten Weg vor mir.»

14.26
Zuerst die Pflicht: der Wurf direkt..., dann die Kür: der Wurf mit einem Zwischenschwung. Und noch nicht sehr weit verbreitet, nicht einmal in England: die Variante «Der Ring und der Vorhang».

14.52
Statement James Masters, Direktor Masters Games:
«Viele der heute bekannten Spiele sind Spiele für die Arbeiterklasse. Das versteht sich eigentlich von selbst, da es die Arbeiter waren, die nach Feierabend einen Zeitvertreib im Pub suchten. Und einige der Spiele, zum Beispiel Shove Ha’penny, sind abgewandelte Versionen von Spielen, die die Aristokratie nach grossen Diners an ihren langen Tischen gespielt hatte.»

15.16
Shove Ha'penny, was mit «Halbpennys schubsen» übersetzt werden kann, wurde früher mit 5 Geldmünzen gespielt. Eine Münze muss vollständig in einem Feld zu liegen kommen, darf also die Trennlinie nicht berühren. Gewinner ist, wer zuerst jedes der 9 Felder auf dem Brett drei Mal mit einer Münze belegt hat.

15.45
Statement Rex Gibbons, Shove Ha’penny Spieler:
«Früher gab es ein Shove Ha'penny Brett in beinahe jedem Pub hier in der Region Kent, und es wurde in fünf Ligen gespielt. Übrig geblieben sind gerade noch 14 Spieler.»

15.58
Neue Mitglieder zu finden, fällt in Maidstone schwer.
Befürchtungen der verschworenen Gemeinde, dass dies das nahe Ende ihres Spiels bedeuten könnte, kann James Masters besänftigen. Er vertreibt Pubspiele in ganz England.

16.14
Statement James Masters, Direktor Masters Games:
«Ich glaube nicht, dass es verschwinden wird. Es wird vielleicht nicht mehr in verschiedenen Ligen gespielt wie etwa Aunt Sally oder Kegelspiele, aber viele Pubs haben es. Man kauft es und stellt es dann in einer Ecke des Pubs auf. Und immer noch wird es von vielen Pubs gekauft. Shove Ha’penny hat sich seit dem 15. Jahrhundert hartnäckig halten können.»

16.35
Während die Alten drinnen Shove Ha’penny spielten, vergnügten sich die Jungen mit einem Ball, beispielsweise an einer Kirchenmauer.

16.47
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«Es gibt Belege dafür, dass sich Pfarrherren über Schäden an Kirchenmauern beklagt haben, verursacht von Burschen, die an Mauern Fives gespielt hatten.»

16.58
Die Bezeichnung Fives dürfte auf das französische «Jeu de Paume» zurückzuführen sein, ein Ballspiel, das in Frankreich seit dem 12. Jahrhundert mit der blossen Hand gespielt worden ist. Eton Fives heisst diese heute an vielen Schulen Englands gespielte Version, weil man ihren genauen Geburtsort kennt.

17.21
Statement Angus Graham-Campbell, Lehrer Eton College:
«Wir wissen ganz genau, an welcher Stelle die Boys Bälle gegen die Kirchenwand von Eton geworfen haben. Und diese Stelle existiert heute noch. Und dann, in der viktorianischen Zeit, nahm das Spiel einen solchen Aufschwung, dass Nachbildungen dieser Kirchenmauern mit den Strebepfeilern und dem Treppenansatz gebaut wurden.»

17.47
Und so sind auch heute noch alle Eton Fives Plätze auf der ganzen Welt Rekonstruktionen der Geburtsstätte des Spieles.

18.02
Statement Angus Graham-Campbell, Lehrer Eton College:
«Fives ist der letzte mir bekannte Sport auf höchstem, internationalem Niveau, der ohne Schiedsrichter gespielt wird. Wenn ein Spieler das Gefühl hat, er sei bei einer Ballabgabe behindert worden, fragt er seinen Gegenspieler, ob er den Ball noch einmal spielen dürfe. Und es ist Ehrensache, dann ja zu sagen.»

18.25
Eton Fives ist nur eine Entwicklungsrichtung aus dem Urspiel «Jeu de Paume». Die andere Richtung begann vermutlich im 15. Jahrhundert, als mit den ersten tennisartigen Schlägern das sogenannte Royal- oder Real Tennis seine Anfänge nahm. Hätte sich dieses Spiel durchgesetzt, würde Roger Federer wohl heute Royal Tennis und nicht Rasentennis spielen.

18.48
Statement Lesley Ronaldson, Berufspielerin Royal Tennis:
«Ich bin kein Snob was Rasentennis betrifft, ich liebe es, aber es ist eine sehr starke Vereinfachung von Real Tennis. Es gibt ein Zitat aus einer Enzyklopädie: Leute, die Real Tennis spielen, haben meist zuvor andere Ballspiele gespielt, und alle sagen, Real Tennis ist das beste Ballspiel, das sie je gespielt haben. Es entwickelte sich in den Strassen Frankreichs. Und da den Reichen die Strassen zu schmutzig waren, bauten sie Höfe, die in der Architektur Elemente der Strasse verwendeten. Und schaut man sich einen Platz an, könnte man meinen, er sei an einer Strasse mit kleinen Wohnungen über den Ladenfenstern gebaut.»

19.30
Ein grosser Verehrer des Royal Tennis war Henry VIII (1491 – 1547), der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Plätze in der Schlossanlage von Hampton Court bauen liess. Die alten Plätze bestehen nicht mehr, der heutige aber stammt immerhin aus dem 17. Jahrhundert und ist der grösste der knapp 50 noch existierenden Plätze weltweit. Mit seinen etwa 7000 aktiven Spielern gehört Real Tennis eher zu den Randsportarten. Aber es war einmal mehr ein Engländer, Major Wingfield, der in der viktorianischen Zeit das Rasentennis vom Real Tennis ableitete.

20.13
Statement Lesley Ronaldson, Berufsspielerin Royal Tennis:
«Früher waren die Bälle aus Leder, teilweise mit Menschenhaar gefüllt. Heute ist es gehackter Kork, umhüllt mit einem alten Lappen und einem 7 Meter langen Baumwollband, das festgebunden wird. Dann werden Filzstreifen zugeschnitten und auf den Ball genagelt und schliesslich von Hand zusammengenäht. Wenn man weiss, dass das Herstellen eines Balles rund 20 Minuten dauert, versteht man wohl auch den Preis von rund 18 Euro pro Ball.»

20.45
Auch an der englischen Eliteschule Harrow School werden Bälle von Hand angefertigt.

20.53
Statement Terry Meadows, Platzwart Harrow School:
«Ich fertige diese Bälle für die Boys an, die nachher zum Training kommen werden. Wir packen sie weiss ein, damit sie besser sichtbar sind. Denn die Bälle können Geschwindigkeiten von bis zu 280 Kilometer pro Stunde erreichen.»

21.11
Die Flugbahn der Bälle ist nur schwer berechenbar, da ihre Oberfläche bewusst unregelmässig gefertigt ist. Hinzukommt, dass auch Boden und Wände beabsichtigte Unebenheiten und Risse haben. Man weiss, dass Rackets auch in Gefängnishöfen in London gespielt worden ist, in Harrows aber war es, wo 1864 die erste Racketshalle gebaut wurde. Seit jeher wurden die Schüler von Berufsspielern unterrichtet. Einer von ihnen, Charlie Williams, hat eine ganz besondere Geschichte.

21.42
Statement Terry Meadows, Platzwart Harrow School:
«Zwischen 1909 und 1922 war er hier angestellt. Für ein Spiel im New Yorker Rackets Club reiste er auf der Titanic nach New York. Und er überlebte den Untergang der Titanic. Ich glaube, er musste ins Wasser, fand aber irgendwie dann doch noch ein Rettungsboot. Nun, danach hat er weiter Rackets gespielt.»

22.11
Harrow School ist eine sehr teure Privatschule am nordwestlichen Stadtrand Londons, die mit Stolz ihre Tradition aufrecht erhält. Den grössten Wachstumsschub erlebte Harrows in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

22.30
Statement Dale Vargas, Lehrer Harrow School:
«Es gab nur wenige Plätze, auf denen Rackets gespielt werden konnte, zu wenige für alle. Und so begannen die Buben, vor allem die jüngeren, die warten mussten, in den Höfen der Häuser oder auf anderen kleineren Plätzen zu spielen. Natürlich konnten man dies nicht mit den harten Bällen tun, damit würden Scheiben zu Bruch gehen und so weiter. Als der Kautschuk kam, ich glaube das war etwa 1830, entwickelten sie einen Gummiball, den sie aushöhlten, damit er sich zusammenquetschen liess und nicht mehr so schnell im Hof herumflog. Jedes unserer Häuser hat einen Haushof und in diesen Höfen hat sich das Spiel Squash entwickelt, gespielt mit Racketsschlägern und einem weichen Ball.»

23.28
Statement Terry Meadows, Platzwart Harrow School:
«Das ist ein Originalracketsschläger, und das, quasi sein Sprössling, ein Squashschläger. Zwei völlig verschiedene Schläger.»

23.40
Während Rackets mit seinen grossen Hallen den Sprung zum Volkssport nie schaffte, trat Squash von Harrow aus seinen Siegeszug rund um die Welt an. Heute sind die Turniere der Profis in ihren Glasschaukästen zu Publikumsattraktionen geworden, und für die rund 300’0000 aktiven Amateure alleine in England gibt es über 5000 Squashhallen.

24.08
Statement Mike Corby, Vize-Präsident World Squash Foundation:
«Squash entwickelte sich Mitte der Sechziger- bis Mitte der Siebzigerjahre zu einem glamourösen Sport. Es gab viele Prominente, die spielten. Etwa der Formel 1 Pilot James Hunt in einer guten Schule in Wellington, oder Prinz Phillip, der seine eigene Halle im Buckingham Palast hatte. Es wurde ein richtiges Modespiel. Wir sind nicht die führende Squashnation im Moment, aber als Engländer würde ich schon sagen, ja, England ist das Zentrum der Welt für Squash. Squash ist ein bezauberndes Spiel. Es basiert darauf, in die Tiefe zu spielen, den Gegner die möglichst längsten Strecken rennen zu lassen und den Ball in einen der vier Ecken der Halle zu platzieren. Und, man soll es einfach halten. Squash ist ein einfaches Spiel und wenn man das nahe liegende tut, wird man vermutlich gewinnen.»

25.05
Statement Peter Nicol, Berufsspieler Squash:
«Man muss mental stark sein, denn körperlich kann es ganz schön schmerzhaft werden. Du musst deinen Gegner, der immer ganz nahe an dir dran ist, nicht getrennt durch ein Netz, konstant herausfordern, du musst dich mit ihm messen. Mental spielst du konstant ein Spiel mit ihm und es ist ein ständiger Kampf um die Führung.»

25.45
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«Man kann sich die unterschiedlichsten Erklärungsvarianten für alle möglichen populären Spiele ausdenken. Warum versuchen wir, Bälle in Tore zu platzieren, warum schiessen wir Pfeile auf Ziele, warum versuchen wir Aunt Sally von der Spitze eines Pfahls zu schiessen? Sie könnten ganz unterschiedliche Dinge aus dem Leben der Menschen symbolisieren und es könnten ganz harmlose Wege sein, Aggressionen abzubauen, die sich sonst gegen jemand anderen gerichtet hätten.»

26.15
Statement Guy Tunnicliffe, Topspieler London Skittles:
«Ich glaube, Kegeln war immer schon ein Arbeiterspiel. Es könnte daher subversive Züge gehabt haben. Die Arbeiterklassen hätten mit dem Spiel einen Weg gefunden, die Königlichen und die Monarchie niederzuschlagen.»

26.32
Statement James Masters, Direktor Masters Games:
«Vermutlich existieren von keinem andern Spiel mehr Varianten als vom Kegeln. Beim Tischkegeln schwingt man einen festgebundenen Ball um einen Pfahl, und auf dem Rückweg schlägt er in die kleinen Kegel auf einem Podium. Bei Northamptonshire Skittles, das zur gleichen Familie der Kegelspiele gehört, wirft man drei sogenannte Käse und versucht, so viele Kegel wie möglich nieder zu schlagen. Wie bei all diesen Spielen ist 27 die höchst mögliche Punktzahl. Es stammt von einem alten englischen Kegelsport, der rund um London gespielt wurde. Heute wird es nur noch an ganz wenigen Orten gespielt, beispielsweise im Freemaisons Arms Pub. Die Form der Kegel auf dem Tisch entspricht aber genau derjenigen aus Edelholz in der grossen Kegelbahn. Genauso die Form der Käse.»

27.35
Statement Peter Lederer, Spieler London Skittles:
«Er wiegt etwa 7 Kilo. Ich suche eine ganz bestimmte Kerbe im Käse. Denn wenn ich meinen Finger da hinein lege, liegt er immer genau gleich für den Wurf.»

27.56
Statement Guy Tunnicliffe, Topspieler London Skittles:
«Es ist keine Frage der Kraft, es geht viel eher um die Hebelwirkungen. Es geht um die Koordination von Hand und Auge, um den richtigen Ort, den Kegel zu treffen, und es geht um Entspannung und Timing.»

28.13
London Skittles war einst eine so blühende Sportart, dass es sogar Berufs-Kegelaufsteller gab. Vom Glanz jener Ära ist einzig dieser eine Club übrig geblieben. Eigentlich unverständlich, bedenkt man die Vorteile, die das Spiel bringen kann.

28.29
Statement Guy Tunnicliffe, Topspieler London Skittles:
«Es ist vor allem ein idealer Stressknacker. Nach einem harten Tag im Geschäft oder was auch immer, hier herunter zu kommen und einen schweren Käse auf schwere Kegel zu werfen, das ist ganz einfach toll und entspannend. Vor allem wenn du sie alle niederschlägst.»

28.51
Statement Richard Holt, Institut für Sport, Geschichte und Kultur, Uni Leicester:
«Viele der Sportarten, die wir heute als grosse Sportarten ansehen, haben sich in ihrer modernen Form hier in England entwickelt, und die Regeln sind beinahe unverändert geblieben, seit sie vor rund 130, 140 Jahren in England gemacht wurden.»

29.10
Die ebenfalls damals entstandenen Regeln für den heutigen Fussball stammen von Absolventen der Eliteschulen, die ihre Erfahrungen mit Spielen wie dem Wall Game und dem Field Game mit einbrachten. Rund 4000 Amateure treffen sich jedes Wochenende auf den Hackney Marshes in London, dem mit über 85 Plätzen grössten Fussballareal Europas. Ob sie allerdings noch ganz im Geiste der viktorianischen Zeit spielen, bezweifelt Richard Holt. Dass bei vielen Profis verschiedenster Sportarten das Wort Fairplay der Vergangenheit angehört, steht für Holt aber ausser Frage.

29.50
Statement Richard Holt, De Montford Universität Leicester:
«Ich glaube, wir haben uns zu einer Welt entwickelt, in der Sport zur Unterhaltung in den Medien wurde, und in der junge Menschen und Kinder Profispieler, die sie aus dem Fernsehen kennen, zum Vorbild nehmen. Sehr oft aber respektieren diese Profis die Prinzipien nicht mehr, auf denen der Britische Sport aufgebaut ist.»

«Was sich damals aus dem Schulsport entwickelt hatte, war eine neu Art des Spielens, es war der Amateurstatus. Spielen um des Spielens Willen, vom Lateinischen amare, nicht für Geld, sondern aus Spass und um sich selber zu verbessern. Das war es, was für die Engländer so besonders war an ihrer Art zu spielen: Sport war nicht nur eine körperliche sondern genauso eine moralische Aktivität. Man glaubte an Fairplay.»


NZZ Swiss made: Davos und der Schlitten

01.10
Statement Helmut Papst, Schlittelmeister, Davos:
«Ich bin 1939/40 schon Rennschlitten gefahren, damals mit Davoser Polsterschlitten, die es ja schon viele Jahre vorher gab, mit Stange. Der Trick beim schlitteln mit Stange ist, dass man die Füsse oben behalten kann und nicht mit den Füssen lenkt sondern nur mit der nachlaufenden Stange. Die Stange ist nur 1 kg schwer (und läuft ganz leicht nach. Wenn man die Stange in die Gegenrichtung drückt mit dem Ellbogen, macht der Schlitten auf Grund der Drehbewegung einen Schlenker, entweder nach links oder nach rechts. Das ist die ganze Kunst.»

01.59
Davos, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Englische Kurgäste haben Schlitten, die von Einheimischen vor allem als Transportmittel gebraucht wurden, bereits für sich entdeckt und umfunktioniert.

02.31
Ein unterhaltsames und bestimmt nettes Vergnügen für Familien oder Paare, aber auf die Dauer wohl kaum etwas für den sportlichen Britischen Gentlemen mit viktorianischer Erziehung. Ihm fehlt der Wettkampf und ihm fehlt die Möglichkeit, Wetten setzen zu können.

02.48
Und so setzt sich der englische Gentleman auf den Schlitten und rast mit seinen Kollegen um die Wette. Schon bald werden Rennen organisiert und 1883 stiftet der Engländer Simons den ersten Wanderpokal

03.03
Statement Max Triet, Direktor Schweizerisches Sportmuseum, Basel:
«Von da an zählte man die internationalen Schlittenrennen in Davos, und die führten von Davos nach Klosters hinunter am Anfang. Und das ist eigentlich der Beginn des internationalen Schlittensports, und auf dieser Szenerie hat sich das ganze Schlittelwesen eigentlich entwickelt, denn hier wurden die neuen Modelle getestet. Wenn einer hier bestand, dann hat er Erfolg gehabt.»

03.29
Das Modell AMERICA tauchte in verschiedenen Varianten schon vor der Jahrhundertwende auf. Und auch der Skeleton stammt aus dieser Zeit. Wo aber bleibt der heute weltberühmte Davoser? In der Darstellung der Schlittentypen im Engadin um 1889 werden die Schlitten, die der Form des heutigen Davosers am nächsten kommen, als Swiss bezeichnet.

04.04
Statement Max Triet, Direktor Schweizerisches Sportmuseum, Basel:
«Es ist ziemlich genau überliefert, dass die Engländer in der Schweiz den normalen Schlitten, angetroffen haben, und sie haben das adaptiert, und das waren ganz verschiedene Schlittenformen. Und in Davos gab es einen ähnlichen in Anführungszeichen "Davoserschlitten", und den hat man dann später weiterentwickelt. Und erst relativ spät hat sich der Davoserschlitten als Markenzeichen entwickelt. Es ist ein Volksmodell, das sich im Laufe der Zeit aus einem ganz gewöhnlichen Schlitten entwickelt und eingebürgert hat. Und was wir kennen, das ist ein ganz einfacher, nicht sehr teurer, praktisch über vierzig, fünfzig Jahre gleich aussehender Schlitten, hauptsächlich für die Freizeit.»

04.53
Es gab im Davos des ausgehenden 19. Jahrhunderts verschiedene Wagner, die aus dem damaligen Davoser Volksmodell eigene Rennschlittenmodelle entwickelten. Mit diesen Modellen wurden bis 1951 Rennen mit Stangen gefahren.

05.08
Statement Helmut Papst, Schlittelmeister, Davos:
«Man hat dann noch Wettbewerbe ausgeführt in Davos und in Girenbad, wer schneller ist, Stangenschlittler oder die neue Rennrodel. Und die Rennrodel hat eindeutig gewonnen, bis zu 15% schneller auf einer Bahn.»

05.27
Von nun an fuhren auch Helmut Papst oder etwa der Eishockeystar Bibi (Biiibi) Toriani ihre Rennen mit einer Rennrodel.

05.36
Originalton Wochenschau vom 1. Februar 1957:
«An den zum 2. Mal in Davos durchgeführten Weltmeisterschaften im Schlitteln startet auf der Schatzalpbahn auch Bibi Toriani, dem der Tausch der Schlittschuhkufen mit den Schlittelkufen keine Mühe macht. Die schnelle Piste hat im ganzen 53 Kurven. Sie zu durchfahren ist ehrlichster Sport, kein Kinderspiel. Bibi geht in seinen Fahrten jedes Mal in hervorragenden Zeiten ins Ziel.»

05.59
Originalton Wochenschau vom 27. Januar 1962:
«Elisabeth Nagele aus Davos startet zum grossen Preis für Rennschlitten auf der schwierigen Bahn von Girenbad am Bachtel. Die besten Ausländer fahren vorsichtig. Der Sieg gehört Elisabeth Nagele und Ulrich Jucker.»

06.11
1961 wurde Elisabeth Nagele Weltmeisterin. Ihr Schlitten steht heute im Wintersport-Museum in Davos. Für Hildegard Nagele, die Tochter der Weltmeisterin, war es ein besonderes Vergnügen, das heilige Stück einmal draussen auf der Schatzalpbahn fahren zu können

06.37
Betrachtet man Davos mit seinen Engländern als Geburtsstätte des Schlittensports, so fährt irgendwie auch heute noch auf jedem Rennschlitten ein Engländer mit.

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