1.03
In Havanna, der Hauptstadt Kubas, ist die Zeit in mancher Hinsicht stehen geblieben.
1.11
Nicht einmal 1% der Kubaner besitzt ein Auto. Auf Kuba gibt es mehr Einspänner als Personenwagen.
1.19
Mit dem Gedanken an ein eigenes Auto beschäftigt sich hier fast niemand.
Bei einem monatlichen Durchschnittseinkommen von 15 Euro erübrigt sich das. Auch wenn
Wohnen sehr günstig, Grundnahrungsmittel und Anderes subventioniert werden und das Gesundheits- und Bildungssystem kostenlos sind.
1.36
US-Oldtimer sind heute als Kulturgut deklariert. Sie sind seit der Revolution in Privatbesitz. 50.000 Exemplare davon gibt es noch, die meisten finden sich in Havanna.
1.57
Dieser Cadillac Sedan de Ville, Jahrgang 1959, ist einer der Besterhaltenen. Vor 5 Jahren hat ihn Jorge Luis Fleites erstanden. Der Jurist arbeitet für eine ausländische Firma und kann sich diesen Original-Strassenkreuzer als Hobby leisten. (max. 2.18)
2.22
Statement Jorge Luis Fleites Devora
Alles was mit den 50er Jahren zu tun hat liebe ich: die Architektur, das Design, das ist alles sehr schön. Und natürlich ganz speziell die Autos. Seit meiner Kindheit bin ich in Autos aus dieser Zeit unterwegs.
2.40
Heute fährt Jorge Luis Fleites mit seinem 8-Zylinder-Luxus-Automaten, von dem insgesamt nur 248 Exemplare produziert wurden, zu einem Oldtimertreffen. «A lo Cubano» heisst sein Club und man trifft sich an der berühmten Uferstrasse, am Malecon.
2.57
Zwei Mal im Jahr präsentieren die Automobil-Enthusiasten ihre Prachtsstücke.
3.07
Besonders stolz ist man auf diesen 4türige Hudson aus dem Jahr 1949.
3.17
Oder etwa auch auf diesen Buick aus dem Jahr 1960.
3.25
Es sind aber auch ältere Exemplare zu finden, so etwa dieser Ford, Modell A, von 1930.
3.34
Autos dürfen in Kuba offiziell nur mit staatlicher Genehmigung gekauft oder verkauft werden. Bei den Oldtimern will man damit verhindern, dass das Kulturgut ins Ausland verhökert wird. Inoffiziell kann man als Kubaner aber schon an einen Oldtimer kommen. In den Papieren eingetragen bleibt dabei allerdings immer der ursprüngliche Besitzer. Vertrauen ist gefragt.
3.56
Wie fast alle nimmt auch der Besitzer dieses 1952er Chevrolet Sedan Fleetline am Geschicklichkeitsfahren teil.
4.06
Dieser Lincoln Continental Mark II mit 285 PS soll der Frau des einstigen kubanischen Diktators Batista gehört haben.
4.17
Die grosse Mehrzahl der Oldtimer auf Kuba sind aber keine reinen Ausstellungsstücke, welche während der Woche in einer Garage stehen, sondern sie sind tagtäglich im Einsatz:
4.30
So wie dieser 58er Edsel, der gemietet wurde, um die junge Dame anlässlich Ihres
15. Geburtstages auszufahren!
4.40
Fasziniert von Oldtimer jedweder Provenienz ist seit seiner frühesten Kindheit Orlando Morales.
4.47
Der Historiker, der früher in Staatsdiensten stand, ist seit seiner Pensionierung dabei, ein Buch über die Geschichte des Verkehrs und des Automobils auf Kuba zu schreiben.
5.00
Eine eigene Autoindustrie hat es hier nie gegeben. Seit 1898 hat man auf Kuba Autos importiert. Dabei haben amerikanische Autos schon sehr früh eine wichtige Rolle gespielt.
5.12
Statement Orlando A. Morales Pulido, Historiker
Ab 1913 kommen die ersten amerikanischen Ford - Modell T - nach Kuba. Diese hat man seit 1908 in den USA gebaut.
5.29
Im Jahr 1915 kommt der erste Chevrolet. Bis dann waren es hauptsächlich europäische Autos, die nach Kuba gekommen sind.
5.41
Dann aber hat die Invasion der nordamerikanischen Autos angefangen.
5.55
Ihren Höhepunkt erreichte sie in den 50er Jahren, als auf Kuba der Diktator Batista regierte, der die Unterstützung der amerikanischen Regierung genoss. Auf den Strassen Havannas waren - wie auf ganz Kuba – fast ausschliesslich amerikanische Autos zu sehen.
6.09
Kuba war damals auch das Ferienparadies der Amerikaner.
6.14
Man schätzte die Lebensfreude und kam nicht nur, um Tänzer und Tänzerinnen und zu bewundern. Viele Amerikaner liessen sich auch auf Kuba nieder.
6.27
Das Nachtleben von Havanna war berühmt-berüchtigt, war es doch zu einem beträchtlichen Teil von amerikanischen Mafiageldern finanziert. Die Kasinos waren sehr beliebt und von Florida aus schneller zu erreichen, als diejenigen von Las Vegas.
6.43
Wer damals in Havanna Geld hatte, der wollte das auch mit einem möglichst tollen vierrädrigen Statussymbol unterstreichen. Das natürlich auch ab und zu erneuert werden musste. Vor der Revolution war so etwas problemlos möglich:
6.59
Statement Orlando A. Morales Pulido, Historiker
Vor 1959 konnte man einfach zu einem Autohändler gehen und seinen Wagen nach drei, vier Jahren gegen einen neuen eintauschen. Das war 61 Jahre lang so, seit das erste Auto 1898 nach Kuba gekommen ist.
7.16
1. Januar 1959. Der Bewegung 26. Juli unter Führung von Fidel Castro, Ernesto Che Guevarea und Camilo Cienfuegos gelingt es nach jahrelangem Guerillakampf den Diktator Fulgencio Batista zu stürzen. Anschliessend errichten die Revolutionäre einen sozialistischen Staat, der die kubanischen Betriebe verstaatlicht und US-Firmen und US-Bürger enteignet. Viele Kubaner - hauptsächlich aus der Oberschicht - emigrieren in die USA (max. 7.45)
7.53
Im April 1961 unternehmen Exilkubaner unter Mithilfe der US-Regierung und der CIA einen Invasionsversuch in der Schweinebucht.
8.07
Der erwartete Abfall kubanischer Truppen von Fidel Castro bleibt aus.
8.13
Innerhalb von 3 Tagen gelingt es ihnen den Angriff abzuwehren.
8.19
Folge ist eine beschleunigte wirtschaftliche und militärische Anlehnung Kubas an den Ostblock. Ein Jahr später sind auf Kuba sowjetische Raketen, später sogar Atomwaffen stationiert. Der Kalte Krieg eskaliert mit der Kubakrise.
8.34
Fidel Castro ruft die lateinamerikanische Linke zum kontinentalen Guerillakrieg auf.
8.41
Die USA verhängen stufenweise ein umfassendes Wirtschaftsembargo,
das bis zum heutigen Tag in Kraft ist.
8.50
Ursprünglich sollte damit die kommunistische Gefahr gebannt und ein Regimewechsel erzwungen werden, aber dieser hat bis heute nicht stattgefunden. Noch immer wird jedes Jahr der 1. Mai pompös gefeiert und die Regierung sitzt nach wie vor fest im Sattel. Das Embargo ist bis heute das zentrale Thema in Kuba.
9.07
Die Probleme im Fahrzeugsektor, so weiss Orlando Morales, reichen bis ins Jahr 1960 zurück, als ein erstes, damals noch gemildertes, Embargo aufgrund von Enteignungen amerikanischer Firmen ausgesprochen wurde und die US-Oldtimer und ihre Besitzer hart traf.
9.24
Statement Orlando A. Morales Pulido, Historiker
Die amerikanische Regierung hat die Beziehungen mit Kuba abgebrochen. Im Oktober 1960 spricht sie ein ökonomische Embargo gegen Kuba aus. Von da an war der Export von Autos nach Kuba verboten und ebenso derjenige von Ersatzteilen.
Zum Zeitpunkt des Triumphs der Revolution gab es auf Kuba 180.551 Autos. Sie waren eigentlich alle zum Verschwinden verurteilt. Aber da beginnt der Kampf des kubanischen Volkes, der Besitzer dieser Autos, zu verhindern, dass diese Autos aussterben und verschwinden.
10.08
Rund 130.000 der einst vorhandenen US-Oldtimer sind in den letzten 50 Jahren verschwunden.
10.14
Dank weltmeisterlichem Improvisationsgeschick hat aber knapp 1/3 überlebt.
10.19
Die „Almendrones“, wie die US-Oldtimer hier auch genannt werden, leisten bis heute einen wesentlichen Beitrag im Transportsystem von Kuba.
10.28
In der 2 Millionen-Stadt Havanna fahren sie z.B. Menschen nach Arbeitsschluss vom Zentrum hinaus in die Vorstädte.
10.38
Zwar verfügt man in Kuba auch über ein Bussystem, das in den letzten Jahren stark modernisiert wurde.
Allerdings sind auch in diesem Sektor noch viele Oldtimer unterwegs, die nicht nur respektable Abgaswolken ausstossen, sondern oft auch total überfüllt sind.
10.55
Abgasvorschriften gibt es übrigens auf Kuba noch nicht.
10.58
Wer hier einen Oldtimer besitzt, gilt als Glückspilz. Damit kann man als kleiner Privatunternehmer gutes Geld verdienen.
11.05
Dieser Chrysler Jahrgang 1950 gehört einem Mann der viele Jahre lang Taxi gefahren ist. Avelardo Rivero hat sich aber vor 9 Jahren entschieden, wieder dem Beruf nachzugehen, den er ursprünglich einmal gelernt hat.
11.24
Taxifahren war ihm zu stressig.
11.29
Deshalb benützt er seinen Wagen heute nur noch privat, um zur Arbeit hier in seine Werkstatt an der Stadtgrenze in Pogolotti zu fahren.
11.50
Avelardo Rivero ist Karosseriespengler. Er ist ein „Particular“, ein Privatunternehmer mit Lizenz. Arbeit gibt es genug und er kann sich sogar einen Angestellten leisten.
12.06
Beide arbeiten hie und da auch für ihren Werkstattnachbarn. Der ist vor allem in Motorrädern tätig. Zweiräder – da vergleichsweise günstig - sind auf Kuba äusserst populär.
12.20
Nicht nur in dieser Spenglerei wird alles noch von Hand gemacht.
12.30
Geeignetes Werkzeug, von Maschinen gar nicht zu sprechen, ist äusserst schwierig aufzutreiben. Avelardo Rivero hat nur wenige Hilfsmittel:
12.42
Statement Avelardo Rivero Garcia, Karosseriespengler
Diese Blechbiege habe ich selber gebaut, weil ich tagelang an solchen Teilen herumgewerkt hatte. So geht alles schneller und es ist auch weniger anstrengend und gesünder. Ich hab sie von einem Original kopiert, genauso wie die Blechschere da auch.
13.02
Momentan arbeiten die beiden an einem Austin.
13.11
Für die Komplettüberholung rechnet Avelardo Rivero mit 2 Monaten Arbeit.
13.17
Mit dem Auftraggeber hat er einen fixen Preis vereinbart. Einen Preis für den man in Europa höchstens ein paar kleine Kratzer reparieren lassen könnte. (max.13.30)
13.32
Morgens um 7 Uhr auf einem Parkplatz im Stadtteil Lauton.
13.37
Die Almendrones-Besitzer machen ihre Taxis bereit.
13.47
Alberto Gonzales fährt seit 30 Jahren Taxi.
13.52
Santiago Duvergel hat vor 15 Jahren diesen Plymouth von seinem Vater geschenkt bekommen.
14.01
Die alten Klapperkisten brauchen regelmässige Pflege.
14.11
Statement Alberto Gonzales Rubacalba
Dieses Auto ist ein Chrysler, Jahrgang 50.
14.16
Und der Motor ist ein Perkins.
14.22
Santiago fährt seinen Plymouth, Jahrgang 56, noch mit dem Originalmotor.
14.29
Santiago macht sich auf in die Innenstadt, wo immer viele Menschen unterwegs sind.
Dort fährt er eine fixe Route.
14.38
Sein Job gefällt ihm:
14.45
Statement Santiago Duvergel Reynoso
Es ist eine Arbeit, wie jede andere Arbeit auch. Jeder bringt sein Opfer. Es gibt ziemlich viele Almendrones. Alle wollen Geld verdienen. Man muss arbeiten, fahren und fahren. Aber mir gefällt es, ich chauffiere gerne.
15.10
Seit ein paar Tagen gibt es Schwierigkeiten.
15.15
Statement Santiago Duvergel Reynoso
Ich habe Probleme mit der Schaltung und der Rückwärtsgang geht gar nicht mehr rein. Das ist das Problem im Moment, aber das wird sich schon lösen.
15.26
Allerdings: Die Schaltung ist nicht sein einziges Problem:
15.45
Das Problem mit der Türe besteht schon seit längerem.
15.53
Die notwendigen Ersatzteile für die Reparatur hat Santiago bis jetzt nicht auftreiben können.
16.03
Alberto hat sich von der Mechaniker- in die Chauffeuren-Kluft geschmissen.
Läuft das Geschäft, so kann er an einem Tag fast soviel verdienen wie eine junge Krankenschwester im Monat.
16.20
Statement Alberto Gonzales Rubalcaba
"8 Euro, vielleicht auch nur 6 1/2. Es kommt ganz drauf an. Das Auto muss funktionieren, es darf nichts kaputt gehen.
16.34
In dieser Hitze kann man nicht den ganzen Tag arbeiten, vor allem die Pneus werden heiss.
16.39
Darum arbeite ich am morgen 4 Stunden und dann mache ich ein wenig Pause ehe ich dann noch für ein paar Stunden weiter fahre.
16.52
Fahrgäste bezahlen 5 oder 10 Pesos Nacionales, d.h. ca. 10 bis 12 Euro-Cent pro Fahrt, je nach Distanz.
17.05
Santiago Duvergel fährt schon seit über einer halben Stunde leer.
17.12
Doch dann hat er Glück.
17.19
Eine Dame mit Kuchen will zur 59. Strasse
17.26
Santiago ist froh endlich wieder eine Kundin gefunden zu haben.
17.35
Aber :......jetzt braucht`s Geduld.
17.39
Der Anlasser will nicht mehr.
17.42
Dieses Problem ist Santiago nicht ganz unbekannt, aber seit 3 Monaten hat es sich nicht mehr
bemerkbar gemacht.
17.52
Alberto hat mehr Glück.
17.56
Er hat sofort wieder Kundschaft gefunden. Richtig rentabel wird es allerdings erst, wenn alle der insgesamt 6 erlaubten Fahrgast-Plätze besetzt sind.
18.15
Langsam läuft es bei ihm wunschgemäss.
18.29
Santiago steht mit seinem Plymouth immer noch an derselben Kreuzung.
Seine Kundin wartet zwar nach wie vor solidarisch, aber langsam geht ihr die Geduld aus.
18.46
Albertos Chrysler füllt sich.
18.54
Gott sei Dank hat er breite Türen und sein Wagen ist hoch genug.
19.05
Statt der Blumengestecke würde er zwar lieber ein oder zwei Fahrgäste mehr sehen, aber die Fahrt mit den drei Damen scheint Alberto sichtlich Vergnügen zu bereiten.
19.26
Santiago ist das Lachen vergangen. Die Kundin ist weg und er versucht es abschliessend noch mit Anrollen. Entweder der Plymouth startet jetzt oder er muss einen Freund avisieren zum Abschleppen.
19.44
In solchen Momenten würde Santiago seinen Oldtimer am liebsten gegen irgend ein
anderes Auto, möglichst neueren Datums eintauschen.
19.58
Über 50 Jahre sind seit der Revolution vergangen.
20.04
Nachdem Raul Castro seinem kranken Bruder Fidel als Regierungschef und Staatspräsident folgte, hat er für sanfte wirtschaftliche Reformen gesorgt.
Es wurden z.B. mehr Lizenzen an private Taxiunternehmer sowie an Rad-Taxifahrer vergeben.
20.20
Wieviel ihre Kunden bezahlen müssen, können die Kleinunternehmer neuerdings selber bestimmen.
20.30
Der grösste wirtschaftliche Schock für Kuba kam nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Man verlor seine wichtigsten Wirtschaftspartner und die Lebensverhältnisse verschlechterten sich drastisch. Das Land erholt sich nur schleppend – trotz der neuen Partnerschaft mit Venezuela.
Oft helfen Verwandte aus den USA – nicht nur mit Ersatzteilen, sondern mit Überweisungen von Bargeld, die neuerdings - dank Barack Obama - nicht mehr limitiert sind.
20.57
Die gegenwärtige wirtschaftliche Situation bereitet Sorgen, so auch dem in Staatsdiensten stehenden Ökonomen Saul Aguirre. Sie ist verschärft worden durch die Weltwirtschaftkrise und das immer noch anhaltende Embargo.
21.12
Statement Saul Aguirre, Ökonom
"Wir sind in einer schwierigen Situation, wir sind in einer Phase der Sparpolitik, wo wir mehr und effizienter produzieren müssen, um die Krise zu bewältigen. Ohne Zweifel hat das Embargo einen grossen Einfluss auf unser Land, auf die Bevölkerung, die Tag für Tag gefordert ist, das Notwendige zu erwirtschaften.
21.39
Sorgen machen auch die für hiesige Verhältnisse enorm hohen Treibstoffpreise von mindestens 70 Euro Cent pro Liter. Kein Wunder also, wenn es wahr sein sollte, was gemunkelt wird: Viele private Fahrer sollen sich ihren Treibstoff auf dem Schwarzmarkt besorgen.
21.57
Auffällig auf den Strassen Havannas sind natürlich auch die vielen Autos aus dem ehemaligen Ostblock. Einmal nicht mehr fahrtüchtig sind sie für US-Oldtimer ein wertvolles Ersatzteillager.
22.09
Der Mechaniker Enrique Diaz ist gerade dabei einen Willys aus dem Jahr 1951 wieder flott zu kriegen.
22.19
Entweder man hat Verwandte in Florida, meint er, welche einem die notwendigen Ersatzteile bringen, oder man muss Phantasie walten lassen.
22.30
Man muss mit denjenigen Werkzeugen und Ersatzteilen auskommen, die man gerade auftreiben kann.
22.38
Statement Enrique Diaz, Mechaniker
Hier haben wir einen 1500er Lada-Motor, die Bremspumpe ist japanisch, von Nissan, die Aufhängung ist von einem Moskwitch und die Hinterachse von einem Wolga, ebenfalls russisch. Das Getriebe ist von einem Lada und die Antriebswelle ist ebenfalls sowjetisch.
23.03
Eine Probefahrt mit einem soeben revidierten 56er Plymouth Belvedere verbindet Enrique Diaz mit einem Besuch bei einem befreundeten Mechaniker.
23.24
Fast alles inklusive Radio ist bei diesem Plymouth original.
23.29
Einzig die Zylinder stammen bei diesem Oldtimer von einem Lada.
23.35
Enrique Diaz will bei seinem Freund etwas tauschen.
Für die Reparatur eines anderen Wagens braucht er dringend zwei Kolben.
23.52
Wer als Mechaniker in Havanna keine Freunde hat, hat einen schweren Stand.
23.58
Enrique hat einen Teil einer Bremse eines Chevrolets aus den 60er Jahren mitgebracht. Der genaue Jahrgang ist ihm nicht bekannt.
24.08
Die zwei Kolben eines 6-Zylinder Plymouth sind genau das, was er braucht.
24.12
Enrique ist mehr als erfreut und will sich sofort auf den Weg zu seinem Kunden machen, um ihm die frohe Botschaft mitzuteilen.
24.22
Im Restaurant «Amigos de Fangio» treffen sich die autorennsportbegeisterten
Kubaner. Sie verehren einen der berühmtesten Autorennfahrer aus den 50er und 60er Jahren, den Argentinier Juan Manuel Fangio.
24.46
Autorennen gab es in Kuba bis 1960 - bis kurz nach der Revolution. Vier Mal wurde am Malecon, der berühmten Hafenstrasse in Havanna, ein Gran Premio de Cuba ausgetragen. Er zählte zwar nicht zur Meisterschaft, führte aber doch über 500 km Distanz.
25.08
Mit dabei war damals – als Zuschauer auch Orlando Morales.
25.15
Der erste Grosse Preis von Kuba wurde im Jahr 1957 ausgetragen.
25.20
Wer im Automobilrennsport Rang und Namen hatte, war angereist: Sterling Moss etwa und dann natürlich Juan Manuel Fangio, der das Rennen gewann und mit dem die Revolutionäre im Jahr darauf einen spektakulären Coup landeten:
25.37
Statement Orlando A. Morales Pulido Historiker
Die revolutionäre Bewegung 26.Juli unter der Führung von Fidel Castro Ruz
hatte entschieden Fangio zu entführen, damit der ganzen Welt bewusst wird, dass Kuba im Kampf gegen die Tyrannei stand.
25.54
Die „Operacion Fangio“ war Teil des Kampfs gegen den Diktator Batista und sie zeigte ihre Wirkung. Auf der ganzen Welt wurde über die Entführung und die Verhältnisse in Kuba berichtet. Ein mediales Meisterwerk war gelungen. Auch dank der gütigen Mithilfe von Fangio, der betonte, von den Entführern sehr gut behandelt worden zu sein.
26.14
Nach der Revolution 1959 wurden dann noch zwei Grands Prix am Malecon ausgetragen.
26.25
Die Rennen waren jeweils ein Grossereignis in der Stadt.
26.37
Statement Orlando A. Morales Pulido Historiker
Kuba hat eine grossartige Renngeschichte. Ich kann das bezeugen. Es war der Sport, der am meisten Publikum angezogen hat. Die Grand Prix-Rennen am Malecon haben sich 150 bis 180.000 Zuschauer angesehen.
26.55
Ausser schönen Erinnerungen haben die Rennwagen aus jener Zeit auf Kuba keine
Spuren hinterlassen. Ganz im Gegensatz zu den immer noch allgegenwärtigen US-Oldtimern.
Besonders schöne Exemplare werden - so wie dieser Chevrolet Jahrgang 1953 oder auch dieser De Soto aus dem Jahr 1950 - von der staatlichen Taxigesellschaft GranCar –restauriert und für täglichen Einsatz für Fahrten mit zahlungskräftigen Touristen in Stand gehalten.
27.21
Trotz Mangel an Ersatzteilen soll GranCar möglichst bald Hunderte von Oldtimern betreiben.
27.31
GranCar soll stark ausgebaut werden. Der Tourismus steht heute ganz oben auf Prioritätenliste der Regierung.
27.37
US-Oldtimer gehören zu Kuba - genauso wie das US- Embargo.
Allerdings will niemand genau voraussagen, wann es aufgehoben werden wird:
27.50
Statement Saul Aguirre, Ökonom
Eine grosse Frage. Gerade morgen wird es nicht passieren.
27.59
Ich denke ein Grossteil der kubanischen Bevölkerung hat die Hoffnung, dass die neue amerikanische Regierung das Embargo aufheben oder zumindest Schritt für Schritt lockern wird. Wenn der gegenwärtige amerikanische Präsident dann zum zweiten Mal für vier Jahre gewählt wird, so hoffen wir, dass er das Embargo aufheben wird. Wir hoffen das, es ist eine Notwendigkeit und wir wünschen und fordern das auch.
28.29
Aber Kuba wäre nicht Kuba, wenn man sich deswegen am Samstagabend die Laune verderben liesse.
29.37
Man hat gelernt auf Vieles zu verzichten, aber die Musik und Lebensfreude will man sich nicht nehmen lassen.
28.51
Samstag abends da geht man aus. Man trifft sich in der Altstadt.
28.58
Oder man nimmt sich beim Kapitol ein Almendron ....
29.06
......um in eine der Discos im Stadtteil Miramar zu fahren.
29.22
Santiago Duvergel legt nach dem Pech von heute Vormittag noch eine Nachtschicht ein.
29.34
Er fährt gerne nachts am Malecon. Besonders am Samstag, wenn Tausende hinunter an die Uferstrasse kommen. Dann träumt er auch davon, dass er es sich eines Tages wird leisten können, mit seiner ganzen Familie am Samstagabend ins Stadtzentrum zu kommen.
29.59
Z.B. auf die Plaza Vieja, um dann vielleicht sogar in einem der feinen Restaurants zu speisen.
Bis dann braucht er noch etwas Geduld.
1.03
Havanna, Kuba. Die Welthauptstadt der amerikanischen Oldtimer.
1.12
Die meisten Nostalgiekutschen, die seit über 50 Jahren hier verkehren, sind Chevrolets.
1.20
Wohl nur die allerwenigsten, die hier einen solchen Wagen chauffieren, wissen woher der Name Chevrolet kommt.
1.29
Ein Historiker hier in dieser Stadt weiss jedoch ganz genau, wer Louis Chevrolet war und welchen Stellenwert der Rennfahrer und Konstrukteur in der Automobilgeschichte hat:
1.47
Statement Orlando A. Morales Pulido, Historiker
Ein grosser Mann des Automobils, der sich verewigt hat mit seinem Namen in allen Chevrolet Autos, die auf der ganzen Welt verkauft wurden. Er war Schweizer, aus der französischen Schweiz.
1.59
Louis Chevrolet wurde 1878 in La-Chaux-de-Fonds geboren. Zusammen mit seiner Familie emigrierte er zuerst nach Frankreich, dann alleine weiter in die USA, wo er auch geheiratet hat.
2.13
Vorerst macht er eine steile Karriere als Rennfahrer.
2.17
Louis Chevrolet stellt verschiedene Geschwindigkeitsweltrekorde auf, gewinnt wichtige Rennen und wird zum Idol für die rennbegeisterten Amerikaner. Bei schweren Unfällen entgeht er oft nur knapp dem Tod.
2.33
1920 und 1924 startet er auch bei Rennen auf Kuba.
2.45
Statement Orlando A. Morales Pulido, Historiker
Hier haben wir ein Bild, als er das letzte Mal nach Kuba kam, 1924.
2.50
Er ist damals einen Wagen der Marke Frontenac gefahren.
2.57
Der Mann, der hier in Kuba Rennen gefahren ist, ist auch der erste Konstrukteur der Chevrolets-Autos, dieser berühmten nordamerikanischen Marke.
3.10
1911 finanzierte William Durant, der Begründer von General Motors, die Chevrolet Motor Car Company. Im gleichen Jahr kam der Classic Six von Louis Chevrolet auf den Markt.
Allerdings wurde die Zusammenarbeit schon nach einem Jahr wieder beendet und Chevrolet musste Durant seinen Namen zurücklassen.
3.32
Wieviele Classic Six nach Kuba gekommen sind, weiss heute niemand mehr.
3.40
Fest steht, dass Kuba in den 50er-Jahren der wichtigste Exportmarkt für die amerikanische Autoindustrie war.
3.51
In Havanna gab es die verschiedensten Show-Rooms.
3.57
Sie waren auch nachts noch geöffnet.
4.03
Chevrolet war diejenige Marke, die sich mit Abstand am besten verkaufte. (max 4.09)
4.12
Statement Orlando A. Morales Pulido, Historiker
Chevrolet war die populärste Marke. Beim Triumph der Revolution waren 24% aller verkauften Autos Chevrolets. 16% waren Fords.
Buick, Plymouth und Dodge erreichten zusammen einen Marktanteil von 8%. Der Rest ist unbedeutend. (max.4.28)
4.34
Chevrolet verkaufte aber nicht nur Personen-, sondern auch Lastwagen.
4.41
So wie diesen – inzwischen mehrfach umgebauten – aus dem Jahr 1953,
der mit einem 1956er Ford Diesel Motor unterwegs ist.
4.53
Für 30 Euro Cent kommen die Fahrgäste heute mit diesem Gefährt – das zeitweise 120 Stundenkilometer auf dem Tacho hat - aus der Vorstadt von Havanna in das 35km entlegene San Antonio de los Banos.
5.13
Auf den Strassen Havannas sind nicht nur die Chevrolets langsamer unterwegs.
5.22
Hektik und Staus kennt man hier nicht.
5.28
Parkplätze findet jeder Autofahrer überall problemlos.
5.35
In Havanna sind schätzungsweise noch 5.000 Chevrolets unterwegs.
5.44.
Dies ist allerdings nur ein kleiner Bruchteil von den insgesamt 85 Millionen Autos die je unter diesem Namen produziert wurden.
5.58
Luis Chevrolet hat das immer auch ein wenig mit Stolz erfüllt, auch wenn er daran nichts verdient hat und verschmitzt meinte: Eines ist klar, vor all diesen Autos, war ich da!