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Sardinien - Insel der Hundertjährigen

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1:10
Sardinien hat eine der ältesten Kulturen des Mittelmeers. Hier haben sich uralte Traditionen erhalten.

1:43
Sardinien ist auch die Insel des langen Lebens. Hier gibt es mehr Menschen, die über hundert Jahre alt werden als anderswo. Fast in jedem Dorf trifft man sie an. Es sind über dreihundert.

1:59
Ein Forschungsprojekt der Universität Sassari untersucht die Gründe dieses erstaunlichen Phänomens.

2:07
Ein Team von Ärzten, Demographen und Historikern unter der Leitung von Professor Luca Deiana sammelt die Daten von allen Menschen, die nachweislich mehr als hundert Jahre alt wurden, durch Recherchen in Gemeindearchiven und Kirchenbüchern auch von bereits verstorbenen. Bis jetzt sind 1700 bekannt.
 
2:25
In Ovodda besucht Luca Deiana mit zwei Ärzten aus seinem Team Mariantonia Loddo, 103 Jahre alt. Traditionsgemäss lebt sie bei ihrem ältesten Sohn.

2:35
Fragen zu Lebensgewohnheiten, Ernährung und Familiengeschichte bringen Indizien, wieso die Frau dieses hohe Alter erreichte.

2:46
Die Hundertjährigen sind für Luca Deiana zum Lebensthema geworden.

2:54 O-Ton Andrea Marchisio
Wie heissen Sie?

2:55 O-Ton Mariantonia Loddo
Loddo Mariantonia

2:58 O-Ton Andrea Marchisio
Wo sind sie geboren?

2:59 O-Ton Mariantonia Loddo
In Ovodda.

3:00 O-Ton Andrea Marchisio
An welchem Tag?

3:03 O-Ton Mariantonia Loddo
Das weiss ich jetzt nicht mehr.

3:05 O-Ton Andrea Marchisio
Aber Sie kennen ein Lied?

3:12 O-Ton Mariantonia Loddo
Singt ein Lied.

3:28 O-Ton Andrea Marchisio
Wie hiess Ihr Ehemann?

3:30 O-Ton Mariantonia Loddo
Mio marito?

3:47 O-Ton Luigi Secchi
Wer ist das?

3:53 O-Ton Luigi Secchi
Dein Ehemann ist das!

4:01 O-Ton Andrea Marchisio
Essen Sie mit der rechten oder linken Hand?

4:04 O-Ton Mariantonia Loddo
Come?

4:06 O-Ton Andrea Marchisio
Essen Sie mit der rechten oder linken Hand?

4:13 O-Ton Andrea Marchisio
Was haben Sie gemacht in Ihrem Leben?

4:17 O-Ton Mariantonia Loddo
Ich machte...die Familie...

4:22 O-Ton Andrea Marchisio
Haben Sie immer in Ovodda gelebt?

4:24 O-Ton Mariantonia Loddo
Sempre a Ovodda.

4:37 O-Ton Andrea Marchisio
Sind Sie religiös?

4:38 O-Ton Mariantonia Loddo
Come?

4:39 O-Ton Andrea Marchisio
Ê religiosa?

4:40 O-Ton Mariantonia Loddo
Sì!

4:42 O-Ton Luigi Secchi
Sie betet manchmal zwei Stunden.

4:46 O-Ton Mariantonia Loddo
Ich bete immer.

4:51
Luca Deiana, Biologe Universität Sassari
Es gab in Sardinien immer Hundertjährige. Unser Projekt hat den Namen AKeA, ein Kürzel für „A Kent Annos“, das heisst „Auf hundert Jahre“. Mit diesem Gruss wünscht man in Sardinien einem Menschen, wenn er ankommt oder verreist, dass er hundert Jahre leben möge.

5:14
Mariantonia Loddo erkennt auf einer Familienfoto alle ihre Verwandten.

5:36 O-Ton Andrea Marchisio
Und wo sind Sie?

5:40 O-Ton Mariantonia Loddo
Ich bin diese hier.

5:47 O-Ton Andrea Marchisio
Was für ein schönes Mädchen!

5:53 O-Ton Luigi Secchi
Sie ist auch jetzt schön, sie hat schöne Hände...

5:55 O-Ton Andrea Marchisio
Sie waren sehr hübsch und Sie sind es heute noch.

6:02 O-Ton Andrea Marchisio
Was für schöne Hände!

6:05
Inzwischen haben die Forscher herausgefunden, weshalb die Sarden so alt werden.

6:15 Luca Deiana, Biologe Universität Sassari
Wie kann man diese Langlebigkeit erklären? Sie hat in erster Linie genetische Gründe. Denn der Chromosomensatz, die Gene der Sarden, sind so zusammengesetzt, dass ein Teil von ihnen, nicht alle natürlich, aber ein hoher Prozentsatz, über hundert Jahre alt werden kann.

6:39
Der genetische Faktor wurde dank Blutuntersuchungen ermittelt. Von allen Hundertjährigen auf der Insel werden dafür Blutproben genommen.

6:45
Die alte Frau mag das nicht sehr, aber ihre jüngste Tochter und ihr Sohn trösten sie.

7:01
Ein weiteres Indiz sind Familiengeschichten. In einigen Familien gibt es überdurchschnittlich viele Hundertjährige.

7:13
Wer weiss, ob die Urenkelin auch einmal so alt wird.

7:23
Die Sarden waren Bauern und Hirten, und sie bewegten sich den ganzen Tag in einer sauberen Umwelt. Ihre karge Ernährung bestand aus eigenem Gemüse, Schafkäse und Wein. Grundnahrungsmittel war Sauerteigbrot aus lokalem Hartweizen.

7:40
In den Bergen treffen sich die Frauen vor allem vor Festtagen, um gemeinsam Brot zu backen.

7:48
Sardinien hat mit über dreihundert Brotsorten eine der reichsten Brotkulturen der Welt.

7:57
Kentos, das Brot der Hundertjährigen, wird von einer Bäckerin im Bergdorf Orroli aus einer alten Getreidesorte hergestellt.

8:08 Viviana Sirigu, Bäckerin
Mit diesem Getreide und dem Sauerteig, der dreihundert Jahre alt ist und von meiner dreifachen Urgrossmutter stammt, machen wir unser Brot. Es gibt darin tausende von lebenden Mikroorganismen, die einen geben den Geschmack, andere das lange Leben. Sie sind wie wir. Damit sie überleben, brauchen sie Nahrung, sonst sterben sie.

8:31
Aber auch in Sardinien lebt man nicht vom Brot allein. Zur Langlebigkeit der Menschen scheint der sardische Schafkäse das seine beizutragen.

8:46
Die Sarden mit der traditionellen Lebensweise der Hirten essen wenig Fleisch, aber täglich Käse, und sie haben trotzdem eine sehr proteinreiche Nahrung.

9:01
Der Fiore Sardo, ein natürlich hergestellter Schafkäse, ist reich an Proteinen und Kalzium und enthält kein Cholesterin.

9:12
Einige Menschen in Sardinien werden weit über hundert Jahre alt. In Orroli lebte Giovanni Frau, der 2003 im Alter von 112 Jahren starb.

9:24
Rita Lobina ist aber auch schon 103. Sie lebt bei ihrer ältesten Tochter, auch schon 80 Jahre alt, und hat gerade Besuch vom Bürgermeister.

9:36 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Stellen Sie sich vor, wenn Sie erst einmal 110 Jahre alt werden.

9:40 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Da werden alle Leute wiederkommen, bestimmt auch Luca Deiana.

9:51 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Der Wunsch ist gut, aber das liegt nicht in unserer Hand.

9:59 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Der erste Hundertjährige hier war Giovanni Frau. Er wurde 112 Jahre alt, und von da an hatten wir die Ära der Hundertjährigen. Nach ihm kamen andere, aber niemand erreichte mehr als 104 Jahre.

10:19 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Giovanni Frau wurde 112 Jahre und zehn Monate alt, er starb 2003.

10:29 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Die Hundertjährigen sind alle sehr klein, vielleicht spielt auch die Körpergrösse eine Rolle. Sie sind feingliedrig und klein, alle unter ein Meter sechzig. Und sie sind sehr mager.

10:44 O-Ton Anna Pisano
Sie wiegt nur 35 Kilo.


10:47 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Sie führen also ein ruhiges Leben?

10:53 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Welches von Ihren Kindern war der grösste Schlingel?

11:04 O-Ton Rita Lobino
Alle waren gleich.

11:10 Antonio Orgiana, Bürgermeister von Orroli
Einer der Gründe der Langlebigkeit ist auch der Charakter. Es sind alles ausgeglichene Personen, methodisch, ausgewogen im Essen und Trinken, und sie regen sich nicht auf.

11:33
In Bitti führen die Tenores mit ihrer Musik eine alte Tradition fort. Der Canto Tenores wird nur mündlich überliefert und ist Teil des Weltkulturerbes der Unesco.

12:08 Daniele Cossellu, Tenores di Bitti Remunnu’e Locu
Das ist nicht nur eine alte Tradition, es ist eine uralte, antike Tradition, die wir von unseren Ahnen geerbt haben.

12:19 Daniele Cossellu, Tenores di Bitti Remunnu’e Locu
Man sagt, dass dieser Gesang, der Canto, über tausend Jahre alt ist, und das ist sicher so.

12:27 Daniele Cossellu, Tenores di Bitti Remunnu’e Locu
Um es kurz zu machen, wir können mit Sicherheit sagen, dass der Canto voller Geheimnisse ist, weil es keine schriftlichen Zeugnisse gibt, welche die Ursprünge dieses Gesangs datieren.

12:46 Daniele Cossellu, Tenores di Bitti Remunnu’e Locu
Die Unesco hat diesen Canto als Weltkulturerbe anerkannt, in der Kategorie „nicht materiell“, das heisst, man kann ihn nicht berühren. In dieser Kategorie gibt es in Italien nur den Canto Tenores und die Pupi Siciliani.

13:06 Daniele Cossellu, Tenores di Bitti Remunnu’e Locu
Materielle gibt es sehr viele, aber  von den anderen haben wir wirklich nur diese beiden.

13:23
Auf Sardinien, das als Insel lange Zeit isoliert war, haben sich archaische Zeugen aus vergangenen Epochen erhalten.

13:38
Die Nuraghe, über dreitausendjährige Befestigungen, sind auf der ganzen Insel verstreut.

13:45
Es gibt hier auch die ältesten Olivenbäume Italiens. Sie sind über tausend Jahre alt.

13:57
Zu den Bewahrerinnen der Kultur gehören die Frauen. Sie haben in Sardinien eine wichtigere Rolle in der Gesellschaft als auf dem italienischen Festland.

14:13 Antonia Làconi Vargiu, Unternehmerin
So wie in antiken Zeiten hat sich vieles erhalten, die Traditionen blieben dieselben. Wir haben eine mündlich überlieferte Kultur, es gab keine Schrift. Unsere Vorfahren überlieferten uns die Traditionen mit Geschichten und Legenden von Mutter zu Tochter. Auch heute noch geben wir so die Esskultur weiter. Ich koche so wie meine Mutter, sie kochte so wie ihre Mutter, und ich bewahre und führe diese Kultur genauso weiter.

14:46
Antoria Làconi Vargiu hat im Haus ihrer Familie in Orroli ein Bauernmuseum mit Hotel und Restaurant eingerichtet, ganz im traditionellen Stil mit Gegenständen aus Familienbesitz, das Omu Axiu, das Haus der Vargiu.

15:08
Es ist ein lebendiges Museum. In der Speisekammer trocknet der Schinken, den die Gäste essen. Der Wein kommt aus der Gegend.

15:21
Man fühlt sich in ein anderes Jahrhundert zurückversetzt.

15:28
Die Hausherrin bereitet die Pasta selber zu.

15:35 Antonia Làconi Vargiu, Unternehmerin
Das sind Delikatessen, die man in einem einzigen Dorf in Sardinien machte. Denn jedes Dorf hat seine eigene Pastasorte.

15:45 Antonia Làconi Vargiu, Unternehmerin
Die sardischen Frauen waren sehr erfinderisch. Jede versuchte die andere zu übertreffen und neue Sorten zu kreieren. Alle Formen der Pasta wurden von den Frauen erfunden. Sieh mal, schön wie eine Blume.

16:10
Die Kultur wird gelebt, auch von den Jungen, und sie tanzen nicht nur in traditionellen Kostümen.

16:31
Eine Zeit lang war die überlieferte Musik vom Aussterben bedroht.

16:37
Dank einigen Musikern wie Luigi Lai, dem Maestro der Launeddas, der traditionellen sardischen Blasinstrumente aus Schilfrohr, hat sie sich wieder einen Platz erobert.

17:54 Luigi Lai, Musiker
Das war das Instrument der armen Leute, und es war bei den Intellektuellen ein bisschen verpönt. 1970 waren die Launeddas fast verschwunden. Ich habe fünfzehn Jahre in der Schweiz gearbeitet, und als ich zurückkam, gab es niemanden mehr. Das Instrument wurde verlassen, als die amerikanische und die englische Musik eingeführt wurden.

18:20 Luigi Lai, Musiker
Es waren nicht Schweizer oder Deutsche, die gegen unsere Musik waren, sondern die Sarden selbst, sie haben unsere Kultur verweigert. Es brauchte Mut, einen sardischen Tanz zu spielen, denn die Leute wollten weder sardischen Gesang noch sardische Musik.

18:36
Die Schilfrohre für die Launeddas wachsen überall auf der Insel. Schilf spielt auch beim Fischen der Meeräsche eine Rolle. Deren Rogen, die Bottarga, streut man über die Spaghetti. Die Methode der Fischer ist uralt. Auch hier werden Legenden darum gesponnen.
Das Schilf dient als Schleuse für die Fische, die in die Lagune hinein- und hinausschwimmen. 18:58

19:00 Beppe Piergallini Peschiera Pontis, Cabras
Das ist ein natürliches Material, wir sind die einzige Fischerei in Italien mit diesem System.

19:10 Beppe Piergallini Peschiera Pontis, Cabras
Die Fischer selbst haben sich für dieses Material entschieden, weil sie sagen, dass der Gesang des Wassers und der Schilfrohre die Fische anziehe.

19:21 Beppe Piergallini Peschiera Pontis, Cabras
Das ist zwar nicht wahr, aber sehr poetisch, und der Gedanke, dass das Schilf singt und wie die Sirenen den Fisch anzieht, ist sehr schön.

19:35
Es gibt Theorien, die in Sardinien das sagenumwobene Atlantis sehen.

19:45
Überall findet man Spuren von vorchristlichen Kulturen. Wo heute die Kirche San Salvatore steht, gab es einst einen heidnischen Tempel. Die Schriftstellerin Michela  Murgia hat in einem Roman eine Sagengestalt zum Leben erweckt, die ein anderes Verhältnis zum Tod zeigt.

20:06 Michela Murgia, Schriftstellerin
Krankheit und Tod spielen keine Rolle mehr im Alltag. Die Kinder sehen die Toten nicht mehr. Ich habe alle meine Toten gesehen. Meine Enkel werden ihre Grossmutter nicht mehr sehen, wenn sie gestorben ist, weil sie schockiert wären.

20:22 Michela Murgia, Schriftstellerin
Wenn man den Kindern die Idee vermittelt, dass der Tod ein Schock ist, der nur die anderen betrifft, gewöhnt man sie nicht daran, Frieden zu machen mit einem Übergang, der unvermeidlich ist und niemandem erspart bleibt. Auch wenn man in Sardinien hundert Jahre alt wird, kommt der Tod doch zu allen. Es wäre also besser, vorher mit ihm Frieden zu schliessen.

20:47
Das Buch, das auch auf deutsch erschienen ist, ist ein Beitrag zur Diskussion über die Sterbehilfe. Die Sagengestalt heisst Accabadora.

21:01 Michela Murgia, Schriftstellerin
Es ist eine Gestalt, die mündlich überliefert ist. Die Legende spricht von einer Frau, die von der Gemeinschaft die Aufgabe erhielt, die Agonie der Sterbenden, die den Übergang nicht aus eigener Kraft schafften, zu beenden. 

21:20 Michela Murgia, Schriftstellerin
Dass die Legende mündlich überliefert ist, heisst nicht, dass die Gestalt nicht wirklich existiert hat. Die mündliche Überlieferung war sehr lange die einzige Form, in der in Sardinien nicht nur Mythen sondern auch wirkliche Begebenheiten weitergegeben wurden. Alle wichtigen Dinge haben wir einander im Lauf der Jahrhunderte von Mund zu Ohr gesagt.

21:45
Ovodda in den Bergen Sardiniens hat im Moment vier über Hundertjährige und einige, die das biblische Alter auch bald erreichen könnten. In Sardinien werden auch Männer sehr alt, nicht ganz so viele wie Frauen, aber mehr als an andern Orten.

22:01
Luca Deiana und sein Team besuchen Giovanni Antonio Vacca. Er ist vor wenigen Monaten 100 Jahre alt geworden.

22:09 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Und wer sind Sie?

22:11 O-Ton Luca Deiana
Die kommen aus der Schweiz

22:12 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Wer?

22:13 O-Ton Luca Deiana
Die hier, das ist ein Fernsehteam aus der Schweiz

22:18
O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Warum denn das?

22:19 O-Ton Luca Deiana
Um Sie zu besuchen! Sie sind eine wichtige Person.

22:23 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Ich?

22:27 O-Ton Anna Sulis
Und ich komme aus Cagliari.  — Wie geht’s?

22:28 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Ich möchte Sie begrüssen.

22:30 O-Ton Anna Sulis
Wie geht’s?

22:31 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Mir gut.  Und Sie?

22:32 O-Ton Anna Sulis
Nicht schlecht.

22:34 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Und wie geht’s Dr. Sulis?

22:36 O-Ton Anna Sulis
Gut, danke

22:37 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Und seiner Frau?

22:38 O-Ton Anna Sulis
Gut.

22:40 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Mir scheint, Dr.Sulis ist ziemlich alt geworden.

22:45 O-Ton Anna Sulis
Er ist ja auch schon neunzig!

22:47 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Neunzig? Na gut...

22:56 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Meine Beine wollen nicht mehr laufen, und der Rücken tut weh.

23:01 O-Ton Andrea Marchisio
Das schauen wir auch an.

23:05 O-Ton Andrea Marchisio
Wo sind Sie geboren?

23:06 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
A Ovodda.

23:07 O-Ton Andrea Marchisio
An welchem Tag?

23:10 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Am 7. Oktober 1909. Ich bin hundert Jahre alt.

23:21 O-Ton Andrea Marchisio
Und wo ist Ihre Mutter geboren?

23:23 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
A Ovodda.

23:24 O-Ton Andrea Marchisio
Und Ihr Vater?

23:25 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
A Ovodda!

23:27 O-Ton Andrea Marchisio
Leben Sie allein oder mit einem Verwandten?

23:32 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Das weiss ich nicht.

23:34 O-Ton Andrea Marchisio
Sie leben mit Ihrem Neffen?

23:36 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Der da kommt immer vorbei.

23:38 O-Ton Andrea Marchisio
Aber sie schlafen allein hier?

23:48 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Das Bett ist nur für eine Person, da hat kein anderer Platz!

23:59 Luca Deiana, Biologe Universität Sassari
Alle leben zu Hause, in der Familie. Das gibt ihnen eine grössere Sicherheit als in einem Heim, weil sie die Angehörigen um sich haben, und das trägt dazu bei, dass die Hundertjährigen zufriedener und in einem positiven Umfeld leben können.

24:22
Giovanni Antonio Vacca soll ein paar Schritte gehen.

24:33 O-Ton Andrea Marchisio
Von der Türe bis dorthin.

24:38 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Ich kann auch dieses Fenster öffnen.

24:40 O-Ton Luca Deiana
Nein, es ist kalt draussen.

24:42 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Ach, wen kümmert das schon.

25:07 O-Ton Andrea Marchisio
Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben?

25:18 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Ja was soll ich da sagen...

25:21 O-Ton Andrea Marchisio
Sind Sie zufrieden?

25:27 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Also einerseits bin ich zufrieden...und andererseits — bin ich auch zufrieden. Aber ich hatte auch schlechte Zeiten.

25:43 O-Ton Andrea Marchisio
Können Sie da unterschreiben? Auf der Linie da.

25:45 O-Ton Giovanni Antonio Vacca
Eh, die Linie...

25:51 O-Ton Andrea Marchisio
Ich halte Ihnen den Finger hin.

26:02
TRENNER

26:18
Die Hundertjährigen von Sardinien haben einen reichen Schatz an Erfahrungen, die auch im Liedergut zum Ausdruck kommen.

26:30
Elena Ledda und Simonetta Soro singen auf sardisch, einer Sprache, die sehr nahe beim Lateinischen ist. Ihre Musik verbindet die alte Tradition mit modernen Formen.

27:13
Die Sängerin Elena Ledda bereiste Sardinien bis in die entlegensten Bergdörfer, um die alten Gesänge zu sammeln. Auch in ihrer Familie gibt es Hundertjährige.

27:29 Elena Ledda, Sängerin
Meine Grossmutter ist hundertjährig gestorben, und sie war ein Lexikon, ein Museum, und nicht nur meine Grossmutter, alle alten Frauen dieses Alters. Die Bedeutung eines langen Lebens ist nicht nur eine persönliche Erfahrung, sondern wichtig für uns alle, die wir diesen Menschen begegnen, denn wer könnte die Geschichte besser überliefern als jemand, der schon so lange gelebt hat.

27:55
Rosa Frau aus Ovodda ist 108 Jahre alt.

28:00
Jeden Tag hört sie den katholischen Sender Radio Maria, und dazu betet sie. Sie hört und sieht nicht mehr gut, aber im Kopf ist sie noch klar. Das ist charakteristisch für die Hundertjährigen in Sardinien.

28:13
Luca Deiana hat sie schon viele Male besucht.

18:20 O-Ton Luca Deiana
Wie geht es Ihnen?

18:24 O-Ton Rosa Frau
Was sagen Sie?

18:26 O-Ton Luca Deiana
Wie geht es Ihnen?

28:28 O-Ton Rosa Frau
Gut geht es mir!

28:29 O-Ton Luca Deiana
Das freut mich!

28:31
Von diesen vier über Hundertjährigen lebt nur noch Rosa Frau. Sie lebt bei ihrer Tochter, die ihr bei der Verständigung hilft.

28:42 O-Ton Maria Cuga
War es früher oder heute schöner?

28:46 O-Ton Rosa Frau
Früher war es schöner, auch wenn man nichts hatte.

28:55 O-Ton Maria Cuga
Aber auch jetzt sind es schöne Zeiten, was meinst du?

29:04 O-Ton Rosa Frau
Für mich schon, heute bin ich eine Dame.

29:13 O-Ton Rosa Frau
Früher war ich die Mutter und sie die Tochter, heute bin ich die Tochter und sie die Mutter.

29:21 O-Ton Maria Cuga
Wir haben die Rollen vertauscht.

29:32 O-Ton Maria Cuga
Was hat dir Jesus geschenkt?

29:37 O-Ton Rosa Frau
Er hat mir das Leben geschenkt.

29:40 O-Ton Maria Cuga
Und was noch?

29:43 O-Ton Rosa Frau
Alles hat er mir geschenkt.

29:47 O-Ton Luca Deiana
Wir kommen wieder wenn Sie 109 und 110 werden.

29:50 O-Ton Rosa Frau
Was sagt er?

29:54 O-Ton Maria Cuga
Er sagt, er wolle kommen, wenn du 109 und sogar 110 wirst. Meinst du, du schaffst es, 110 zu werden?

30:06 O-Ton Rosa Frau
Sogar noch mehr!

30:10 Musik


Swiss made:

1:01
Die Brasserie Seefeld in Zürich sieht wie ein normales schweizerisches Restaurant aus. Erst auf den zweiten Blick offenbart es seinen wahren Charakter, seine Italianità, oder besser seine sardischen Wurzeln.

1:10
Fisch, Meeresfrüchte und Tomaten gehören zur Pasta nach Art von Alghéro. Antonello Mancosu führt das Ristorante und steht auch selber am Herd. Er kam als junger Mann in die Schweiz. Die Bindung an die Heimat ist geblieben. (1:32)

1:25 Antonello Mancosu, Chef de Cuisine
Es ist eine sehr enge Bindung, denn meine Eltern und Geschwister leben dort, und ich habe viele Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, Bis 18 lebte ich dort. Dann kam ich hierher, und es gefällt mir gut.

1:43
Die Sarden im Ausland sind in den Circoli Sardi gut organisiert. Insgesamt leben mehr Sarden im Ausland als auf der Insel selbst, in der Schweiz rund 30'000. Sie sind für Sardinien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Emigration hat sich gewandelt. (2:05)

2:00 Francesca Fais, Präsidentin „Circoli Sardi“ Schweiz
Als eigentliche Botschafter Sardiniens sind wir gegenüber den Schweizern offener geworden. Wir bringen ihnen die Kultur und die Traditionen Sardiniens näher. Hingegen ist die Rückkehr nach Sardinien zwar eine Möglichkeit, aber für die zweite Generation nicht mehr zwingend.

2:15
Der alteingesessene Käseladen am Zürcher Schaffhauserplatz wurde von zwei jungen Sarden übernommen, die auch sardische Spezialitäten führen. Die Brüder Roberto und Guglielmo Panchina gehören zur zweiten Generation. Sie sind Quereinsteiger, Roberto arbeitete als Autolackierer, Guglielmo in einer Bank.

2:35
Sardischer Käse findet auch bei käseverwöhnten Schweizer Kunden Anklang.

2:43
Die Eltern sind nach Sardinien zurückgekehrt. Der Vater ist inzwischen gestorben, und die Mutter kommt oft in die Schweiz. Als Importeure von typischen Produkten reisen die Brüder nun häufiger nach Sardinien.

2:58 Guglielmo Panchina
Ich bin stolz, Sarde zu sein, denn die Insel ist fantastisch, das Klima, die Produkte, und die Sarden sind als Insulaner anders als die auf dem Festland.

3:11
Nach wie vor ist eine der Spezialitäten des Käseladens das Schweizer Käsefondue. Die Schweiz ist die zweite Heimat. (3.30)

3:23 Guglielmo Panchina
Die Schweiz bedeutet mir viel, denn ich bin hier aufgewachsen, ich denke schweizerisch und könnte mir nicht vorstellen, dass ich heute auswandern würde.

3:36 Roberto Panchina
Ich kann nicht dasselbe machen wie meine Eltern. Sie kamen in die Schweiz, um zu arbeiten und Geld zu verdienen, aber das Ziel war immer, wieder zurückzugehen.

3:48 Roberto Panchina
Wir sind hier geboren und aufgewachsen und waren immer da, wir gehen nur in die Ferien dorthin. Das ist sehr schön, aber ganz dort zu leben könnte ich mir nicht vorstellen.

4:16
Manchmal ist die Bindung an den Ort, wo man die Kindheit verbringt, stärker als die Wurzeln in der Heimat.

4:25
Der Musiker Stefano Lai wurde in der Schweiz geboren. Seine Eltern sind zum Arbeiten in die Schweiz gekommen und hier geblieben. Auch er kann sich nicht vorstellen, nach Sardinien zurückzukehren. (4.46)

4:39 Stefano Lai, Musiker
Ich bin hier geboren und aufgewachsen und habe hier studiert, habe hier etwas aufgebaut, ich bin an zwei grossen Musikschulen tätig, leite drei Chöre, das müsste ich alles nochmals neu aufbauen.

5:08 Stefano Lai, Musiker
Es ist wichtig, dass man das Herkunftsland nicht idealisiert, das ist eine Gefahr. Man kennt das Land aus den Ferien, das sind immer schöne Erlebnisse,  — meistens, und der Alltag ist etwas anderes.

5:22
Die Bindung von Sarden der ersten Generation an die Insel ist noch stark, sie sprechen auch lieber italienisch als deutsch. (5:38)

5:30 Antonello Mancosu, Chef de Cuisine
Sardinien ist ein kleiner Kontinent, unsere Mentalität ist die von Inselbewohnern. Je weiter man weg ist, desto mehr gibt es so etwas Gewisses.... wie ein Magnet.

5:48 Massimo Gagliani, Chef de Service
Wir warten auf die Ferien, um unsere Familien wiederzusehen. Es ist der Ruf unserer Erde. Jetzt, wenn im April die schönen Tage beginnen, wird die Sehnsucht gross.

06:04
Die Sehnsucht nach dem Süden kennt man diesseits der Alpen auch ohne Sarde zu sein.

06:10
Manchmal hilft ein Teller Pasta.

 

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