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Burnout als Chance

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1.10
Stress bestimmt heute den Berufsalltag vieler Menschen. Leistungs- und Zeitdruck, Mobbing und Konkurrenzdenken setzen vielen Arbeitnehmern derart zu, dass sie daran zerbrechen – sie brennen aus. Das Burnout-Syndrom, ein psychischer und physischer Erschöpfungszustand, ist zu einem Symbol unserer Leistungsgesellschaft geworden, dem immer mehr Menschen zum Opfer fallen.

1.38
Auch subjektive Faktoren wie Karrieresucht, Geltungsdrang und Perfektionismus spielen eine wesentliche Rolle.

1.50
Statement Ulrike Ehlert, Professorin, Uni Zürich:
«Ich glaube schon, dass viele Menschen sehr einseitig ihren Selbstwert definieren. Wenn der Selbstwert ganz stark über den Beruf definiert wird, dann muss ich in dem Beruf auch sehr, sehr gut funktionieren. Wenn ich bestimmte andere Bereiche in meinem Leben habe, wo ich das Gefühl habe, es ist für mich wichtig und es gibt mir eine Befriedigung, – sei es beispielsweise die Familie, sei es ein Hobby, sei es eine zweite, ausserberufliche Aktivität – dann verteilt sich dieser Anspruch zu funktionieren auf verschiedene Bereiche.»

2.33
An der Universität Zürich lehrt und forscht Ulrike Ehlert über Auswirkungen psychischer Faktoren auf den körpereigenen Hormonhaushalt, zum Beispiel über die Freisetzung von Cortisol, das für die Stressbewältigung des Menschen von entscheidender Bedeutung ist. Übermässige oder lang andauernde Stressbelastungen wirken sich negativ auf den Cortisolspiegel aus und vermindern dadurch seine Wirksamkeit. Aber es gibt auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Stressbewältigung.

3.10
Statement Ulrike Ehlert, Professorin, Uni Zürich:
«Frauen im gebärfähigen Alter zeigen in Stresssituationen von der biologischen Seite her weniger heftige Reaktionen als Männer. Jetzt ist aber die Biologie nicht alles, sondern es gibt auch eine psychische Seite. Wenn sie Frauen in standardisierte Belastungssituationen bringen, dann ist es so, dass Frauen im Vorfeld, aber auch hinterher subjektiv, von der psychischen Seite her, sich stärker belastet fühlen als Männer. Der biologische Unterschied hat mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mit der Östrogenfreisetzung bei Frauen im gebärfähigen Alter zu tun, man könnte sagen, sie sind ein Stück weit geschützt. Männer haben das nicht, Männer können aber von der psychologischen Seite her sich viel gelassener darstellen.»

4.03
Besonders oft von einem Burnout heimgesucht werden Menschen in Berufen mit intensivem zwischenmenschlichem Kontakt und hohem sozialem Engagement, zum Beispiel Lehrer und medizinisches Pflegepersonal. Sie fühlen sich nicht nur von den täglichen Herausforderungen überfordert, sondern verzweifeln an den eigenen Ansprüchen, denen sie je länger, desto weniger gerecht zu werden vermögen. Auch Karriere bewusste Manager sind gefährdet, besonders dann, wenn sie sich zusätzlich in Ämtern und Gremien engagieren. Die Anhäufung solcher Aufgaben, verbunden mit öffentlichen Auftritten, wurde auch René Blanc zum Verhängnis.

4.40
Statement René Blanc, Patient:
«Ich war eigentlich von jung auf immer bestrebt, Menschen zu dienen. Ich habe entsprechende Stellen auch innegehabt, die immer mit Menschen zu tun hatten, und ich war dann die Gebernatur. Ich war 13 Jahre lang Geschäftsführer in einer Gewerkschaft und dann zehn Jahre lang kantonaler Asylkoordinator hier in Solothurn. Und es hat mich immer fasziniert, mit Menschen zu arbeiten, für Menschen da zu sein, und das eigene Ich in den Hintergrund zu stellen.»

5.17
Einen gewissen Wohlstand mit eigenem Haus hatte sich René Blanc im Laufe der Jahre erarbeitet. Neben seinem Beruf übernahm er immer mehr öffentliche Ämter in der Politik und in Berufsverbänden, zeitweise waren es gleichzeitig 54 Chargen! Immer öfter fühlte er sich überfordert von der Vielzahl der Aufgaben. Und immer mehr zeigten sich die typischen Burnout-Symptome.

5.45
Statement René Blanc, Patient:
«Ich habe mich dann auch zurückgezogen, ich ging nie mehr in den gemeinsamen Pausenraum. Ich ging auf die Toilette, schlief da eine halbe Stunde lang und merkte, dass ich nicht mehr fähig war, meine beruflichen Verpflichtungen wahrzunehmen. Zu Hause habe ich mich zurückgezogen, in dem Sinn, dass ich nicht mehr gesprochen habe, dass sich meine Frau beiseite gestellt gefühlt hat und mir das auch gesagt hat.»

6.20
René Blanc kann sich nicht erklären, weshalb sein Leidensweg in den Bergen endete, statt im Suizid. Er hatte die Pistole schon geladen und sich aufgemacht zu einer letzten Reise durch die Schweiz. Dass er schliesslich von seinem Vorhaben abgehalten und in eine Klinik in Meiringen eingeliefert werden konnte, weiss er nur aus den Erzählungen seiner Angehörigen. An das Gefühl, das ihn zum äussersten Schritt gedrängt hatte, erinnert er sich hingegen noch genau.

6.46
Statement René Blanc, Patient:
«Es war nicht Scham, es war ein Gefühl: Jetzt kann ich die Leistung nicht erbringen, ich bin für nichts mehr da. Ich kann kein Mitglied der Gesellschaft sein, und die Erwartungen, die an mich gestellt werden, nicht mehr erfüllen. Das alles hat sich dann konzentriert bis hin zur Suche nach einem Ausweg, und dieser Abschied hiess für mich nur noch: Abschied zu nehmen.»

7.15
Barbara Hochstrasser ist Chefärztin der Privatklinik Meiringen und hat hier eine renommierte Burnout-Abteilung aufgebaut. Die Häufung von Burnout-Erkrankungen in der Schweiz und Deutschland ist für sie durchaus erklärbar.

7.26
Statement Barbara Hochstrasser, Psychiaterin:
«Die meisten Leute im Arbeitsmarkt sind in einer Dienstleistungsfunktion. Sie sind damit in hohem sozialem Kontakt, zum Teil auch in einer hohen Verantwortung, positive Emotionen zu vermitteln. Das setzt sie psychisch unter einen bestimmten Druck – das ist einer der Faktoren. Ein anderer Faktor ist natürlich die Thematik Zeitdruck, alles geht viel schneller mit dem Internet. Die Antwort muss schon heute erfolgen, früher mit dem Brief waren es drei Tage. Dann haben wir einen riesigen Wechsel, die Institutionen verändern sich konstant. Wir haben zum Teil eine verminderte Arbeitsplatzsicherheit durch diesen Wechsel, auch das setzt wieder Druck auf den Arbeitnehmer auf. Und wir haben durch diese ständig sich verändernde Wissenskultur die Notwendigkeit, dass sich jeder ständig fortbildet. Und damit kann er sich nicht immer in vertrauten Bahnen bewegen.»

8.29
Aus der Bahn geworfen wurde auch die Bäuerin Nina Tanner. Täglich mit ihrem Hund Huckleberry spazieren zu gehen, wäre früher für sie undenkbar gewesen. Sie war verstrickt in einer Unzahl von Aufgaben, privaten wie öffentlichen. Sie wollte perfekt sein als Mutter, als Köchin, als Bäuerin, als Gastgeberin, als Politikerin. Es gab genug Anzeichen, dass das alles zu viel war.

8.55
Statement Nina Tanner, Bäuerin:
«Ich habe schon damals gesagt: Ich bin wie ausgebrannt – damals war der Ausdruck Burnout-Syndrom noch nicht gebräuchlich. Ich fühlte mich wie leer, und auch mein Gesichtsausdruck war wie ausgebrannt.»

9.14
Es war die Zeit, als die Bauern sich zusätzliche Einnahmequellen zu erschliessen suchten. Nina Tanner, Mutter von vier Kindern, begann auf dem Bauernhof Gäste zu bewirten. Sie übernahm das Präsidium des Bündner Bäuerinnenverbandes. Dann wurde sie auch noch ins Kantonsparlament gewählt. Dabei missachtete sie alle Warnsignale, die ihr Körper immer deutlicher aussandte. Sie geriet in einen eigentlichen Teufelskreis.

9.38
Statement Nina Tanner, Bäuerin:
«Ich hatte einen unregelmässigen Rhythmus. Wenn ich müde war, bin ich schlafen gegangen. Dann habe ich in der Nacht ein schlechtes Gewissen bekommen, weil gewisse Sachen nicht erledigt worden waren, und habe dann – nicht gerade mitten in der Nacht – aber am frühen Morgen diese Dinge besorgt. Das hat einen ganz eigenartigen Tagesablauf ergeben. Und dann kam eine Zeit, in der ich gar nicht mehr aufstehen mochte. Das war der Moment, den Arzt aufzusuchen, und er hat dann den Erschöpfungszustand festgestellt.»

10.26
In Zürich betreibt Heinz Schenkel eine Beraterfirma für Führungskräfteberatung, Coaching und Outplacement. Der promovierte Jurist mit einer Zusatzausbildung in Betriebswirtschaft hatte als Topmanager verschiedener Firmen heikle Aufgaben erfolgreich gelöst. Als er vor zehn Jahren vor der Entscheidung stand, die Firma, die er leitete, selbst zu übernehmen, merkte er, dass er sich in seiner Persönlichkeit verändert hatte.

11.03
Statement Heinz Schenkel:
«Ich begann, viel mehr an mich zu reissen, weniger zu delegieren, meinen Mitarbeitern Misstrauen entgegen zu bringen, habe überall eine Verschwörung gewittert und habe damit genau das Gegenteil dessen gemacht, was nötig gewesen wäre, nämlich: abzugeben.»

11.22
Heinz Schenkel gelang in diesem Zustand etwas, was vielen Burnout-Opfern versagt bleibt: Er begann über seine Lebensumstände nachzudenken und diese in Frage zu stellen.

11.34
Statement Heinz Schenkel:
«Ich habe wohl eine grosse Diskrepanz gespürt in meinem Innern zwischen der Sinngebung dessen, was ich tue, und der offenen Frage, was ich im Leben überhaupt will. Ich habe gemerkt: Darauf hast du ja gar keine Antwort. Denn du bist immer im Hamsterrad gewesen und hast fröhlich mitgedreht, fröhlich und manchmal auch nicht so fröhlich. Und die Richtung, in die meine Entwicklung gehen sollte, war eigentlich gar nicht klar.»

12.06
Schenkel begab sich auf eine Reise. Ziel: unbestimmt, Dauer: unbestimmt. Viele Zufälle verschlugen ihn schliesslich auf eine Fähre zur Zykladeninsel Sifnos. Hier wollte er herausfinden, wohin er sein Leben wirklich lenken wollte: in ein tibetisches Kloster, zurück auf die Karriereleiter oder irgendwo dazwischen. Die Natur, die Ruhe, die Abgeschiedenheit sollten ihm dabei helfen.

12.31
Statement Barbara Hochstrasser, Chefärztin Privatklinik, Meiringen:
«Das Problem Burnout hat sehr viel damit zu tun, dass wir unsere natürlichen Mechanismen missachten. Grundsätzlich ist unser Organismus auf einen natürlichen Rhythmus eingestellt. Er braucht Wachphasen, Schlafphasen, Erholungsphasen, er braucht Licht und Raum und frische Luft und gute Ernährung. Das versuchen wir, den Betroffenen zu vermitteln, dass er auf seine körperlichen Bedürfnisse, aber auch auf seine psychischen und unter Umständen auf seine spirituellen Bedürfnisse achtet. Und die Vernetzung mit dem natürlichen Umfeld, mit dem, was die Natur bietet an Bereicherung der Sinne einerseits, aber auch an Möglichkeiten, sich wirklich zu entspannen, sich einzulassen auf etwas, das nicht fordert, sondern trägt, ist sehr wichtig.»

13.25
Auf dem Anwesen der Kapelle Agiakaterini auf Sifnos fand Heinz Schenkel genau die richtigen Voraussetzungen.

13.43
Heute, zehn Jahre später, erinnert er sich, bekleidet mit jenem Hemd, das er damals getragen hatte, an die beklemmenden, aber auch erhellenden Wochen, in denen er zu sich selbst gefunden hat.

13.56
Statement Heinz Schenkel:
«Diese Einsamkeit hier, diese Möglichkeit, einmal alles loszulassen, keine Erwartungen zu erfüllen, das war eine neue Entdeckung, um so mehr als ich bis zu der Zeit, als ich hier war, noch nie alleine gelebt hatte. Es war schon etwas unheimlich – weil es einfach neu war.»

14.24
Entscheidend für die Selbstfindung Heinz Schenkels wurden zu dieser Zeit nicht die landschaftlichen und kulturellen Reize von Sifnos, sondern die symbolträchtigen Eindrücke seines Eremitenlebens. Das Fehlen von Erlebnissen, das Ereignislose sozusagen.

14.40
Statement Heinz Schenkel:
«Ich habe diesen Tisch jeweils hier herausgenommen und habe einfach in die Weite gesehen. Das war sehr wichtig. Überhaupt der Blick in die Weite, zum Sonnenuntergang, zu Milos und Antimilos. Und auch etliche Stunden, die ich in dieser Kapelle zugebracht habe.»

15.01
Und auch dabei spielte nicht das Religiöse eine Rolle, sondern das Spirituelle, das Meditative. Heinz Schenkel schaffte den persönlichen Turnaround ohne professionelle psychiatrische oder pharmakologische Hilfe.

15.19
Statement Ulrike Ehlert, Professorin, Uni Zürich:
«Je früher eine Person merkt, dass diese Problematik vorliegt, desto schneller ist sie vielleicht bereit, an ihrer Situation etwas zu verändern. Und desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie das auch ohne professionelle Hilfe hinbekommt. Das setzt aber voraus, dass man bereit ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, also zum Beispiel zu bilanzieren, zu überlegen, was habe ich bis jetzt erreicht, und muss ich das genau in dem Aufwand weiter betreiben. Wenn Burnout sehr lange schon besteht, viele Warnsignale des Körpers und der Psyche ignoriert worden sind, dann kann sich auch eine weiter reichende Symptomatik oder Krankheit entwickeln. Also manche Personen erleiden Herzkreislauferkrankungen in der Folge, manche Personen entwickeln eine Depression, andere entwickeln ein chronisches Erschöpfungssyndrom.»

16.20
In solchen Fällen ist professionelle Hilfe unerlässlich. Psychiatrische Kliniken wie jene in Meiringen verfügen über ein grosses Repertoire an Therapiemöglichkeiten, zum Beispiel die Maltherapie. Dabei ist es wichtig, den Fähigkeiten und Neigungen jedes Patienten Rechnung zu tragen.

16.40
René Blanc hat insgesamt neun Monate stationär in Meiringen verbracht und ist auch heute, drei Jahre nach seiner Entlassung aus der Klinik, immer noch in regelmässiger psychiatrischer Behandlung bei Barbara Hochstrasser.

16.56
Statement René Blanc:
«Ich habe die ersten paar Monate nur geschlafen. Nur geschlafen. Die Chefärztin hat gesagt: den lassen wir jetzt ruhen. Der soll sich ein bisschen erholen, und dann gehen wir in die Therapien, in die Psychogespräche. Und dann kamen auch vermehrt die Medikamente, die ich heute noch in recht hoher Dosis nehmen muss.»

17.24
Im Bewusstsein um die Gefahr, dass auch sie einem Burnout zum Opfer fallen könnte, achtet Barbara Hochstrasser sorgsam darauf, ihre knapp bemessene Freizeit lustvoll zu nutzen. Dazu gehört jeden Morgen ein Ausritt, auf den sie nur bei auswärtigen Verpflichtungen verzichtet. Der Kontakt mit ihrem Araberschimmel Gitana ist ihr genau so wichtig wie der tägliche Mittagsspaziergang mit ihrem Hund Baja.

17.55
Der Umgang mit Tieren ist ohnehin eine ihrer bevorzugten und erfolgreichsten Therapiemethoden.

18.02
Statement Barbara Hochstrasser:
«Wir haben gelegentlich Hunde bei uns in der Klinik. Ich selber habe einen Hund, der wirkt äusserst therapeutisch. Am besten formalisiert haben wir es in der Reittherapie mit zwei Pferden, mehrheitlich sind das Einzeltherapien bei einer ausgebildeten Reittherapeutin.»

18.24
Die Wiedereingliederung der Burnout-Patienten in den Arbeitsprozess ist das Ziel jeder Therapie. Voraussetzung dafür sind allerdings grundsätzliche Änderungen der Arbeits- und Lebensgewohnheiten oder sogar ein Wechsel des Arbeitsplatzes. Aber nicht immer ist Heilung möglich.

18.40
Statement René Blanc:
«Nach dieser Zeit hat mir dann die Chefärztin gesagt, so, jetzt gehen Sie wieder in ihre privaten Räume, in die Gesellschaft. Aber denken Sie daran, Sie sind nicht geheilt und Sie sind nicht gesund, und Sie werden nie mehr arbeiten können.»

19.00
Nina Tanner hat ihr Burnout überwunden. Für einige Wochen musste sie allerdings auf die Betreuung ihrer Tiere und die liebevolle Gestaltung des Bauerhofes auf der Luziensteig verzichten. Der Gang in die psychiatrische Klinik ist ihr allerdings schwer gefallen.

19.16
Statement Nina Tanner, Bäuerin:
«Geschämt ist vielleicht etwas übertrieben, aber ich war schon zurückhaltend. Besonders, wenn ich das mit der Klinik anspreche. Ich weiss, als ich das erste Mal drinnen war in Chur, dass ich zum Spazieren nicht in die Stadt hinunter ging, und dass ich dachte, hoffentlich treffe ich niemanden, der mich kennt und fragt: Was machst du da?»

19.51
Die Rebberge der Bündner Herrschaft bei Maienfeld sind seit ihrer Rückkehr aus der Klinik Nina Tanners bevorzugtes Betätigungsfeld. Was früher für sie nur eine von vielen Aufgaben war, ist heute ihre Hauptbeschäftigung. Selten empfindet sie das als Arbeit. Ihre politischen Ämter hat sie abgegeben. Um den Viehzuchtbetrieb kümmert sich Sohn Markus, und Gäste bewirtet sie auf dem Bauernhof nur noch, wenn sie wirklich Zeit hat – und Lust. Sie freut sich auf die erste Ernte, der von ihr gezogenen Rebstöcke – und geniesst neue Freiheiten.

20.30
Statement Nina Tanner :
«Zum Beispiel einmal einen ganzen Tag irgendwo hinfahren, ohne zu meinen, ich müsse noch viel erledigen. Ich musste das ja nie, aber es war einfach im Hinterkopf, dass zum Beispiel die Wäsche noch aufgehängt werden müsste. Jetzt erlebe ich so einen Tag bewusst und ohne schlechtes Gewissen, dass ich nun einen Tag weg war.»

21.00
Auch die täglichen Spaziergänge mit Huckleberry gehören zu ihren neu entdeckten Beschäftigungen. Entscheidend für den erfolgreichen «Turnaround» waren wohl drei Faktoren: die Früherkennung, die Einsicht in die Notwendigkeit einer radikalen Änderung und das soziale Umfeld.

21.17
Statement Nina Tanner:
«Ich habe lange Spaziergänge gemacht, war viel unterwegs und habe viel auch darüber nachgedacht. Wie konnte es auch so weit kommen, dass man einfach in so ein Ding hineinläuft. Und als ich dann heimkam – ich muss sagen, ich hatte das Glück, dass die Familie mich unterstützt hat, alle zusammen.»

21.48
Statement Barbara Hochstrasser:
«Die soziale Unterstützung ist ein ganz wichtiger Faktor, auch die soziale Unterstützung zu Hause. Und ein wichtiger Teil der Therapie ist eigentlich, die Beziehungsklärung und die Priorisierung der Beziehungswelt wieder neu aufzunehmen. Es ist also wichtig, dass nicht einfach die Arbeitswelt gilt oder gepflegt werden soll, sondern das persönliche Umfeld, die persönlichen Beziehungen, die letztendlich ausgleichend und regenerierend wirken.»

22.20
Auch René Blanc hat die Beziehungen zu seinem persönlichen Umfeld, zu seiner Frau und seinen zwei erwachsenen Kindern, aufgearbeitet, und er findet hier volles Verständnis. Dass er von einer Heilung dennoch weit entfernt ist, wurmt ihn gewaltig.

22.35
Statement René Blanc:
«Das Burnout-Syndrom hat ja eine grosse Publizität erreicht, und dabei kamen Kranke zu Wort, die sich dahingehend geäussert haben, nach zwei, drei Monaten oder nach einem halben Jahr hätten sie die Möglichkeit gehabt, wieder in den Arbeitsprozess zurück zu kehren. Und da kam bei mir die Eifersucht hoch. Wieso gelingt das diesen Menschen, wieso sind die wieder aktiv. Ich wünsche mir ja nichts anderes, als auch wieder so zu sein wie früher.»

23.13
Dafür haben er und sein Umfeld die Alarmsignale wohl zu lange missachtet, hat seine Psyche wohl schon zu viel Schaden genommen. René Blanc verbringt viel Zeit mit seinem Hund Lenni und versucht, sein Schicksal in einem autobiografischen Buch aufzuarbeiten, damit vielleicht andere Burnout-Kandidaten rechtzeitig reagieren können. Er selbst wird sich darauf konzentrieren müssen, die ständig drohende Depression zu verhindern.

23.37
Statement René Blanc:
«Es ist heute ein Schamgefühl nach wie vor vorhanden in der Beziehung, dass ich mich zurückziehe. Wenn ich einkaufen gehen muss, ist das für mich Stress. Ich begebe mich nicht unter Menschen. Wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe, dann fahre ich irgendwo hin, wo keine Menschen sind, und wenn ich draussen irgend etwas Kleines mache und jemand da unten durchspaziert, dann ziehe ich mich zurück, oder auf Deutsch gesagt: Ich verstecke mich. Ich habe immer noch Hemmungen, mit und unter Menschen zu sein.»

24.18
Adrian Müller ist ein begeisterter Biker und strotzt vor Tatendrang und Lebensfreude. Die 62 Jahre sieht man ihm nicht an. Das hätte auch anders herauskommen können. Er ist überzeugt, dass nur ein Berufswechsel ihn vor einem möglichen Burnout gerettet hat. Er war Lehrer, und weiss, wie dieser Beruf engagierte ehemalige Kollegen verändern kann.

24.42
Statement Adrian Müller, Personalberater:
«Auf jede Frage aus der Klasse kommt eine zynische Antwort. Die Präparationen sind uralt, es gibt keine Innovation mehr, die Lust am Arbeiten ist gleich null, die Krankheitsfälle mehren sich, die Leute werden krank oder sie schwänzen. Das Krankfeiern ist auch so ein Symptom, das man bei Lehrern sehr früh merkt.»

25.10
Heute betreibt Müller eine kleine Personalberatungsfirma in der Nähe von Basel. In vielen Gesprächen mit Betroffenen, aber auch mit Personalverantwortlichen grosser Firmen, hat er die Erkenntnis gewonnen, dass es vor allem die Engagierten sind, die von einem Burnout betroffen werden, Mittelmässige davon hingegen oft verschont bleiben.


25.29
Statement Adrian Müller:
«Es ist ja verrückt, dass die Kolleginnen und Kollegen, die so zu sagen schon mit gebremster Energie eingestiegen sind als junge Leute, das viel besser durchhalten. Die bleiben einfach durchschnittlich, vielleicht am unteren Mittelfeld, und halten das recht lange durch. Das Fatale ist, dass die engagierten Junglehrer, die wirklich Power haben, die etwas bewegen wollen, eigentlich, ohne es zu merken, über die Verhältnisse leben. Und plötzlich kippt das. Und dieses Kippen ist so schwer zu erkennen.»

26.05
Die Weichen rechtzeitig richtig zu stellen, sei nicht nur in jedem Unternehmen wichtig, sondern insbesondere auch in der Bildungspolitik. Denn viele Kinder litten unter unmotivierten, zynischen oder eben ausgebrannten Lehrern. Adrian Müller weiss auch, in welche Richtung die Korrekturen gehen müssten.

26.22
Statement Adrian Müller:
«Da müssen wir auch als Gesellschaft Abschied nehmen davon, dass unterrichten ein Lebensberuf ist. Sondern, dass es ein Zeitabschnittsberuf wird, den man mit viel Engagement sagen wir 15, 20 Jahre machen kann, dass aber nachher noch etwas Neues kommen soll. Und dass es auch von Anfang an so geplant ist. Das wäre eine Korrektur. Die ist allerdings relativ radikal. Die andere Korrektur, im System drin bleibend, kann für mich sein, dass viel mehr in der Schule mit projektartigem Arbeiten unterrichtet wird, wo die Lehrpersonen miteinander zusammen arbeiten müssen.»

27.08
Hinweise von Arbeitskollegen, Familienmitgliedern oder Freunden über Veränderungen der Persönlichkeit sind für eine Früherkennung von Burnout-Symptomen genau so wichtig wie Meditation und Selbstreflektion. Die Erfahrungen, die Heinz Schenkel auf Sifnos gemacht und die Lehren, die er daraus gezogen hat, stimmen ihn zuversichtlich.

27.31
Statement Heinz Schenkel:
«Die Frühwarnsysteme sind bei mir etwas besser ausgebaut, aber die Gefahr ist immer noch, keine Frage. Das ist bis zu einem gewissen Grad mein Naturell. Wenn man sich weit aus dem Fenster hängt – und das tue ich -, wenn man sich relativ intensiv engagiert, dann perlt das halt manchmal nicht so einfach an einem ab. Aber das ist jetzt halt so. Mit dem zu leben, das zu managen, aus der Erfahrung heraus auch das Vertrauen gewonnen zu haben, dass ich das letztendlich kann, das ist natürlich etwas Wichtiges. Und es ist auch extrem wichtig, dass meine Frau das miterlebt hat, weil sie natürlich heute mit zum Frühwarnsystem gehört.»

28.15
Prävention ist ohnehin das beste Mittel gegen Burnout. Dazu gehört einerseits, sich auch ausserhalb des Berufslebens Möglichkeiten der Erfüllung zu schaffen und geniessen zu können. Und anderseits die Fähigkeit, sich vom täglichen Arbeitstrott lösen und abschalten zu können. Ulrike Ehlert findet ihre Erholung vom Frühling bis in den Herbst hinein in der Gartenarbeit, in der Natur, und im Winter auf den Skipisten. Sie hat allerdings die Erfahrung gemacht, dass längst nicht alle Menschen fähig sind zu geniessen.

28.54
Statement Ulrike Ehlert:
«Ich hab schon festgestellt, dass Menschen, die Schwierigkeiten haben, Ruhe zu finden, oft auch nicht gut geniessen können. Ein Teil der Beschäftigung mit Personen mit Burnout-Erkrankung kann auch darin bestehen, dass sie tatsächlich Genusstraining bekommen, sprich Dinge riechen, Dinge schmecken, Dinge fühlen und ihre Sinne alle mal wieder auszuprobieren.»

29.40
Zu geniessen und sich Zeit zu nehmen, das hat Heinz Schenkel inzwischen gelernt. Er leistet sich heute mehr Ferien als je zuvor. Wenn er gelegentlich wieder Sifnos besucht, sieht er die Insel mit ganz andern Augen als damals, als er sich vor allem mit sich selbst auseinander gesetzt hat.


NZZ Swiss made: Keine Chance für Burnout

1.17
Lachen ist gesund und entspannend.

1.25
In Indien gibt es schon öffentliche Lach-Animatoren, und auch in vielen Firmen wird schon organisiert gelacht.

1.35
Orientalische Entspannungspraktiken finden immer mehr den Weg nach Europa. Fortschrittliche Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern entsprechende Kurse an.

1.50
Es kommt nicht auf eine feudale Infrastruktur an, nur schon eine individuelle Gestaltung der Arbeitszeit kann Wunder wirken. Aber längst nicht alle Arbeitgeber sind vom Nutzen solcher Praktiken überzeugt.

2.05 Barbara Hochstrasser, Psychiaterin:
«Die meisten Leute fragen, was kommt denn unter dem Strich finanziell heraus? Diesen Nachweis muss man erst noch erbringen, dass man, wenn man die Mitarbeiter pflegt, im Unternehmen finanziell besser da steht. Es gibt einzelne Hinweise dafür, die kann man auch wissenschaftlich dokumentieren, aber es muss sich noch mehr implantieren.»

2.27
Die Firma «Supercomputing Systems» in Zürich versucht, ihren Mitarbeitern optimale Arbeitsplätze mit grösst möglichen Freiheiten zu bieten. Aus wirtschaftlichen Erwägungen, wie Firmengründer Anton Gunzinger versichert.

2.40 Anton Gunzinger, Unternehmer:
«Ein Unternehmen funktioniert dann gut, wenn die Mitarbeiter an einem Ort sind, wo sie gern ihre Arbeit machen. Aufgabe des Unternehmers ist es, diese Arbeitsplätze zu schaffen, damit der Mitarbeiter sich wohl fühlt und etwas tun will, etwas bewegen kann, dass er Freude hat an seiner Arbeit. Die Mitarbeiter, die das haben, sind die am besten rentierenden Mitarbeiter, die sie sich vorstellen können.»

3.10
Gunzinger, Elektroingenieur und Professor an der ETH Zürich, hat seit seinem Einstieg in die Geschäftswelt 1993 den "Human Resources" grosse Freiheiten gewährt und nach Möglichkeiten gesucht, die Kreativität und Effizienz seiner Mitarbeiter zu steigern. Ein Beispiel: der wöchentliche Lesezirkel, wo vor allem philosophische Sachbücher besprochen werden.

3.31 Zitat:
«Management ist, wenn man die Dinge richtig macht. Führung ist, wenn man die richtigen Dinge macht.»

3.39
Überhaupt liegt Gunzinger die philosophische Seite des Unternehmertums am Herzen.

3.45 Anton Gunzinger, Unternehmer:
«Ein Umweg kann oft ein einfacherer Weg sein – es stellt sich oft heraus, dass es gar kein Umweg war. Zu so einer Fragestellung hat der Philosoph etwas zu sagen. Der Philosoph kommt einmal im Jahr zu uns und hält dann einen Vortrag zu einem relevanten Thema. Das letzte Thema war zum Beispiel: was ist Arbeit?»

4.05
Mit dem Titel «Unternehmer des Jahres» wurde Gunzinger 2001 für seinen wirtschaftlichen Erfolg geehrt. Mit seinen verblüffenden Lösungsansätzen im Hard- und Softwarebereich schaffte er es sogar ins «Time-Magazine». Doch eine vorübergehende Baisse zwang ihn dazu, gewisse eherne Prinzipien der Unternehmensführung zu berücksichtigen.

4.30 Anton Gunzinger, Unternehmer:
«Es sind Änderungen passiert. Dass man zum Beispiel klarer sagt:
das ist deine Verantwortung, aber das ist auch deine Freiheit. Das ist heute besser definiert als je in diesem Unternehmen. Die Verantwortung und die Freiheit müssen die Balance halten.»

4.52
Der wirtschaftliche Erfolg ist zurückgekehrt, geblieben sind die innovativen Ideen und der spielerische Umgang mit der Materie, zum Beispiel eine Maschine zur Trennung von verschiedenfarbigen Bonbons, um die Funktionsweise der Qualitätskontrolle für organische Stoffe zu demonstrieren. Gunzinger scheint an seiner neuen Rolle Gefallen zu finden.

5.10 Anton Gunzinger, Unternehmer:
«Ich habe mich gewandelt vom Wissenschaftler zum Unternehmer. Irgendwann wird es einmal Zeit sein, als Unternehmer einen nächsten Schritt zu tun, denn auch Unternehmer leben nicht ewig.»

5.22
Einstweilen macht der Job als Unternehmer dem Professor aber noch Spass. Und seinen Mitarbeitern offensichtlich auch, wenn sie zu einer Arbeitstagung zum Thema Coaching aufgeboten werden – und dann Schweine betreuen müssen.

5.40
Der Erfolg – nicht nur mit den Schweinen – gibt Gunzinger Recht. Und am finanziellen Ertrag der Firma sind die Mitarbeiter massgeblich beteiligt. Kein Wunder, setzen sie sich derart ein...

5.58 Barbara Hochstrasser, Psychiaterin:
«Die Umsetzung, was das wirklich heisst, daran hapert es noch in vielen Unternehmen, und diese Burnout-Epidemie, wenn man so sagen will, wird hoffentlich zu einem grösseren Bewusstsein führen und damit auch zu einer Veränderung der Arbeitssituation.»

6.18
Morgens zur Arbeit fahren, sich dann in den Ruheraum begeben und erst einmal Kräfte tanken – der Traum eines jeden Arbeitnehmers. Burnout-Resistenz garantiert. Aber das bleibt wohl ein Traum...

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