1.10
Das Ziel jedes Fussballspielers: einmal ein Finalspiel gewinnen, einmal einen Pokal in die Höhe stemmen, einmal champagnergeduscht zum Hit „we are the champions“ tanzen. Am Tag x muss eine Mannschaft dafür nicht nur technisch, taktisch und konditionell, sondern auch mental bereit sein. Immer öfter wird dazu ein Sportpsychologe beigezogen, zum Beispiel Hanspeter Gubelmann.
1.40
Statement Gubelmann:
Es gibt den Bereich der mentalen Leistungsoptimierung. Sehr häufig kommen Athleten zu mir oder zu Mentaltrainern und sie wollen ihre Leistung verbessern. Da geht es darum, die mentalen, die psychologischen Fähigkeiten zu verbessern. Beispielsweise, sich besser konzentrieren zu können, sich besser auf den Start vorzubereiten, sich selber längerfristig zu motivieren. Hier gilt es Strategien zu entwickeln, dass sie mental stärker werden. Das ist ein typisches Mentaltraining, das auch Sportpsychologen anbieten können.
2.18
Wenn vor dem Spiel die Nationalhymne ertönt, sind bei jedem Spieler nicht nur die Muskeln, sondern auch die Nerven angespannt. Für manchen Athleten eine Motivations-Ressource, mit der er seine Leistung optimieren kann. Für einen anderen hingegen eine Quelle der Angst vor dem Versagen. In Deutschland sind Sportpsychologen spätestens seit Jürgen Klinsmanns Erfolgen an der Fussball-WM als Fachkräfte bei Spitzensportlern etabliert. An der Universität Münster hat sich zum Beispiel Bernd Strauss international einen Namen gemacht.
2.52
Statement Strauss:
Seit einigen Jahren ist es so, dass sich viele Teams, viele Sportler und auch die Verbände – der deutsche olympische Sportbund beispielsweise -, aber auch viele Fussballvereine, und nicht zuletzt die deutsche Fussball-Nationalmannschaft sich entschieden haben, mit Sportpsychologen professionell zusammen zu arbeiten. Ein Sportpsychologe, eine Sportpsychologin ist ein wichtiger Bestandteil innerhalb eines Unterstützungsteams für eine Mannschaft oder einen Athleten. Der Sportpsychologe ersetzt keinen Trainer - er hat eine Funktion wie ein Physiotherapeut oder ein Sportmediziner. Ein Psychologe gehört heute zum professionellen Sport einfach dazu.
3.36
Die Tore müssen immer noch die Spieler selbst erzielen. Manch verzweifelter Coach hat diese Binsenweisheit nach einem überlegen geführten und dennoch verlorenen Spiel schon von sich gegeben. Von einem ausgebildeten Psychologen lassen sich aber nur wenige Trainer beraten. Viele betrachten die Psychologie neben dem sportspezifischen Bereich als Bestandteil ihres Coachings. Sie fürchten sich davor, Kernkompetenzen abgeben zu müssen. Doch ein ausgewiesener Fachmann will das gar nicht. Sportpsychologe Jörg Wetzel:
4.22
Statement Wetzel:
Ein Trainer agiert immer auch irgendwie psychologisch. Es ist ein Werkzeug, das er einsetzt, wenn er coacht. Immer, wenn ein Trainer mit Menschen zu tun hat, passiert ohnehin etwas psycholgisches. Der Trainer ist nie Psychologe – der Psychologe ist Psychologe. Der Psychologe ist aber auch nicht Trainer - der Trainer bleibt Trainer. Er hat aber die Möglichkeit, psychologisch einzuwirken. Das tun viele – und das tun viele auch sehr gut.
4.52
Die Schweiz gewann das Heimspiel gegen die Türkei 2:0 – hier das erste Tor – und qualifizierte sich für die WM. In Europas obersten Ligen gewinnt die Heimmannschaft über 65 Prozent der Punkte und klar über 50 Prozent der Spiele. Doch was macht den Heimvorteil aus? Das Publikum? Die vertraute Umgebung? Der gewohnte Tagesablauf? Nichts davon. Strauss hat nachgewiesen, dass allein das Wissen darum Grund für den Heimvorteil ist.
5.22
Statement Strauss:
Der wesentlichste Grund ist die eigene psychische Verfassung des Athleten und des Teams. Wir in der Sportpsychologie sprechen von Selbstwirksamkeit. Es geht um das Selbstvertrauen. Ich habe einen höheren Glauben an mich selbst und an meine Leistungsfähigkeit wenn ich zu Hause spiele. Im Grunde genommen ist das eine Art Placebo-Effekt, wo man allein durch den eigenen Glauben daran zu einer grösseren Stärke findet. In Untersuchungen konnte man zeigen, dass sich Athleten tatsächlich mehr anstrengen, schneller laufen und so weiter, wenn sie sich bewusst sind, dass sie zu Hause laufen – bei genau gleicher Aufgabestellung.
6.10
Das 2:0 gegen die Türkei. Die Schweizer Spieler also voller Selbstvertrauen. Das Publikum könnte vielleicht aber doch etwas dazu beigetragen haben, denn in der Entstehung sah der Angriff verdächtig nach Offside aus. Wie Schieds- und Linienrichter auf ein fanatisches Publikum reagieren ist der Ansatz für die nächsten Studien, die Bernd Strauss über den Heimvorteil anstellt. Doch erste Ergebnisse lassen auch daran zweifeln.
6.40
Statement Strauss:
Was zur Zeit diskutiert wird, ist in der Tat der Schiedsrichter-Einfluss – ob sich allenfalls Schiedsrichter von den Zuschauern beeinflussen lassen und dann Fehlentscheidungen treffen zu Gunsten der Heimmannschaft. Wenn man das genauer anscheut kann man feststellen, dass im komplexen Entscheidungsgefüge Schiedsrichter tatsächlich fehleranfällig sind, dass sich das aber durchaus verteilt.
7.07
Der Heimvorteil kann sich aber auch ins Gegenteil verkehren, wenn der Druck zu gross wird. Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit, von Presse und Fernsehen geschürt, das Publikum, von der eigenen Euphorie angesteckt und vom Vorteil der Heimmannschaft überzeugt, können sich leistungshemmend auswirken. Die Angst vor dem Versagen geht um. Ein typischer Fall für einen Sportpsychologen.
7.30
Statement Strauss:
Der Vorteil liegt ja bei der eigenen Mannschaft. Und das ist dann oft eine Situation, in der der Druck – der positive Druck – zu gross werden kann. Da gilt es dann, vorher die eigenen Erwartungen, das eigene Selbstvertrauen an die öffentlichen Erwartungen anzupassen. Wenn das zueinander passt, dann kann man die Angst vor dem Versagen in entscheidenden Situationen reduzieren.
8.00
Neben statistischen Studien widmet sich die Uni Münster auch der Wahrnehmungspsychologie. Optische Geräte erfassen die kleinsten Bewegungen der Pupillen und setzen sie mittels Computer in Relation zur gestellten Aufgabe.
Die Aufgabe lautet: erkenne in den letzten zwei Sekunden eines Angriffsstosses des gegnerischen Fechters, wo er dich getroffen hat. Der Proband ficht nicht selbst mit, er benutzt die Fernbedienung nur zur Anzeige, wo er sich getroffen wähnt. 8.29
Hält das Fernsehbild im Augenblick des Stosses an, kann man unschwer erkennen: Treffer oben, aber wo?
Oberarm, grün: richtig gesehen.
8.41
Offensichtlich tief: Knie.
8.48
Rot bedeutet Fehler, grün wäre richtig.
Nicht nur die Pupillenbewegungen, sondern auch die Fokussierung wird erfasst.
Das ist das Bild, das sich dem Probanden bietet. Fechten Sie mit!
9.15
Wissenschaftlich relevant ist nicht das Spiel selbst, sondern die Erkenntnisse, die aus den Computerdaten und den Bewegungen der Pupillen gewonnen werden können: wohin fokussiert der Proband, wie schnell kann er den Bewegungen des Gegners folgen? Und welche Trainingsmethoden lassen sich daraus ableiten?
9.38
Die psychische Belastung für einen Fussballspieler ist wohl dann am grössten, wenn ein Spiel im Elfmeterschiessen entschieden wird. Da liegen die Nerven in einer Cuppartie zwischen einem unterklassigen Verein und dem oberklassigen Favoriten genauso blank wie in einem Champions-League-Final. Hier: Concordia Basel gegen den FC Zürich.
10.13
Der letzte, entscheidende Elfmeter. Ist es Können, ist es Glück, dass die Sensation doch ausbleibt? Hatte der Torhüter stärkere Nerven als der Schütze?
10.27
An der freien Universität Amsterdam untersucht man seit Jahren die psychologischen Aspekte und Abhängigkeiten zwischen Torhüter und Schützen beim Penalty. Zum Beispiel: wohin schaut der Torhüter, wenn der Schütze anläuft? Wann und wie sollte er reagieren?
10.45
Mit einem Joy-Stick kann der Torhüter bestimmen, wohin er hechtet. Auf dem Bildschirm läuft ein Spieler zum Elfmeter an.
In diesem Fall wäre er bestimmt zu spät gekommen, im nächsten in die falsche Ecke getaucht. Worauf ein Torhüter achten sollte, hat mit dieser Methode der Leiter der Abteilung Sportpsychologie untersucht, Geert Savelsbergh.
11.06
Statement Savelsbergh:
Torhüter verwenden verschiedene Strategien. Heute greifen viele auf Erfahrungswissen zurück. Zum Beispiel: Ich weiss, dass Klose die Elfmeter meistens in die rechte, tiefe Ecke schiesst, oder wohin Zidane zielt. Das ist nicht unser Ansatz. Wir haben untersucht, welche Informationen aus dem Anlauf gewonnen werden können. Wir wissen, dass der Torhüter sich bewegen muss, bevor der Ball getroffen wird. Wenn er wartet, bis der Schuss erfolgt ist, dann hat er zwar die Informationen über die Flugbahn des Balles – das ist die bestmögliche Information – aber er wird zu spät kommen, um den Ball abzuwehren. Also muss er antizipieren.
Der Torhüter sollte sich zuerst auf das Gesicht des Schützen konzentrieren. Oft schaut dieser zuerst in jene Ecke, die er anvisieren wird. Wenn er anläuft, sollte er die Bewegungen der Hüfte beachten und sich dann auf die Füsse des Schützen konzentrieren. Die wichtigste Informationsquelle liefert das Standbein. Der Fuss zeigt, eine knappe halbe Sekunde vor dem Kick, in den meisten Fällen in jene Richtung, in die der Ball fliegt.
12.25
Tatsächlich lässt sich bei einigen Spielern – holländische Profi-Junioren – mit dieser Methode die Ecke oft genau vorhersagen, in die der Ball fliegen wird. Täuschungsmanöver sind möglich, müssen aber eingeübt sein. Denn die Reaktion des Torhüters abzuwarten, um die Ecke auszusuchen, kann für den Schützen fatal sein.
12.44 Statement Savelsbergh:Es ist sehr schwierig, in der letzten halben Sekunde die Richtung zu ändern. Meist resultiert ein sehr unpräziser Schuss. Der Torhüter sollte also so lang wie möglich warten, bevor er sich wirft. Erstens, weil dann der Schütze die Richtung nicht mehr ändern kann, und zweitens, weil er die Stellung des Standbeins sehen kann.13.06Der Test mit Junioren des FC Zürich. Dieser Fuss zeigt nach links – dahin fliegt auch der Ball. Das Standbild beweist die Richtigkeit.13.17Spielen sie selbst den Torhüter! Wohin fliegt dieser Ball?Der Fuss zeigt eindeutig nach rechts.13.25Dieser Fall ist schon schwieriger zu beurteilen – oder haben Sie es geahnt? 13.37Die nächsten Penalties sind wieder eindeutig.13.45Trainings mit Torhütern aller Kategorien mit der Savalsbergh-Methode haben in Holland erstaunliche Resultate gezeigt.13.55 Statement Savelsbergh:Vier Mal fünf Minuten Training mit den Videoclips haben eine zehnprozentige Leistungsverbesserung gebracht. Im Gegensatz dazu hat die Kontrollgruppe ohne dieses Mittel kaum Fortschritte erzielt, nur etwa zwei Prozent.14.12Im richtigen Leben bleibt beim Penaltyschiessen immer noch meistens der Schütze Sieger des Duells mit dem Torhüter. 14.25Aber nicht immer.14.30Und oft auch mit Glück. Wenn zum Beispiel der Torhüter in eine Ecke hechtet, obwohl der Fuss des Standbeins des Schützen mitten aufs Tor zeigte.14.45Gran Canaria ist ein bevorzugtes Trainingsgebiet für Ausdauersportler. Einzelsportler ticken anders als Teamspieler. Und über eine ganz besondere Psyche müssen Triathleten verfügen. Sie müssen sowohl im Training wie im Wettkampf an ihre Leistungsgrenze gehen. Natascha Badmann versucht nach einer schweren Schulterverletzung zusammen mit ihrem Coach und Lebenspartner Toni Hasler auf Gran Canaria zur alten Leistungsstärke zurückzufinden.15.15Toni Hasler hat sich als Coach für Triathleten einen Namen gemacht und führt auf Gran Canaria regelmässig Trainingslager durch. Nicht nur Spitzenathleten, auch Manager oder Hausfrauen, Lehrerinnen oder Handwerker suchen hier den Kick der Grenzerfahrung.15.30Hauptsächlich aber kümmert sich Hasler um Natascha Badmann. Sie hat den härtesten Triathlon der Welt, den Ironman von Hawaii – 4 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42 Kilometer Laufen – schon sechs Mal gewonnen. Mit 40 Jahren und nach einer schweren Verletzung den Weg zurück an die Spitze finden zu wollen, zeugt von einem besonderen Charakter. Was treibt sie an, wie bewältigt sie dieses Pensum?16.00 Statement Natascha Badmann:Das sind so Code-Wörter, die ich mir eintrainiert habe. Wenn ich dann, wie heute, am Berg merke, wie die Beine weh tun, dann hängt sich fast automatisch ein Gedanke hinten dran: Beine die weh tun heisst atmen, heisst, die guten Bilder in den Kopf zu bekommen von Rennen, in denen ich schnell gefahren bin und mich toll gefühlt habe. So baue ich mich auf.16.25 Statement Hasler:Sie hat sicher die hohe Qualität, dass sie sich sehr stark auf etwas fokussieren kann. Wir wissen ja, dass wir gleichzeitig nur einen Gedanken fassen können, und sie weiss das auch. Das macht sie sich zu Nutzen. In dem Moment, in dem sie sich einen Fokus setzt, denkt sie ganz gezielt – sie kontrolliert ihre Gedanken. Dementsprechend ist sie fähig, Dinge zu vollbringen, die trainingstechnisch eigentlich noch gar nicht möglich wären.17.00Die Konstellation ist nicht alltäglich: Coach und Mentaltrainer einerseits, Lebenspartner anderseits. Psychologen warnen vor privaten Abhängigkeiten. Doch das Verhältnis funktioniert seit bald 20 Jahren. Auch wenn der Trainer von Natascha Badmann verlangt, am Berg einen viel zu grossen Gang zu treten.17.22 Statement Badmann:Den Partner gleichzeitig als Trainer zu haben hat den Vorteil, dass er immer sieht, wie ich drauf bin. Er kann also kurzfristig reagieren und das Trainingspensum anpassen, zum Beispiel zurückschrauben, wenn er denkt: sie hat zu viel trainiert oder ist zu sehr ausgelastet. Ich war vielleicht auch deswegen nie verletzt oder übertrainiert. Es gibt aber auch die andere Situation, wo der Trainer sehr fordernd sein kann und ich lieber nach Hause gehen würde, um meinem Schatz zu erzählen, wie böse der Trainer gewesen sei. Das geht dann eben nicht, es ist ja die gleiche Person.18.04Eine sechsstündige Rad-Etappe mit rund 2000 Höhenmetern Aufstieg stand heute auf dem Programm. Kein Problem für Natascha Badmann, obwohl sie den lädierten Arm noch nicht über Schulterhöhe heben kann und eine Rückkehr in den Spitzensport mehr als fraglich ist. Aber dass sie selbst so einen Trainingstag geniesst, glaubt man ihr aufs Wort.18.30Mentales Training heisst eben nicht nur, Konzentration und Leistungsbereitschaft zu fördern, sondern auch Freude zu vermitteln. Diesen Aspekt würden heutzutage zu viele Trainer vernachlässigen, meint Hanspeter Gubelmann.18.45 Statement Gubelmann:Wie kommuniziert der Trainer mit dem Athleten. Studien zeigen, dass je besser der Athlet wird, desto negativer werden die Feedbacks, die der Trainer dem sehr talentierten, häufig auch sehr jungen Athleten mitgibt. Wenn ich zu lange immer auf den Kleinigkeiten herumreite, dann glaubt der Athlet irgendwann, er sei eigentlich gar nicht so gut. Dabei ist er auf einem sehr hohen Leistungsniveau und bräuchte vermehrt positive Unterstützung, damit er auch die Kritik positiv wahrnehmen kann. Da versuchen wir herauszufinden, wie viele Statements, wie viele Rückmeldungen sind positiv, und wie viele sind negativ. Das Ziel ist, dass ein Überhang besteht in der positiven Unterstützung des Athleten.19.30Die Eiskunstläuferin Sarah Meier ist eine der Spitzenathletinnen, die Gubelmann betreut. Psychologische Betreuung bedeutet für sie nichts anderes, als ein Gedankenaustausch mit einem Fachmann. Entscheiden will sie selbst.19.44 Statement Meier:Für mich ist es sehr wichtig, dass er erst einmal zuhört. Deshalb klappt auch unsere Zusammenarbeit. Er stellt mir seine Dienstleistung zur Verfügung, er hat immer ein offenes Ohr, wenn ich Hilfe brauche, aber er drängt sich nie auf. Ich bin nicht der Typ, der viele psychologische Übungen oder Methoden anwendet. Wir besprechen die Probleme, er hört mir zu und gibt mir dann verschiedene Lösungsvorschläge. Am Schluss kann ich dann selber entscheiden, welchen Weg ich einschlagen will.20.22Um die Qualität der psychlogischen Kompetenz in Training und Wettkampf zu verbessern, gibt Gubelmann Kurse für Mentaltrainer und Coaches – hier zum Beispiel eine Fragestunde mit Sarah Meier. 20.45Die Sportpsychologie hat zwar in den letzten Jahren an Akzeptanz gewonnen, ein wenig haftet ihr aber immer noch der Ruf des Okkulten oder Esoterischen an. Das liegt nicht zuletzt an selbsternannten Gurus und Scharlatanen ohne entsprechende Ausbildung.21.06 Statement Strauss:Natürlich freuen wir uns als ausgebildete Sportpsychologen darüber, dass die Sportpsychologie immer mehr Anerkennung findet und sich die Athleten auch immer mehr der Sportpsychologie zuwenden. Das ruft aber auch immer mehr Leute auf den Plan, die auch ein Stückchen vom Sahnehäubchen abhaben möchten - ohne eine Ausbildung. Das führt zu einem echten Schaden. Einerseits für die Athleten selber, weil keine Leistungsverbesserung erfolgen kann, mittel- und langfristig aber auch für die Sportpsychologie insgesamt. Denn der Ruf der Sportpsychologie, den sie sich mühevoll aufgebaut hat, wir ruiniert durch Scharlatane, die Athleten über brennende Kohlen oder Scherben laufen lassen. Das ist ganz klar Scharlatanerie.22.01 Statement Gubelmann:Entscheidend ist letztlich, dass das Wissen und die Methoden, die angewandt werden, auch fundiert sind. Dass das alles nicht in den Graubereich der Esoterik und des Guru-Wissens abgleitet.22.19Play-off-Final um den Schweizer Meister-Titel im Frauen-Handball. In der Kabine von Nottwil bereitet Physiotherapeutin und Mentaltrainerin Regina Brunner die Spielerinnen auf die Nerven aufreibende Aufgabe vor. Das junge Team von Nottwil hatte das Hinspiel gegen Brühl St.Gallen auswärts überraschend gewonnen und könnte heute zu Hause den Titel holen.23.25Das erwartungsfrohe Publikum wird erst einmal enttäuscht. Die grün gekleideten Gegnerinnen aus St. Gallen schiessen die ersten Tore.23.45Die goldgelben Nottwilerinnen vergeben Chance um Chance, sogar Siebenmeter. Trotz lautstarker Unterstützung durch Trainer und Mentaltrainerin droht ein Debakel.Immerhin können die Nottwilerinnen bis zur Pause auf 11:12 verkürzen. 24.10Ob das wohl hilft?24.17 Statement Wetzel:Was wirkt, ist gut. Ob das ein Stein ist als Symbol oder eine Kette, spielt keine Rolle. Eine Tendenz, die es zu vermeiden gilt, sind Abhängigkeiten. Wer auch immer was mit wem macht, sei es ein Guru-Emmental-Trainer oder ein ausgebildeter Sportpsychologe, es darf keine Abhängigkeiten geben. Wir wollen die Leute zu selbstverantwortlichen Menschen erziehen und ausbilden, damit sie selbst ihre Leistungen umsetzen können.24.50Es hat alles nichts genützt. Die Nottwiler Damen verlieren das Heimspiel mit einem Tor Unterschied, ein paar Tage später das dritte Spiel in St.Gallen hoch. Kein Schweizer Meistertitel. Die Universalenergie hat nicht gereicht...25.07Zurück zur Wissenschaft, ins psychologische Institut der Universität Zürich. Studenten werden spontan aufgefordert, einen seitlich anrollenden Golfball ins Tor abzulenken. Was man gemeinhin als Ballgefühl bezeichnet, gehört wissenschaftlich zum Gebiet der intuitiven Physik. Friedrich Wilkening befasst sich mit diesem Phänomen.25.25 Statement Wilkening:Das ist die Art von physikalischem Wissen, die wir ausserhalb der Schule erwerben. Jeder von uns, auch wenn er keinen Physikunterricht gehabt hat, hat irgendwelche Vorstellungen über physikalische Gesetzmässigkeiten. Das kann man schon bei Kindern feststellen – und das ist auch mein Fachgebiet. Ich möchte aufzeigen, dass dieses Physikwissen schon sehr früh, schon vor der Einschulung, vorhanden ist.25.53Jan Rauch erklärt einer Studentin die Übung, Bestandteil seiner Doktorarbeit, in der er ein erstaunliches Phänomen untersucht. Bei der Auswertung aller Spiele der letzten Fussball-WM hat er festgestellt, dass ein signifikanter Prozentsatz aller Kopfbälle am entfernten Pfosten des Tores vorbei streicht. Obwohl an einer WM die weltbesten Fussballer vereint sind, die Experten der Ballablenkung schlechthin, unterliegen auch viele von ihnen einer allgemein verbreiteten Fehlvorstellung.26.25 Statement Wilkening:Wir Erwachsene haben trotz dieses erstaunlichen intuitiven Wissens auch erstaunliche Misskonzepte, Fehlvorstellungen. Eine Fehlvorstellung ist zum Beispiel, dass, wenn wir hier durch den Raum laufen und einen Ball fallen lassen, dieser Ball senkrecht nach unten fallen wird. Das ist natürlich nicht so. Obwohl wir genau wissen, dass wir nicht aus einem fahrenden Zug aussteigen sollten. Keiner würde das tun - die gleichen Personen aber glauben, dass ein Objekt aus einem Flugzeug senkrecht nach unten fallen wird. Um solche Arten von Fehlvorstellungen geht es. Und eine scheint zu sein, dass nur der letzte Stoss entscheidet. Dass ich zum Beispiel, wenn ich in Kontakt komme mit einem sich bewegenden Objekt – das kann ein Fussball sein – und ich ihn mit dem Kopf berühre, dass der Impuls, den dieser Ball bis dahin gehabt hat, null und nichtig wird, so bald er meinen Kopf berührt. Das ist natürlich nicht so.27.24Beim Tischfussball bestätigt sich die These. Die meisten Bälle rollen aussen vorbei. Einige Studenten lernen schnell, einige verhalten sich intuitiv richtig – andere hingegen begreifen die Physik der Ballablenkung auch nach etlichen Versuchen nicht.27.50Relevant für die Untersuchung sind die Feldversuche auf dem Fussballplatz. Zum Beispiel beim FC Egg, dritte Liga, denn alle Stärkeklassen sollen in die Studie mit einbezogen werden. Die Aufgabe besteht darin, den Ball mit dem Kopf in eine vorgegebene Zone des Tores zu treffen. Die Bälle werden mit einer Ballmaschine zur Mitte gebracht – möglichst immer gleich. Akademisch gesprochen stellt sich die Aufgabe so:28.20 Jan Rauch:Von hier kommt die Flanke, dort ist das Tor. Das sind schon zwei Ziele, die ich miteinander koordinieren muss. Die richtige Ausrichtung meines Körpers ist ein Zwischenweg, etwa in einem 45-Grad-Winkel. Diese drei Ziele muss ich nun zusammen verrechnen, um zum richtigen Ergebnis zu gelangen. Einerseits muss ich auf einen virtuellen Punkt zielen, da der Ball aber einen eigenen Impuls hat, wird er nicht dorthin abgelenkt, wo ich hinziele, sondern auf das Tor.28.52In der U21-Mannschaft des FC Zürich spielen etliche Junioren, die mit der ersten Mannschaft schon Erfahrung in der obersten Spielklasse gesammelt haben. Aber auch sie treffen trotz standardisierter Ballkurve längst nicht immer das anvisierte Ziel. Das liegt wohl auch daran, dass sie, beobachtet von Wissenschaftlern und einer Fernsehkamera, es besonders gut machen wollen. Im Wissen um das Untersuchungsthema denken sie zu viel.29.25 Statement Wilkening:Wir haben gedacht, dass diese Spitzenfussballer das perfekte Körperwissen haben. Aber die Tatsache, dass sie häufiger auf der einen Seite als auf der andern vorbeiköpfeln stellt das ja in Frage. Warum ist das so? Ich behaupte nun einmal, dass das, was wir da beobachten, gar nicht ihr Körperwissen ist, sondern sie denken zu viel. Sie haben eben nicht genug Gelegenheit gehabt, dieses Verhalten zu automatisieren.29.57Sollte das so sein, resultieren solche Kopfbälle: auch ein Nationalspieler wie Eren Derdyok lenkt zu wenig energisch ab und setzt den Ball neben den entfernten Pfosten.30.10Oder der Spieler denkt zu viel. Er überkompensiert, und es resultiert ein zu spitzer Winkel. Der Ball fliegt am näheren Pfosten vorbei.30.23Hie und da aber passt alles zusammen. Derdyok startet im richtigen Augenblick, schraubt sich in die Höhe, trifft den Ball im richtigen Augenblick im richtigen Winkel. So sollte es sein.
1.03
Ein Bild, an das man sich gewöhnen könnte: begeisterte Schweizer Zuschauer bei einem Schweizer Sieg. An der EM soll das dank Köbi Kuhn wieder einmal möglich werden. Der letzte Schweizer Heimsieg in einem Ernstkampf gelang 2005 im WM-Barrage-Spiel in Bern gegen die Türkei.
1.18
Köbi Kuhn war vor rund 30 Jahren beim FC Zürich und in der Nationalmannschaft ein genialer Mittelfeldspieler. Und einer seiner hartnäckigsten und oft auch erfolgreichen Gegenspieler war damals Verteidiger Lucio Bizzini vom FC Servette Genf. Tendenz der Duelle: unentschieden.
1.41
In der Nationalmannschaft haben beide gespielt, Kuhn insgesamt 63 Mal, Bizzini 41.
Lucio Bizzini ist heute Psychologe. Er ist des Lobes voll über die Persönlichkeit des Schweizer Nationaltrainers, obwohl dieser keinen Psychologen in seinem Betreuerstab beschäftigt.
2.00
Statement Bizzini:
Ich habe in der Nationalmannschaft mit ihm gespielt und mit Servette gegen ihn. Ja, ich kenne ihn gut. Er ist wie er ist, auch als Trainer. Er ist schlau, gerissen sogar, ein Schlitzohr im besten Sinn des Wortes. Er fühlt, er spürt wie sich die Dinge entwickeln. Und ich hoffe, dass er uns mit dieser Fähigkeit in die Viertelsfinals und wer weiss wie weit noch führen kann.
2.40
Auch Bizzini war seinerseits ein schlauer Fuchs. Ein Tor, ein Sieg gar gegen den übermächtigen FC Zürich war damals besonders wertvoll. Und eine Niederlage schmerzte doppelt und liess den damaligen Abwehrchef fast verzweifeln.
3.00
Statement Bizzini:
Ich war ein sehr temperamentvoller, impulsiver Spieler, vielleicht sogar aggressiv, im positiven Sinn des Wortes. Mit den Jahren habe ich es dann geschafft, etwas ruhiger zu werden und strategischer zu denken, taktisch geschickter zu agieren. Ich spielte ja zuerst Stopper, dann als linker Verteidiger. Da spielte die Position im Raum eine immer wichtigere Rolle, da musste man strategisch mitdenken. Und ich konnte auch offensiv etwas bewirken.
3.43
Und wie er das konnte. Hier startet Bizzini bei einem Gegenstoss im eigenen Strafraum. Ein langer Ball in die Sturmspitze – eine kurze Verzögerung – ein Pass in den freien Raum. Schon kommt Bizzini angebraust und bezwingt FCZ-Torhüter Grob.
4.00
Ein anderes Beispiel. Bizzini bedient Barberis, und obwohl dieser an FCZ-Torhüter Grob scheitert, ist die Nummer drei zum Erben bereit.
4.16
Köbi Kuhn kann sich glücklich schätzen, in Ludovic Magnin auch heute einen torgefährlichen linken Aussenverteidiger mit der Nummer drei in seinen Reihen zu haben. Auch ohne Psychologen ist Kuhn in der Lage, seine Mannschaft in wichtigen Spielen optimal zu motivieren.
4.34
Statement Bizzini:
Wichtig ist bei einem Trainer, dass er authentisch bleibt. Offen gegenüber Neuem, aber immer sich selber treu. Das ist sein Stil. Alle erfolgreichen Trainer, seien sie autoritär, kumpelhaft oder einem grossen Mitarbeiterstab verpflichtet, zeichnen sich durch Kohärenz und Authentizität aus.
5.02
An Fingerspitzengefühl fehlt es Kuhn nicht. Ein Beispiel: die Einwechslung Behramis für Barnetta in jenem Spiel gegen die Türkei. Behrami schoss sieben Minuten später das entscheidende 2:0.
5.16
Statement Bizzini:
Ein Psychologe ist kein Feuerwehrmann, er kann kein brennendes Haus löschen. Ein Psychologe gehört wie ein Teamarzt und ein Konditionstrainer zum Umfeld eines Teams. Man kann ihn nicht im letzten Moment aufbieten, um irgendwelche Tricks zu anzuwenden. Das wäre dann ein Guru.
5.58
Einen Guru braucht Kuhn wahrlich nicht. Mit seiner Art hat er die Schweizer Nationalmannschaft an die WM gebracht. Die Fans sind gespannt, was der schlaue Fuchs an der EM aus seiner Mannschaft kitzelt.