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Reine Nervensache

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01.00
Statement Adrian Mills, Amnesiepatient:
«OK, es war nicht einfach, aber ich glaube, es ist noch schlimmer für meine Frau und meine Eltern, weil ich bin das selbe Gesicht mit einer anderen Persönlichkeit.»

01.15
Statement Rolf Pfeifer, Leiter Artificial Intelligence Laboratory, Universität Zürich:
«Ich meine, der Mensch, das ist ein phänomenales Ding, eine geniale Konstruktion, und das ist letztlich aus toter Materie entstanden. Das heisst, die Evolution hat es offensichtlich geschafft, aus toter Materie so etwas Geniales wie den Menschen hervor zu bringen. Und wenn man als Ingenieur sich das anhört, denkt man, ja, das wäre natürlich genial, wenn man sich – zumindest teilweise – diese Mechanismen zu Nutzen machen könnte für Engineering.»

01.52
William H. Frey II, Alzheimer’s Research Center, St. Paul, Minneapolis:
«Das Gehirn kontrolliert selbstständig unsere Atmung, unser Herz und vieles im Zusammenhang mit Ausscheidung, so dass wir nicht konstant an solche Vorgänge denken oder dem Körper Befehle für solche Funktionen erteilen müssen. Und natürlich ist das Gehirn für höhere kognitive Funktionen wie Gedächtnis, Denken und Verstand zuständig.»

02.15
Statement Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler, Universität Ulm:
«Früher dachte man, das Gehirn sei statisch, da passiert nicht viel. Heute wissen wir, dass die Synapsen, also die kleinsten Verbindungsprozesse zwischen den Nervenzellen, die ändern sich dauernd. Man muss sich das wie ein unglaubliches Gewusel vorstellen, wo da was raus wächst, da wird die Verbindung stärker, und da wird mehr Platz gemacht für irgendetwas. Also da oben passiert dauernd ganz viel. Und unterm Strich, was dabei rauskommt ist, dass da oben ein Stück Hardware sitzt, das sich dauernd an die Software, sprich an die Erfahrung, die wir machen, anpasst. Das ist ein unglaublicher Prozess, der aber wirklich zeitlebens geschieht.»

02.50
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«Unterteilt man das Gedächtnis der Zeit nach, so ist die übliche Unterteilung, Kurz- und Langzeitgedächtnis. Kurzzeitgedächtnis ist in der Psychologie und auch in der Neurophysiologie nur im Bereich von Sekunden bis wenigen Minuten, also 5 Minuten z.B. Und Langzeitgedächtnis: alles was darüber hinausgeht. Das Kurzzeitgedächtnis ist selten selektiv geschädigt oder gestört, meistens ist es nur das Langzeitgedächtnissystem, was betroffen ist.»

03.16
Statement Adrian Mills, Amnesiepatient:
«Ich vermisse meine Vergangenheit, es ist weg. Ich habe immer gedacht, es kommt wieder. Aber man muss selber mit sich klar kommen, dass es nicht wieder kommt und dann kann man wieder das Leben oder ein neues Leben aufbauen und nicht vorher. Man denkt zuviel an das, was man nicht weiss, was nicht da ist. Ich habe immer wieder versucht zurück zu denken, nachzudenken, was alles vor dem Unfall passiert ist. Und es war immer schwarz, da war gar nichts.»

03.45
Der Berufssoldat der Britischen Armee lebt heute mit seiner Frau und seinem Stiefsohn in Mitteldeutschland. 2001, er war in Oman stationiert, musste er nach einem Unfall beinahe zwei Stunden in grösster Hitze und mit schweren Verletzungen im umgekippten Lastwagen auf Rettung warten.

04.03
Statement Adrian Mills, Amnesiepatient:
«Als ich im Krankenhaus in Oman war, haben die mir erzählt, dass ich eine grosse farbige Frau habe mit sieben Kindern. Und alle haben gelacht und ich wusste gar nicht warum, aber ich hatte keine Fotos mit von meiner Familie, und die haben mir dieses Bild gegeben, und es ist geblieben. Also, ich sehe es immer noch dieses Bild, das ich mir aufgebaut habe: eine grosse schwarze Frau, sieben Kinder. Und als ich meine Frau kennen gelernt habe, habe ich gedacht, sie sei eine Krankenschwester, weil sie ist in den Krankenwagen eingestiegen. Ich hab meine Frau gar nicht geliebt, ich wusste gar nicht, wer sie war; wenn sie traurig war habe ich gedacht, warum ist sie traurig oder ist sie traurig? Und OK, man sieht, dass wenn man lacht, dass man glücklich ist, das lernt man auch einfach, es war eigentlich da. Aber diese tiefen Gefühle, was man lernt im Leben mit, also wenn man verheiratet ist, das habe ich nicht verstanden.»

05.07
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«Bei Herrn Mills, ähnlich wie bei anderen Patienten, geschah erst mal, was höchstwahrscheinlich in einem früheren Lebensabschnitt, dass da schon einmal was voreingestellt, geändert war auf Grund von Stresssituationen, die er damals gehabt hat vor Jahren. Und dann hat das aktuelle Stresserlebnis, dass er da eingeklemmt im Lastwagen lag bei 40 Grad Hitze und mehr und über Stunden und nicht wusste, wird er befreit, was ist mit ihm, und das hat dann soviel Stress ausgelöst auf Hirnebene, im Bereich der Hirnregionen, die zentral am Abruf von Information beteiligt sind, dass die blockiert sind. Und genau die Regionenkombination hier vorne rechts, die ist bei Herrn Mills funktionsuntüchtig, was sich reinzieht auch noch bis innen in den Bereich Amygdala Hypocampusnähe, zumindest der vordere Teil, da sind sehr viel Rezeptoren für die Stresshormone. Und damit ist der ganze Bereich hier und eben vorne die Stirnhirnspitze nicht mehr in der Lage zu arbeiten, und damit die Information, die netzwerkartig auf der Hirnrinde sitzt, hervorzuholen.»

06.31
Unterschiedliche bildgebende Verfahren lassen biochemische Vorgänge im Gehirn, Hirnfunktionen und Strukturen sichtbar werden und sie ermöglichen, was früher undenkbar war: eine faszinierende Reise durch das Gehirn.

06.49
Wichtig sind hauptsächlich zwei Verfahren:

06.51
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«Die strukturelle Bildgebung erfasst die Hirnmorphologie, also was im Gehirn drin ist an Kernen, an Regionen, bildet also die Nervenzellen ab, aber würde die identisch abbilden, ob das Gehirn lebt oder ob das Gehirn tot ist. Das ist sozusagen wie Röntgen. Und bei der funktionellen Bildgebung, da sehen wir das Gehirn in Aktion und sehen, welche Hirnbereiche wofür notwendig sind.»

07.19
Im Kernspintomograph der Universität Frankfurt laufen die Vorbereitungen zu einem Test mit der funktionellen Kernspintomographie, kurz fMRT. Der Kernspintomograph arbeitet mit einem Magnetfeld, das um ein Vielfaches stärker ist als das Erdmagnetfeld. Freiliegende metallische Teile würden unkontrollierbar und mit grosser Wucht in das Gerät hineingezogen werden. Und so würde beispielsweise auch ein herkömmlicher Bildmonitor, wie er für den bevorstehenden Versuch notwendig ist, in einem solchen Magnetfeld nicht mehr funktionieren. Deshalb war eine spezielle Konstruktion am helmähnlichen Kopfteil notwendig, um dem Probanden Bilder einspiegeln zu können.

08.12
Bevor der eigentliche Test beginnt, werden Feineinstellungen und Probeaufnahmen gemacht, die beispielsweise im Längsschnitt ein Bild vom Gehirn mit dem verlängerten Rückenmark liefern. Auch das Profil des Probanden ist erkennbar. Oder im Querschnitt oben die Nase und ein Teil der Augenhöhlen. Diese Bilder lassen noch nicht auf Aktionen im Gehirn schliessen. Um Bilder der Hirnfunktionen zu bekommen, muss das Gehirn gewissermassen optisch geschichtet werden. In unserem Fall sind es acht Schichten von denen der Kernspin nun je ein Bild pro Sekunde liefert. Die funktionelle Kernspintomographie macht sich Durchblutungsänderungen in den Gefässen zu Nutze.

08.54
Statement David Linden, Neuropsychologe, Max-Planck-Institut, Frankfurt:
«Also, wo Nervenzellaktivität ist, dort Einstrom von frischem Blut, und dieses frische Blut, dieses sauerstoffreiche Blut können wir in der Kernspintomographie sichtbar machen mit bestimmten Techniken.»

09.15
«Wir untersuchen das visuelle Kurzzeitgedächtnis. Da geht es darum, dass Probanden bestimmte Bilder sehen, die sie sich möglichst nicht über Wörter merken, sondern wirklich vom visuellen Eindruck her. Das müssen die für einige Sekunden halten, und dann kriegen sie einen Testreiz, der abfragt: Hast du dieses Objekt vor kurzer Zeit schon einmal gesehen oder nicht. Und während dieser Haltephase können wir eben sehen, was im Gehirn ist dafür verantwortlich, dass wir uns über einige Sekunden Bilder, Wörter und Zahlen merken können.»

09.45
Statement Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler, Universität Ulm:
«Es gibt das zementierte Wissen nicht. Es gibt unterschiedlich festes Wissen, wenn man so will. Man hat gerade in den letzten Jahren schön zeigen können, dass selbst langfristig abgespeicherte Erinnerungen, wenn wir sie benutzen, wenn wir sie hervorholen, bei jedem Erinnern sozusagen sich ändern. Es gibt also wirklich keine fixen Dinge in den Schubladen da oben, sondern immer dann, wenn man die Schublade öffnet, ändert man schon wieder deren Inhalt.»

10.15
Statement Adrian Mills, Amnesiepatient:
«Als ich, ich weiss nicht, neue Fliesen gelegt habe, ich wusste gar nicht, wie es geht, ob ich es schon vorher gemacht habe. Aber wenn ich es mache, weiss ich, aha, ich weiss irgendetwas, es ist da, kann ich machen. Es war genauso bei der Arbeit; ich habe etwas gemacht und die Leute haben gesagt: woher weiss der das, aber er kennt mich gar nicht? Und damit haben die meisten Leute Probleme, die verstehen nicht, dass man unter Amnesie leiden kann, die praktischen Sachen des Lebens aber noch da sind. Aber die Erinnerung, wie man es gelernt hat und wie man es das letzte Mal vor dem Unfall gemacht hat, ist nicht mehr da.»

10.55
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«Es ist ja nur sein biographisches, sein episodisches Gedächtnis betroffen, während das Weltwissen ist weiterhin da. Das heisst, er kann sich weiterhin sozial adäquat benehmen, er kann lesen, schreiben, rechnen, und er hat auch alles Allgemeinwissen drauf. Und deswegen wusste er auch einmal vom Wissenssystem wie die Verkehrszeichen lauten, wie er fahren muss. Und vom prozeduralen Gedächtnis konnte er natürlich weiterhin mit dem Auto umgehen wie zuvor. Also, das zeigt auch grad, dass selektiv ein Gedächtnissystem, nämlich das episodische, verloren gehen kann, während die anderen noch voll erhalten bleiben.»

11.32
«Herr Mills erinnert sich weiterhin nicht selbstständig an die Dinge von vor dem Zeitpunkt der Unfallsituation. Auf der anderen Seite: alles nach dem Unfall ist ihm bewusst, hat er neu gelernt, ist auch emotional verknüpft. Und wir vergleichen jetzt das Neugelernte, emotional Gelernte mit den alten, sozusagen verschütteten Erinnerungen.»

11.59
Adrian Mills werden Erlebnisse vorgelegt, die seine Frau aus der Zeit vor dem Unfall notiert hat und solche, die er aus der Zeit danach selbst erlebt und aufgeschrieben hat.

12.09
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«Seine Frau hat ihm natürlich auch erzählt, was mit ihm früher war. Nur wir sagen, die Erinnerungen, die er erzählt bekommen hat, die sind für ihn weiterhin neutraler Stoff, für ihn ist es einfach wie Schulwissen, dass er lernt, 2 hoch 3 ist 8, während die neue Vergangenheit nach dem Unfall, da weiss er was mit anzufangen. Wir wollen die aktive Erinnerung und die Hirnaktivität auf die Erinnerung messen.»

12.49
Der Unterschied ist klar ersichtlich. Zuerst die Hirn- oder Gedächtnisaktivität beim Erinnern an neue, emotional gebundene Erlebnisse und dann die Aktivität bei nacherzählten, für Adrian Mills neutralen Erlebnissen.

13.02
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«Man sieht, dass im Bereich von Stirnhirn und Schläfenlappen insbesondere rechts, aber das kann manchmal auch beidseits sein, eine Verminderung ist im Hirnstoffwechsel. Und man hat so die direkte Verbindung: verminderte Aktivität im Gehirn – verminderte mentale Aktivität, in dem Fall Gedächtnisaktivität. Und wenn die verminderte Aktivität eben da liegt, wo genau die Gedächtnis verarbeitenden Regionen sind, also Schläfenlappen, und auch bei dem Patienten in der Mitte vom Hirn, der Thalamus, dann hat man eben genau das Korrelat, warum die Person amnestisch ist.»

13.46
«Was wir jetzt aus unseren Ergebnissen gefunden haben und vertreten ist, dass es im Grunde gleichgültig ist, ob jemand einen neurologischen Hirnschaden hat, bei dem das Gewebe zerstört ist, oder ob jemand auf Grund von einem aussen induzierten Stresserlebnis, Traumaerlebnis, eine Hirnveränderung hat, die dann biochemischer Natur ist. In beiden Fällen ist dann unterm Strich die Ebene des verloren gegangenen Gedächtnisses die gleiche, nämlich die eigene Biographie. Wenn man mit funktioneller Bildgebung arbeitet, findet man, dass es in den identischen Hirnbereichen zu vermindertem Stoffwechsel kommt.»

14.32
Die funktionelle Kernspintomographie gibt zwar räumlich genaue Angaben im Millimeterbereich, aber nur eine ungenaue zeitliche Auflösung des Geschehens im Gehirn. Hier kommt das EEG zum Einsatz.

14.55
Statement David Linden, Neuropsychologe, Max-Planck-Institut, Frankfurt:
«EEG, Elektroenzephalographie, ist die Ableitung von Hirnstromkurven. Wir haben ja durch die Nervenzellaktivität immer zu jeder Zeit Spannungsänderungen im Gehirn, die man auch an der Schädeldecke ableiten kann. Also, wenn wir Elektroden auf den Kopf kleben, können wir zwischen diesen Elektroden im Millisekundentakt Spannungsänderungen abgreifen und sehen dann, wo und vor allem wann im Gehirn sich die Aktivität abspielt.»

15.37
Für die EEG-Messung wird der selbe Test wie im Kernspin durchgeführt. Es wird eine Serie von Bildern gezeigt, die sich die Probandin über 7 Sekunden merken soll.

15.52
Beim Testreiz muss sie sich entscheiden, ob das Objekt zu denen gehört, die sie sich gemerkt hat.

16.06
Bei allen Probanden zeigt sich in ungefähr das gleiche Resultat.

16.15
Statement David Linden, Neuropsychologe, Max-Planck-Institut, Frankfurt:
«Wir sehen den Ablauf der Hirnaktivität über die erste Sekunde nach dem Testreiz. Der Proband hat jetzt den Testreiz gesehen und entscheidet, war der dabei oder nicht, und hier so nach ungefähr 500 Millisekunden ist die Hauptbelastung, und in diesem Fall war es also ein sogenannter Match, der Testreiz war vorher schon dabei gewesen und so hat er geantwortet, jetzt fällt die Aktivität wieder zusammen.»

16.42
Mit einem speziellen Programm lassen sich die Ergebnisse aus der Kombination von Kernspin und EEG in Echtzeit noch einmal darstellen und verdeutlichen. Der Einfachheit halber werden die Serien der Bilder nicht nacheinander sondern miteinander angezeigt.

16.58
Statement David Linden, Neuropsychologe, Max-Planck-Institut, Frankfurt:
«Jetzt wird es schwieriger, drei Objekte, die man sich merken muss. Und man sieht schon deutlich stärkere Hirnaktivität, gerade hier links vorne während der Haltephase. Testreizentscheidung ja, nein. Jetzt kommen sogar 4 Objekte, noch schwieriger. Durch die Wartephase eigentlich Hirnaktivität bis zum Testreiz. Entscheidung: ja, nein.»

17.24
«Da sind natürlich viele Ungenauigkeiten drin, wir haben erst mal eine Summenaktivität von zigtausenden oder hunderttausenden von Nervenzellen, die sich wiederum in der Aktivität von Kleinblutgefässen niederschlagen. Insofern muss man natürlich sagen, wir sind von der eigentlichen Aktivität der Nervenzellen, die ja die Berechnung der Informationsverarbeitung darstellen, noch relativ weit entfernt. Aber beim Menschen ist es halt das Beste, was wir im Augenblick haben.»

17.50
Statement Rolf Pfeifer, Leiter Artificial Intelligence Laboratory, Universität Zürich:
«Das ist ja das Schöne an der Verwendung von Robotern, weil dort kennen wir alles über die inneren Zustände. Wir kennen die Sensorstimulation, wir kennen die Zustände, denn wir arbeiten ja immer mit künstlichen neuronalen Netzen, wir kennen die Zustände der künstlichen neuronalen Netze. Wir können einfach sukzessive all diese Zustände abspeichern, da wissen wir ganz genau, was passiert ist. Und dann haben wir immer noch eine Overhead-Kamera, dass wir von aussen sehen, was der Roboter tut.»

18.18
Intelligenz braucht einen Körper, so das Credo am Artificial Intelligence Laboratory. Das so genannte Embodiment, das Arbeiten mit Körpern, ist ein unverzichtbarer Teil der Intelligenzforschung. Noch bis in die Mitte der 80er Jahre betrachtete man Intelligenz als reine Informations- oder Symbolverarbeitung, vereinfacht gesagt: Denken als Programm.

18.41
Statement Rolf Pfeifer, Leiter Artificial Intelligence Laboratory, Universität Zürich:
«Jetzt hat sich aber gezeigt, dass man mit diesem Ansatz in gewissen Bereichen überhaupt nicht weiter gekommen ist. Also beispielsweise was Wahrnehmung anbelangt, das Erkennen eines Gesichts in einer Menschenmenge. Gesichtserkennung gibt es schon, aber da muss ich das ganze Gesicht schön brav vor die Kamera tun, das muss dann immer noch etwa gleich beleuchtet sein, so und dann funktioniert das. Gesprochene, natürliche Sprache, Manipulation von Objekten, Gehen, Bewegen, all diese Dinge, alles was irgendwie auch mit gesundem Menschenverstand zu tun hat, das hat man bis jetzt einfach nicht geschafft.»

19.21
Fumiya Iida, Artificial Intelligence Laboratory, Universität Zürich:
«Was wir bis anhin herausgefunden haben ist, dass es für ganz fundamentale Bewegungsabläufe wie beispielsweise das Rennen eigentlich kein Gehirn braucht.»

19.32
«Der Berechnungsaufwand für diesen Roboter ist sehr gering. Es genügt ein kleiner Steuerungschip, der in keiner Art und Weise auch nur annähernd die Leistungen etwa eines Pentium Prozessors erbringen kann. Diese Steuerung gibt allen vier Motoren einen Impuls. Zur Koordination der Motoren braucht man dann nur noch die kleinen Verzögerungen zu bestimmen, und schon führt der Roboter diese Art der Rennbewegung aus.»

20.04
Statement Rolf Pfeifer, Leiter Artificial Intelligence Laboratory, Universität Zürich:
«Wenn wir von der natürlichen Form von Intelligenz ausgehen, was wir intuitiv als intelligent bezeichnen, das ist eben nicht einfach ein Programm, ein abstraktes Programm, sondern das ist ein Körper, der mit einer realen physikalischen und sozialen Umwelt interagiert.»

20.20
«Wir versuchen immer beim Entwurf des Roboters die gesamte Morphologie, dass heisst die Form, die Art der Sensoren, die spezifische Anordnung der Sensoren, die Materialien, die wir verwenden und die spezifische Umgebungen und die Interaktionen mit zu berücksichtigen. Und dann, wenn man das nämlich tut, sieht man, dass die Roboter viel, viel einfacher werden, die werden effizienter, die werden schneller, die werden auch billiger.»

20.50
Um Bewegung zu simulieren und zu erforschen, braucht es keine teuren Materialien. Manchmal genügen Plastikbesteck und Plastikbänder, wie hier beim Projekt Fork Legs, um Knochen, Muskeln und Bänder nachzubauen. Zudem benötigt diese Leichtbauweise keine starken Motoren für den Antrieb. Um den Roboter in Bewegung zu setzen, braucht es lediglich oszillierende Impulse und kein grosses und allumfassend kontrollierend und befehlendes Gehirn. Kompliziert wird es erst, wenn die Daten kontrolliert und ausgewertet werden sollen mit dem Ziel, dereinst menschliche Fortbewegung zu simulieren.

21.39
Statement Fumiya Iida,: Artificial Intelligence Laboratory, Universität Zürich:
«Wir wollen das Prinzip der menschlichen Fortbewegung verstehen. Ganz generell gesprochen: Um etwas sehr Kompliziertes zu erzeugen braucht es ein komplexes System. Das ist aber nicht immer der Fall, und gerade dieser Aspekt interessiert uns. Schon mit wenigen Motoren kann man einiges erreichen. Die Frage ist: Wie können wir ein so vielschichtiges Verhalten mit möglichst wenig Motoren und Sensoren erzeugen?»

22.12
«Dieser Roboter hat nur gerade zwei Motoren, einen für die Hüfte, den andern in der Schulter. Die Steuerung besteht einzig aus einem kleinen Mikroprozessor, der nur ganz einfache Timingsignale gibt. Ist dieses Timing aber sauber auf die beiden Motoren abgestimmt, kann es verschiedene Bewegungen hervorrufen. Sie kann also mit sehr, sehr wenigen Informationen einen ganzen Körper kontrollieren.»

22.46
«Das ist ein weiteres gutes Beispiel für vom Hirn unabhängige Kontrolle und Bewegung.»

22.58
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«Man sagt im Alltag immer vergessen. Und wir nehmen nicht an, dass Leute vergessen, sondern wir sagen, im Regelfall ist es eine Unfähigkeit abzurufen, was aber noch im Gehirn drin ist. Vergessen würden wir dann sagen, wenn das Gehirn wirklich massiv kaputt geht, das ist das Alzheimerbeispiel, da fällt die Information sozusagen aus dem Hirnnetzwerk raus.»

23.36
Statement William F. Frey II, Alzheimer’s Research Center, St. Paul, Minneapolis:
«Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz. Sie ist Ursache für Gedächtnisverlust, Verwirrtheit und Orientierungsstörungen. Und wenn ich von Gedächtnisverlust spreche, bezieht sich das hauptsächlich auf das Kurzzeitgedächtnis.»

23.55
«Weil wir die Ursachen von Alzheimer erforschen und Behandlungsmethoden finden wollten, mussten wir Gehirne von Leuten untersuchen können, die an dieser Krankheit gestorben sind. Und diese Gehirne wollten wir dann vergleichen mit solchen von Leuten, die beispielsweise an einem Herzschlag oder an Alterschwäche gestorben sind. Natürlich wurden uns die Gehirne von den Angehörigen der Verstorbenen gespendet. Seither betreiben wir Forschung am Hirngewebe.»

24.31
«Im Verlauf der Alzheimererkrankung kommt es zu einem Absterben von Nervenzellen im Gehirn und zu einer unnormalen Anhäufung von Eiweissen. Das lässt sich unter dem Mikroskop zeigen.»

24.42
«Hier einige relativ gesunde Nervenzellen, und hier solche, die diese krankhaften Eiweisse aufgenommen und angesammelt haben.»

24.56
«Und diese Eiweisse sind die Ursache für das Absterben der Nervenzellen.»

25.03
«Daneben besteht ein hoher oxidativer Stress durch so genannte freie Radikale, die eine zusätzliche Schädigung des Gehirns bewirken. Es gibt also eine Vielzahl von Schädigungsmöglichkeiten. Am wichtigsten aber ist, dass durch diese Krankheit die chemischen Botenstoffe verloren gehen, die für Gedächtnis und Wahrnehmung wichtig sind.»

25.23
Während einer klinischen Testphase, bei der ein Medikament gegen Alzheimer wie bis anhin üblich gespritzt wurde, stiess Frey auf eine verblüffend einfache Methode, die so genannte Bluthirn-Schranke zu überwinden.

25.39
Statement William F. Frey II, Alzheimer’s Research Center, St. Paul, Minneapolis:
«Die Bluthirn-Schranke schützt unser Gehirn vor Bakterien, Viren und anderen schädlichen Substanzen. Sie verhindert aber auch die Aufnahme von Medikamenten, die bei der Behandlung von Alzheimer, Schlaganfällen, Parkinson und anderen Krankheiten hilfreich sein könnten.»

25.56
«Mir wurde klar, dass unser zu testendes Medikament nicht wirkte, weil es zum grössten Teil das Gehirn nicht erreichte. Es passierte die Hirnblut-Schranke nicht.»

26.10
«Man weiss schon seit anfangs des 19. Jahrhunderts, dass gewisse Bakterien, Viren und einige giftige Stoffe das Hirn von der Nase her erreichen, indem sie dem Weg der Riechnerven folgen. Meine Überlegung war: Wenn Schadstoffe auf diese Weise einen Weg ins Gehirn finden, warum sollten dann nützliche Stoffe das nicht auch können?»

26.34
«Es war sehr aufregend, als wir sahen, dass es tatsächlich funktionierte, und dass wir dem Gehirn Medikamente durch die Nase verabreichen konnten.»

26.42
Die Versuche wurden mit so genannten Nervenwachstumsfaktoren gemacht, von denen man weiss, dass sie das Nervenzellwachstum fördern.

26.50
Statement William F. Frey II, Alzheimer’s Research Center, St. Paul, Minneapolis:
«Forscher in Italien haben gezeigt, dass sie durch Verabreichung dieser Nervenwachstumsfaktoren mit unserer intranasalen Methode bei Tieren mit Alzheimer den Abbauprozess in den Gehirnen umkehren konnten. Wir möchten jetzt wissen, ob das beim Menschen auch möglich ist. Deutsche Forscher haben bereits gezeigt, dass solche Medikamente intranasal das Gehirn auch bei Menschen erreichen. Bis diese Medikamente aber Anwendung beim Menschen finden können, werden noch Jahre vergehen.»

27.29
Statement Adrian Mills, Amnesiepatient:
«Ich wollte immer meinen Gesichtsausdruck sehen und ob ich glücklich war, weil ich hatte viele Probleme damit am Anfang, einfach Gefühle. Und natürlich ist man glücklich auf der Hochzeit, aber, obwohl ich auf dem Video bin, ich weiss nicht, wie ich mich gefühlt habe an dem Tag, weil ich es nicht bin, der der jetzt ist.»

27.50
«Am Anfang wollte ich so sein wie vorher, ich wollte versuchen, so zu sein wie alle mir erzählt haben; wie ich war, wie ich gelacht habe, ob ich witzig war oder wo ich glücklich war. Ich habe es eigentlich falsch gemacht, weil man kann nie eine andere Persönlichkeit nachmachen, man ist wer man ist, und das muss ich jetzt wieder aufbauen.»

28.20
Statement Dean Mills, Stiefsohn:
«Das erste Mal war, als ich zum ersten Mal zu ihm ins Krankenhaus rein durfte, da hatte ich Herzklopfen weil das so komisch war, weil er mich nicht mehr erkannte. Dann sind wir halt rein gegangen, und da hat er mich angeguckt die ganze Zeit, das war schon komisch.»

28.40
Statement Adrian Mills, Amnesiepatient:
«Dean ist halt ein Teenager, und weil ich mich nicht in meine Kindheit reinsetzen kann, wie er sich benimmt, sozusagen, habe ich es gar nicht verstanden. Und dann, wenn wir Probleme haben, fangen die Probleme an mit der Mutter auch, mit meiner Frau. Ich wusste dann, dass ich irgendetwas unternehmen muss. Und ich hab einmal Dean zugeguckt beim Angel, und er hat einen grossen Fisch gefangen, und es hat alles abgebrochen, Leine kaputt, Angel war kaputt, und es hat soviel Spass gemacht, das versuchen reinzukriegen, und da hab ich gedacht, das will ich auch. Und dann hab ich auch damit angefangen und seit dann sind wir nur Angeln gegangen. Aber das hat uns auch Zeit gegeben, miteinander zu sprechen, zu lachen, raus zu finden, was der andere mag und was nicht. Und ich würde sagen, das hat uns wieder zu einander gebracht oder wir haben wieder zu einander gefunden.»

29.42
Statement Hans J. Markowitsch, Neurowissenschaftler, Universität Bielefeld:
«In den Lehrbüchern heisst es meistens, es gibt eine Spontanerholung, und die kommt relativ schnell, die kommt insbesondere nach Konfrontation mit der Wahrheit oder mit der Aussenwelt. Unsere Erfahrung, aber auch die von anderen Wissenschaftlern in der letzten Jahren ist: die Heilungschancen sind sehr gering, also, man kann sagen unter 10%, zumindest über eine Zeit von 5 Jahren betrachtet, und es ist unwahrscheinlich, dass danach noch was kommt.»

30.15
Statement Adrian Mills, Amnesiepatient:
«Ich habe zu sehr gehofft. Und jetzt versuche ich, wieder normal in das Leben hineinzukommen und alles so zu nehmen, wie es ist und versuche nicht mehr daran zu denken. Aber ich hoffe immer, dass es irgendwann zurückkehrt, immer.»


NZZ Swiss made: Memory

01.22
Statement Erwin Glonnegger, Verlagsleiter 1959–85:
«Ich glaube nicht, dass es ein Produkt gibt, das so viele Millionen in der ganzen Welt gebracht hat wie dieser Titel. Und es ist auch heute noch ein, nicht nur ein Bestseller, sondern auch ein Longseller. Und das ist auch ungeheuer wichtig, weil man damit eine Art Lokomotive hat, die das ganze andere Programm immer wieder mitzieht.»

01.51
«Ich habe das Memory nach Hause gebracht, hab's auf den Tisch gelegt und es hat sofort funktioniert. Das war ein ganz seltener Glückszufall. Sowohl meine Frau sowieso, wir sind alle spiel geschädigt gewesen. Ah, sagen sie, endlich mal etwas, was man sofort begreift. Und die Kinder waren ganz begeistert, weil sie nämlich gemerkt haben, sie schaffen das auch, sie sind uns Erwachsenen ebenbürtig, während sie sonst in der Regel frustriert waren, weil wir Erwachsenen sie meistens an die Wand gespielt haben.»

02.27
«Zum Memory bin ich gekommen, da hat mich also ein gewisser Herr William Hurter aus Zürich angerufen. Er hat gesagt, er sei in der Schweizer Botschaft in London tätig gewesen, und da habe ihm sein Vater zu Weihnachten ein selbst gebasteltes Spiel mitgebracht. Aus der Schweizer Jugendzeitung Pro und aus allen möglichen Illustrierten oder Katalogen hat er solche Bilder ausgeschnitten, und die hat er auf quadratische Kärtchen geklebt."

03.00
Und in ihrer Grundform quadratisch sind die Memory-Kärtchen bis heute geblieben, wenigstens die meisten.

01.51
Statement Erwin Glonnegger, Verlagsleiter 1959–85:
«Als ich ihn damals gefragt hab, wie heisst das Spiel eigentlich, sagte er: Na, ja, wir haben da keinen so richtigen Namen dafür, in Basel heisst das Spiel "Zwillingsspiel", aber die Nachbarskinder, wenn die immer kamen zum Spiel, oder wenn sie spielen wollten, sagten die: Let's play your memory game. Da sagte ich: Da haben wir doch einen Titel, den nehmen wir.»

03.31
Statement Karsten Schmidt, Vorstandssprecher Ravensburger AG:
«Also vom Bundeskanzler bis zum grössten Fussballverein hier in Deutschland, bis zu grossen Konzernen, jeder hat auf seiner Webpage mal Memory, weil das so ein eingeführter Begriff ist, dass gar keiner glauben mag, dass jemand die Marke – nämlich wir – die Marke besitzt. Und wir müssen überall dann hingehen und im Grunde aufmerksam machen und dafür sorgen, dass es vom Web runtergenommen wird. Für einen Hersteller wie für uns, das grösste Kapital sind die Marken und natürlich verteidigen wir die vehement. Ich würde mal sagen, 20–30% der Zeit, die unsere Rechtsabteilung im Verteidigungsbereich aufwendet, ist die Marke Memory zu verteidigen.»

04.13
Statement Erwin Glonnegger, Verlagsleiter 1959–85:
«Während meiner Zeit habe ich über 100 Memory Plagiate zusammengetragen. Und es sind heute bestimmt über 200.»

04.22
Die Grundidee, das Suchen verdeckter Bildpaare, geht allerdings nicht auf die Schweizer Familie Hurter zurück. Bereits im 16 Jahrhundert wurde ein ähnliches Spiel in Japan gespielt. Kartenspiele wie «Pairs» oder «Pelmanism» basieren auf dem gleichen Prinzip. Zudem gab es in der Schweiz das sogenannte «Zwillingsspiel», von dem Ravensburger die Urheberechte übernahm.

04.42
Statement Erwin Glonnegger, Verlagsleiter 1959–85:
«Und der Herr Hurter, dem ich das erzählt hab, hat gesagt: Ich wusste das natürlich nicht, dass das Spiel schon vorhanden war, und ich sehe das auch ein, dass das nicht schutzfähig ist. Da sage ich: Ja, aber Herr Hurter, Sie haben das Spiel gebracht und wir sind auch auf diesen Titel MEMORY miteinander gestossen, also dafür werden Sie auf alle Fälle honoriert, wenn auch nicht so wie ursprünglich vorgesehen, nämlich für jedes einzelne Stück ein Absatzhonorar, sondern wir geben ihnen für jedes Memory, das erscheint in jedem Jahr eine Pauschale von 1000 Mark.  So haben wir dann, sagen wir fast von Monat zu Monat oder von Halbjahr zu Halbjahr an diesem Memory gearbeitet und  immer wieder etwas Neues dazu genommen. Übrigens hat dann dieses Spiel immer noch 6 Mark und 80 gekostet, hat aber jedes Jahr einige Karten mehr bekommen. Also wir haben mit 96 Karten angefangen, sind dann auf 120 gegangen, dann auf 126, immer mit dem gleichen Preis. Dem Juniorchef seine Frau hab ich da rein getan, und meinen Sohn habe ich auch rein getan.»

05.57
Seit 1958 wurden rund 50 Millionen Spiele in über 80 Länder der ganzen Welt verkauft und im Ravensburger Spieleland kann es sogar aus dem Helikopter gespielt werden.

06.10
Statement Erwin Glonnegger, Verlagsleiter 1959–85:
«Heut zu Tage bin ich stolz darauf, dass dieses Paare finden, dass diese Grundidee, die sozusagen von uns aus dem Untergrund hervorgeholt wurde und an den Markt geführt wurde, dass die so viel bewirkt hat in der Spielszene, dass man sagen kann, heute ist die Deutsche Spielszene die Interessanteste auf der ganzen Welt.»

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