1.21
Ziegen haben viel mit Delphinen gemein: sie wirken auf Menschen sympathisch. Sie haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, sind verspielt oder kämpferisch, eigensinnig, klug und lebensfroh. Kurz: so, wie die meisten Menschen selbst gerne wären, ein Spiegelbild der menschlichen Seele. Und sie lassen sich, wie Delphine auch, auf Menschen ein.
1.50
Der Zirkus. Es gibt kaum einen Ort, wo das Zusammenspiel aller Beteiligten so entscheidend ist für den gemeinsamen Erfolg.
2.03
Ziegen sind deshalb gern gesehene Zirkusartisten, vor allem im Teamwork mit angehenden jungen Dompteuren, wie zum Beispiel im Zirkus Monti. Seit zwei Jahren treten die Söhne von Direktor Johannes Muntwyler mit einer kleinen Ziegenherde aller in der Schweiz vertretenen Rassen auf.
2.25
Tobias und Mario werden in jeder Probe mit dem zickigen Charakter ihrer Schützlinge konfrontiert. So erhalten beide, Tier und Dompteur, täglich ihre Lektion.
3.06
Auf der Insel Kreta erlauben Klima und Vegetation nur in Tallagen eine landwirtschaftliche Nutzung des Bodens. In den strauchreichen, trockenen Hügel- und Gebirgszügen des Hinterlandes ist deshalb die Ziegen- und Schafhaltung oft die einzig mögliche Form der Landbewirtschaftung. Ziegen sind genügsam, wetterresistent und können tagelang ohne Trinkwasser auskommen. Vor rund 10 000 Jahren waren es denn auch Ziegen, die, zusammen mit Schafen, im Gebiet Vorderasiens als erste Wildtiere domestiziert wurden. Ihre Stammform, die Bezoarziege, ist heute noch in Kreta heimisch. Und in Kreta soll der junge Zeus am Fuss des Ida-Gebirges von der Ziege Amaltea gestillt worden sein.
3.52
In den Wintermonaten ergänzen viele Ziegenhalter die karge Futterration der Bergziegen mit Olivenästen, die ohnehin abgeschnitten werden müssen. 30 Jahre hat Jorgos Fasoulakis in Athen gearbeitet und dabei gut verdient – nun ist er in seine Heimat zurückgekehrt.
4.12 Jorgos in:
Ich liebe die Tiere und die Natur. Ich geniesse es, endlich der Hektik, dem Stress der Grossstadt entkommen zu sein. In dieser Arbeit finde ich wieder Ruhe und Erholung.
4.28
Von der Ziegenzucht leben kann Jorgos mehr schlecht als recht, ein Auto besitzt er nicht und Esel sind ausser Mode geraten. Oft marschiert er zwei Stunden bis hierher. Oder er findet Platz im Geländewagen seines Nachbarn Charalamos, der im gleichen Gebiet eine Schafherde bewirtschaftet. Die Art des Melkens ist allerdings äusserst anstrengend. Charalamos’ Sohn Nikos hat eine Aufhängevorrichtung gebastelt, um seinen Rücken zu schonen.
5.00
Schafe sind nicht ganz so genügsam wie Ziegen, in der Beweidung ergänzen sich die beiden Tierarten.
5.09 Jorgos in:
Schafe brauchen Gras, also bewachsenen Boden, und bleiben in der Herde beisammen. Ziegen hingegen können überall weiden und verteilen sich weiträumiger über den Berg.
5.25
An der kleinen Feldhütte von Charalamos, der untersten im Hinterland des Touristenortes Matala, müssen täglich alle Ziegen- und Schafhalter dieser Bergregion vorbeifahren. Und wenn es denn schon einmal regnet, was ohnehin fast nur im Winterhalbjahr vorkommt, gibt es keinen Grund, das gastliche Lokal zu meiden. Dann findet ein Dutzend Leute oder mehr auf 20 Quadratmetern bequem Platz. Die Gastfreundschaft der Kreter ist sprichwörtlich.
6.10
Zäune gibt es hier oben nicht, nur vom Kulturland im Tal sind Ziegen und Schafe ausgezäunt. Streit um Weiderechte gibt es dennoch nicht.
6.20 Jorgos in:
Jedem von uns, auch mir, gehört ein bestimmtes Stück Land. Aber die Tiere weiden eben da, wo sie wollen, und jeder holt sie dann von Zeit zu Zeit wieder auf den eigenen Grund und Boden zurück.
6.35
Jorgos hat im Tal, an der Strasse zwischen Pitsidia und Matala, auch einen rudimentär eingerichteten Hof mit einigen Kleintieren und auch Schafen. Morgens und abends kommt er hier vorbei, um die Tiere zu füttern, und die Schafe zu melken. Der Verkauf der Schafsmilch zur Herstellung von Feta-Käse deckt wenigstens seinen täglichen Bedarf an Zigarretten.
7.00
Hier hält Jorgos auch einige Milchziegen für den eigenen Milchbedarf und zur Ziegenkäseproduktion. Seine zwei Söhne, die in Kretas Hauptstadt Heraklion arbeiten, gehen ihm am Wochenende gelegentlich zur Hand. Jorgos ist überzeugt, dass sie dereinst dankbar sein werden, seinen Kleinbetrieb übernehmen zu können. Das entbehrungsreiche, aber unabhängige Leben als Ziegenzüchter findet Jorgos immer noch besser als jede Anstellung.
7.45
Auch Gerhard Gebauer lebt von den Ziegen. In Scheuring im bayerischen Kreis Landsberg betreibt er zusammen mit seiner Frau Manuela einen Bio-Betrieb, zu dem auch ein kleiner Hofladen gehört. Hier verkauft er selbst produzierte Ziegenfleischprodukte, aber auch Ziegenmilch-Erzeugnisse seines Milchabnehmers. Denn vom Milchverkauf lebt er.
8.12 Gebauer in:
Meine Zinsen und Schulden bezahle ich mit der Milch. Die Wirtschaftlichkeit von Ziegenfleisch ist bei Altziegen noch möglich, wenn man Salami und so weiter produziert. Aber bei Jungziegen ist die Fütterung wegen der Bioproduktion so teuer, dass der Kunde nicht bereit ist, für das Produkt so viel zu bezahlen, wie ich eigentlich dafür haben müsste. Das heisst, ich bezahle für die Futtermittel eines Kitzes mehr, als ich Einnahmen habe.
8.45
Das liegt daran, dass Altziegen vor der Schlachtung jahrelang Milch produziert haben, männliche Jungziegen aber nicht. Gerhard Gebauer füttert seine rund 200 Milchziegen mit biologischen Produkten wie Getreide, Karotten, Heu und Silage, die er selbst produziert oder in der Umgebung anbauen lässt. Und zwar das ganze Jahr über. Er bietet ihnen zwar Auslauf im Freien, aber keinen Weidegang.
9.00
Die Herde teilt er so in Gruppen auf, dass möglichst wenig Rangordnungskämpfe stattfinden. Nur etwa die Hälfte seiner deutschen Edelziegen sind enthornt, und Auseinandersetzungen können schon einmal zu ernsthafte Verletzungen führen.
9.30
Als sich Gerhard Gebauer vor zehn Jahren entschloss, einen neuen, modernen Stall zu bauen und ganz auf Milchziegen zu setzen, ging er ein grosses Risiko ein. Da der Stall für die 50 Ziegen, die anzuschaffen er sich leisten konnte, viel zu gross schien, brauchte er für Spott in der Gegend nicht zu sorgen. Heute ist er spürbar stolz auf den Neid, der ihm inzwischen erwachsen ist.
9.50 Gebauer in:
Die andern Landwirte in der Gegend sagten alle: was baut der hier, einen Reitstall oder was. Über Nacht waren alle Stahlträger aufgebaut worden und die meinten: der spinnt, der hält da nie Ziegen, niemals. Jetzt bin ich sowieso schon ein Aussenseiter wegen Bio, und dann kam die Ziegenhaltung, da haben sie mich für total verrückt erklärt. Aber als sie dann gesehen haben, dass ich drei Mal in der Woche mit dem Anhänger meine Milch in die Molkerei gefahren habe und die Behälter auf dem Anhänger wurden von Jahr zu Jahr immer grösser, da fanden sie das nicht mehr so lustig.
10.30
Morgens und abends 200 Ziegen zu melken setzt eine perfekte Infrastruktur voraus. Dazu gehört ein gut ausgebildeter Hund genauso wie eine funktionell einwandfreie Melkanlage. Gerhard Gebauer hat beides. Und die 20 Ziegen, die pro Ablösung in den Melkstand kommen, sind bestens trainiert. Ziegen sind ja clever und finden sofort den richtigen Weg und den richtigen Platz.
11.10
Ohne Hilfe kommt auch Gerhard Gebauer kaum aus. Er kann täglich auf die Mitarbeit seiner Mutter, seines Vaters oder seiner Ehefrau zählen, wenn die beiden Kinder versorgt sind.
11.25
Jede seiner reinrassigen deutschen Edelziegen gibt im Jahr rund 1000 Liter Milch, das ist guter Durchschnitt. Weil der Milchpreis im Winter höher ist als im Sommer, versucht Gerhard Gebauer, die Geburten für den Herbst zu planen, aber ganz melkfrei ist nie.
11.42
Ziegenmilch hat eine ähnliche Zusammensetzung wie Kuhmilch mit leicht höheren Anteilen an Fett, Vitaminen und Mineralstoffen. Vor allem aber weil sie frei von Lactalbumin ist, steigen Menschen mit einer Kuhmilchproteinallergie oft auf Ziegenmilch um. In Deutschland ist der Konsum von frischer Ziegenmilch innert eines Jahres derart gestiegen, dass die Molkerei Andechser, bei der Gerhard Gebauer seine Milch abliefert, ihre Ziegenkäseproduktion massiv hat einschränken müssen, um der Nachfrage gerecht zu werden. Wenn das so weitergeht, müssen auch Gebauers Nachbarn bald auf Ziegenhaltung umstellen...
12.20
Toni Arnold aus Spirigen im Schächental ist ein typischer Schweizer Bergbauer. Er betreibt einen Familien-Kleinbetrieb, der vorwiegend von der Kuhmilchwirtschaft lebt. Die jüngsten zwei von insgesamt zehn Kindern arbeiten mit, stehen schon um vier Uhr morgens auf, um beim Melken zu helfen.
12.50Toni Arnold hat auch einige Ziegen im Stall. Zwar nutzt er auch ihre Milch, aber der eigentliche Grund für seine Ziegenhaltung ist topographischer Natur.13.10 Toni Arnold in:Wir haben viel steiles Land. Das heisst, 87 Prozent meiner landwirtschaftlichen Nutzfläche weist über 50 Prozent Hangneigung auf. Ich bin auf Ziegen angewiesen, denn ich kann mit dem Rindvieh viele Teile gar nicht beweiden.13.40Mit der Ziegenmilch zieht Toni Arnold einerseits Zicklein auf. Die weiblichen dienen der Zucht, die männlichen landen, meist an Ostern, auf einem Gourmet-Teller. 14.13Natürlich trinkt auch die Familie Ziegenmilch und isst Ziegenfleischprodukte. Einige der älteren Geschwister von ..... und .... haben als Konditorin, Charcutière oder Metzger schliesslich alle gelernt, aus Ziegenmilch oder –fleisch leckere Esswaren herzustellen14.30Aber Toni Arnold verwendet die Ziegenmilch, die an sich teurer verkauft werden kann als Kuhmilch, je nach logistischer und wirtschaftlicher Effizienz auch zur Aufzucht von Mastkälbern 14.45 Toni Arnold in:Jetzt verfüttere ich die Ziegenmilch noch den Geisskitzen und den Kälbern. Nach Ostern, wenn die Schlachtzicklein weg sind, kann ich sie in Bürglen in der Käserei abliefern. Und im Sommer auf der Alp habe ich nur noch vier Ziegen, deren Milch ich wiederum den Aufzuchtkälbern verfüttere.15.20Nach sieben Uhr, wenn sich die beiden Kinder auf den halbstündigen Fussmarsch in die Schule begeben, sammelt Toni die Milch der umliegenden Höfe ein, um sie zur Molkerei ins Tal zu fahren. Als langjähriger Kantonsrat geniesst er bei seinen Landsleuten natürlich nachhaltigen Respekt und seine Meinung hat Gewicht.15.55Zurück aus dem nebelverhangenen Tal an der Sonne, gönnt Toni Arnold seinen Ziegen einen kleinen Ausflug an die frische Luft. Olivenäste kann er ihnen zwar nicht bieten, aber Tannenzweige tun es auch...16.35In der Region der südfranzösischen Ardèche befindet sich eine von zwölf Zucht- und Forschungsstationen, die sich in Frankreich allein den Ziegen widmen: Le Pradel.Rund hundert Tiere der gemsfarbenen Gebirgsziege, allesamt enthornt, sind hier daheim, aufgeteilt in zwei gleich grosse Gruppen. Die Ziegen beider Gruppen sind sorgfältig ausgewählt gemäss Alter, Grösse und bisheriger Milchleistung, um schlüssige Vergleichsergebnisse erhalten zu können.17.30Zur Zeit untersuchen die Forscher, um wie viel geringer die Milchmenge ausfällt, wenn eine Gruppe nur einmal täglich statt zwei Mal gemolken wird. Das setzt voraus, dass beide Gruppen genau gleich ernährt werden, weshalb fast jeder Grashalm abgewogen werden muss.17.50Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Milchleistung nur um knapp 20 Prozent sinkt, womit die Frage aktuell wird: lohnt sich der Aufwand, zwei Mal am Tag zu melken. Für gewisse Betriebe wahrscheinlich nicht. Andere Fragen sind längst beantwortet, zum Beispiel jene nach der Milchleistung in Abhängigkeit von Stallfütterung oder Weidegang.18.18 Lefrileux in:Unsere erste bedeutende Erkenntnis war, dass Ziegen mit Weidegang die genau gleiche Milchleistung erbringen wie jene, die nur im Stall gefüttert werden.18.35Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit in Le Pradel ist die Aufzucht. Das geschieht einerseits durch gezielte genetische Auswahl, anderseits durch optimale Ernährung. Nur einer Woche lang erhalten die Kitze Ziegenmilch, dann müssen sie sich an Pulvermilch gewöhnen. Damit die schwächsten und jüngsten unter ihnen nicht leer ausgehen, erhalten sie Hilfe von der Ersatzmutter.19.00Von den Böcken werden die meisten jung verkauft, doch eine kleine Anzahl von ihnen wird zur Zucht verwendet. Das Ziegenzentrum Le Pradel versteht sich auch als Lieferant von widerstandsfähigen und leistungsfähigen Tieren für die rund 5000 Ziegenhalter der Region.19.18 Lefrileux in:Im Rahmen unserer Aufzucht behalten wir natürlich einige Böcke, die für eine künstliche Besamung gebraucht werden, andere werden als Zicklein verkauft, aber jedes Jahr profitieren ein, zwei Züchter von unserem genetisch hervorragenden Nachwuchs um neue Herden aufzubauen.19.35Dank gezielter genetischer Auswahl gehören die Ziegen von Le Pradel auch in Bezug auf ihre Milchleistung zu den besten, schliesslich sollen sie ja der Ziegenkäseproduktion dienen.19.48 Lefrileux in:Wir erzielen einen Wert von 1100 Litern pro Ziege im Jahr, was klar höher ist als der Landesdurchschnitt. Dazu können wir eine sehr gute Milchzusammensetzung ausweisen, sowohl im Fett- wie im Proteingehalt.20.00Natürlich wird in Le Pradel auch Käse produziert, und auch dabei kommt dem Zentrum Vorbildfunktion zu. Verarbeitet wird ausschliesslich Rohmilch mit natürlichen, selbst entwickelten Kulturen.2.12 Lefrileux in:Ein erstes Element ist die Phase der Brechung der Milch, also der Sauerwerdung, dann kommt die Formung, also der Guss, das Wenden und das Salzen, und weil wir natürliche Fermente verwenden, entwickelt sich eine bestimmte Oberflächenkultur. Indem wir den Käse während 24 bis 48 Stunden bei verhältnismässig hoher Luftfeuchtigkeit und Temperatur im Arbeitsraum lassen, fördern wir die Entwicklung der Oberflächenkultur. Im Trocknungsraum entziehen wir dem Käse während zwei Tagen das Wasser, möglichst ohne dass sich eine Kruste bildet, und dann folgt der Reifeprozess.12.01Das Ergebnis: der für diese Region typische Picodon. Und doch gibt es Unterschiede.12.05 Lefrileux in:Wenn ich mit derselben Technik zehn Kilometer von hier einen Käse produziere, wird er nicht genau gleich schmecken wie dieser. Das liegt an der Rohmilchzubereitung.21.16Mindestens zwei Wochen alt muss er sein, um als Picodon verkauft zu werden – aber er kann auch noch monatelang weiter reifen.21.23Wenn das Wetter schön ist, lässt es sich Hobby-Ziegenzüchter Hans Marugg auch im Hochwinter nicht nehmen, über Mittag mit seinen Saanen-Ziegen einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Und diesen scheint der Ausflug genau so viel Spass zu bereiten.21.39Hans Marugg betreibt in Klosters ein kleines Architekturbüro. In der Hauptsaison ist das ein ziemlich stressiger Job, weil jeder Feriengast, der hier bauen will oder sich für ein Appartement interessiert, gerade jetzt intensiv betreut sein will. Aber der Versuch, sich von seinen Ziegen zu trennen, schlug vor einigen Jahren fehl.21.55 Marugg in:Im Jahr 2000 habe ich gemeint, es gehe nun auch ohne Ziegen. Ich habe sie meinem Patenkind gegeben – aber von da an fehlte mir immer etwas. Ich konnte abends nicht mehr schlafen, konnte nicht abstellen. Zum Glück hat mein Patenkind die Ziegenzucht bald wieder aufgegeben, und ich habe die Ziegen wieder zurückgenommen. Seither kann ich wieder schlafen.22.25Steht eine Geburt bevor, schaut Hans Marugg mehrmals täglich im Stall vorbei, und so kann es vorkommen, dass er mitten am Tag auch einmal hängen bleibt. Zum Beispiel, wenn es eine besonders schwere Geburt zu werden verspricht.22.58Natalie scheint Zwillinge oder gar Drillinge auf die Welt zu bringen, so dick ist ihr Bauch. Aber es geht nicht weiter. Hans Marugg macht sich Sorgen wie auch sein Bruder Johannes, der wegen eines Beinbruchs ohnehin ausser Gefecht gesetzt ist.23.35Sogar die beiden eine Woche alten Nichten der werdenden Ziegenmutter staunen über die ungewohnten Klagelaute.23.45Endlich. Hans Marugg bläst dem Neugeborenen die Nasenlöcher frei und überlässt es dann der Mutter zum Trockenlecken. 23.58Ob es nun ein Geisslein oder ein Böcklein ist, nimmt ihn denn doch noch Wunder.24.15Statt zwei oder drei ist es doch nur einer geworden, dafür ein ganz besonders grosses Exemplar. Daher auch die besonders schwere Geburt. Aber alle Beteiligten haben sich schnell erholt. Und der wackere Jüngling wird nur von Mutters Zunge daran gehindert, sofort aufzustehen.25.00Eine Viertelstunde später:Natalie geniesst schon eine erste Sonderration trockenes Brot.Klein Beat wagt einen ersten scheuen Blick auf die grosse weite WeltUnd die Verwandten dürfen den Neuankömmling ein erstes Mal besuchen.25.20Für Hans Marugg bedeutet das noch mehr Arbeit während der Hochsaison, noch mehr melken und füttern. Erst im Sommer hat er Ruhe.25.28 Marugg in:Im Winter säuge ich die Kitze, so ungefähr bis Ostern, dann käse ich selbst, und anfangs Juni gehen sie auf die Alp, wo während des ganzen Sommers Käse hergestellt wird. Wir haben auf einer Höhe von 1650 Metern eine Ziegenalp, auf der rund eineinhalb Tonnen Käse produziert wird, den wir hauptsächlich in der Region verkaufen.25.54Hans Maruggs Anteil am Alpkäse landet zum grossen Teil in Schlappin. Hier, mitten im Skigebiet, betreibt Hans Maruggs Freundin ein kleines Restaurant, in dem natürlich Ziegenwürste und Ziegenkäse zu den Spezialitäten gehören. In Stosszeiten lässt er es sich nicht nehmen, auch hier selbst Hand anzulegen.26.27Und am Morgen in aller Frühe, bevor die ersten Kunden wieder Pläne sehen oder Kostenvoranschläge besprechen wollen, steht Hans Marugg wieder im Stall. Misten, Melken, Kitze füttern. Beat, einiges grösser als seine eine Woche älteren Geschwister, muss vom ersten Tag an lernen, aus der Schüssel zu trinken. Säugen am Ziegeneuter beeinträchtigt die Milchmenge, meint Hans Marugg.27.00Die Morgenarbeit dauert knapp zwei Stunden, abends nicht viel weniger, der Mittagsspaziergang eine halbe, und bei Geburten wie am Vortag kommen zwei weitere Stunden dazu. Dennoch findet Hans Marugg, die Zeit sei gut investiert.27.20 Marugg in:Andere gehen biken oder rennen im Wald herum – und habe diese Geissen. Die Zeit muss man sich einfach nehmen, sonst hat es keinen Sinn, sich Tiere zuzulegen.27.37Das Hürital, ganz hinten im Muotathal. An den steilen Hängen des Wasserbergs klebt die Alp Zingel. 27.47Auf dem einzigen flachen Platz weit und breit eine Alphütte und die Bergstation eines Transportbähnchens.27.55Heiri Schelbert und seine Frau verbringen im Sommer rund 10 Wochen hier oben, mit 20 Milchkühen, 200 Schafen und 40 Ziegen. Schelberts haben aus der Not eine Tugend gemacht: die Steilheit des Geländes brachte sie auf die Idee, es mit Ziegen zu versuchen. Diese Kletterkünstler finden ihr Futter auf den exponiertesten Graten, in den steinigsten Runsen, den steilsten Hängen, vor allem da, wo die Kühe gar nicht hinkommen.28.24Für die Produktion des Ziegenkäses ist die Sennerin zuständig. Agnes Schelbert stammt zwar ebenfalls aus einer Bauernfamilie, hat das verkäsen von Ziegenmilch allerdings erst hier erlernt. 28.40Verwertet wird alles. Mit dem Käserei-Abfallprodukt Molke werden ein Dutzend Schweine gemästet. Sie legen in den rund 100 Alptagen ungefähr 40 Kilo zu und werfen im Herbst, wenn sie geschlachtet werden einen bescheidenen Gewinn ab.28.56Käsen ist anstrengend, vor allem hier oben, ohne elektrischen Strom, wo alles von Hand erledigt werden muss, vom Erhitzen der Ziegenmilch in einem Kupferkessel über offenem Feuer bis zum Abfüllen mit einer Schöpfkelle.29.14Irgendwann tauchen die Ziegen plötzlich an der Alphütte auf. Das Alpleben scheint ihnen richtig Spass zu machen, aber für Schelberts heisst es: alles andere liegen lassen, etwas Kraftfutter verteilen, und dann melken. Lässt man die Ziegen zu lange warten, sind sie wieder weg. Anderseits weiss man nie, wann sie kommen, vormittags, nachittags oder gar zwei Mal am Tag.29.40Nur vier Ziegen gehören den Schelberts selbst, die übrigen sind hier in Pension. Die Milch, die sie geben, ist sozusagen das Futtergeld. Die verschiedenen Ziegenbesitzer erhalten immerhin eine kleine Abgeltung in Form einiger Ziegenkäselaibe. 30.00Nach dem Melken ist Siesta angesagt, mindestens bei den Ziegen.30.10Für Schelberts geht die Arbeit da weiter wo sie sie unterbrochen hatten. Zum Beispiel im Käsekeller. Trotz aller Alpromantik: hier oben ist so ein Sommer ein richtiger Krampf.30.20Aber der traditionelle Bet-Ruf gehört auch auf der Alp Zingel zum Tagesabschluss.
1.12
Auch im kleinen Bündner Bergdorf Vals ist eine Nebenerwerbsquelle – zum Beispiel im Tourismus - für die Bergbauern zu einem Muss geworden – von der Landwirtschaft allein kann kaum einer überleben.
1.25
Alois Stoffel hat sich für ein ganz besonderes Nischenprodukt entschieden: er stellt Ziegenbutteröl her. Im Winterhalbjahr holt er bei den Bauern in Vals und den umliegenden Dörfern die Ziegenmilch ab, im Sommer gewinnt er sie auf einer Ziegenalp selbst. Daraus macht er Ziegenbutter.
1.50
Bekannt und anerkannt ist die gesundheitsfördernde Wirkung von Ziegenmilch, die wertvollen Substanzen sind auch in der Ziegenbutter enthalten. Mit dieser Problematik beschäftigt sich seit Jahren der Chemiker und Naturliebhaber Walter Hunkeler.
2.10 Hunkeler in:
Die Wirkung der Ziegenbutter beruht auch auf den Fettsäureketten, die typisch sind für die Ziegenmilch. Das sind vor allem Capron-, Capryl-, Caprinsäure, das kommt von Capra, der Ziege. Und apropos Chemie und Natur: das wollen wir nicht gegeneinander ausspielen, die Natur ist auch Chemie.
2.32
Alois Stoffel verwendet seine Ziegenbutter nun nicht als Brotaufstrich, sondern verarbeitet sie, im Auftrag von Walter Hunkeler, zu Ziegenbutteröl. In jahrelanger Tüftelei hat er eine Anlage konstruiert, mit der die Ziegenbutter keim- und wasserfrei gemacht werden kann. Das Resultat ist eine hochwertige Substanz, die pro Liter rund 600 Franken Wert ist.
3.02
In Castasegna, zuunterst im Bergell, befindet sich in einem ehemaligen Hotel ein kleiner Laden mit Kosmetika und Körperpflege-Mitteln. Im Sortiment auch naturnahe Soglio-Produkte. Sie sind das Rasultat von Walter Hunkelers Natur- und Bergverbundenheit. Denn vor 30 Jahren wanderte der Chemie-Laborant mit der ganzen Familie von Basel ins Bergell aus, ins Sonnendorf Soglio, um Bergbauer zu werden.
3.28 Hunkeler in:
Wir haben angefangen mit Milchschafen, doch die Leute in Soglio haben gesagt: wollt ihr nicht Ziegen anschaffen, denn wir haben zu wenig Ziegen für einen Hirten. So hat das mit den Ziegen angefangen. Dann haben wir als Zuzüger gesehen, dass es sehr schwierig ist, von den Rohstoffen zu leben – also müssen wir die Rohstoffe veredeln. Aber unsere ganze Liebe ist im Berggebiet geblieben, und die Verbindung zum primären Sektor, zur Landwirtschaft.
4.00
Im ehemaligen Hotel Croce Bianca in Castasegna landet auch Alois Stoffels Valser Ziegenbutteröl, tief gefroren und abgepackt.
4.20
Dank dem vorgängigen Veredelungsprozess kann die Ziegenbutter zwar nicht mehr ranzig werden, aber ein Geschmackstest gehört einfach zur Prozedur. Dann werden die Ziegenbutterölblöcke zusammen mit genau rezeptierten ätherischen Ölen wieder geschmolzen und mit speziellem Bienenwachs verarbeitet. Aus der Ziegenbutter entsteht so ein Körperpflegemittel mit therapeutischem Potential.
4.50
Einmal pro Woche nimmt die familiär kleine Chemiker-Crew in Castasegna den grossen Topf in Betrieb und produziert, je nach Stand der Aufträge und Lagerbestände, auf der Basis von Ziegenbutteröl Nagelpflegemittel, einen Massage-Balsam oder ein Muskelpräparat. Die Firma kann damit in dieser Randregion immerhin 12 Angestellte beschäftigen.
5.20
Als Medikamente gelten die Soglio-Produkte zwar nicht, dennoch ist ihre therapeutische Wirkung unbestritten
5.29 Hunkeler in:
Die Wirkung ist eine wohltuende vor allem auf Gelenke, aber auch Muskeln, Rückenschmerzen, Knieschmerzen, Schultergelenke, Hüftgelenke – da wirkt es hervorragend.
5.40
Und deshalb findet ein Teil der Ziegenbutter den Weg wieder zurück nach Vals, genauer gesagt in die von Architekt Peter Zumthor entworfenen Räume der berühmten Therme.
5.55
Immer mehr Kurgäste setzen nämlich auch hier auf naturnahe Produkte. Und da kommt ihnen wie auch den Masseusen und Physiotherapeuten der Bergeller Ziegenbutterbalsam mit Valser Wurzeln perfekt entgegen.