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Wissenschaft im Spitzensport

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1.05
Die Sportler der traditionellen Wintersport-Nationen bekommen in ihren Domänen immer mehr Konkurrenz. Unter die Österreicher, Deutschen, Schweizer, Franzosen und Skandinavier mischen sich mitunter Kroaten und Slowenen, Letten und Polen - und immer öfter Kanadier.

1.25
In ihren traditionell stärksten Disziplinen halten die Europäer zwar immer noch eine Vormachtstellung und richten den weitaus grössten Teil der Wintersport-Veranstaltungen aus.

1.42
Aber zeitweise war es zum Verzweifeln: dem Heimvorteil zum Trotz gibt es in europäischen Eiskanälen und auf Schweizer Skipisten immer mehr kanadische Siegerinnen und Sieger. Schweizer Jubel war die Ausnahme.

2.05
Begonnen hat die kanadische Erfolgsstory mit den olympischen Winterspielen 1988 in Calgary. Die Sprungschanzen und die Bobbahn sind die Wahrzeichen der Millionenstadt Calgary, der ehemaligen Cowboy-Metropole. Selbst von der City aus kann man sie sehen.

2.25
1980 beschloss die Universität von Calgary im Hinblick auf das bevorstehende sportliche Grossereignis, für viel Geld ein Institut für Biomechanik ins Leben zu rufen. Das Olympic Oval, die olympische Eisschnellauf-Arena mit zusätzlichen Short Track- und Eishockeyfeldern, wurde auf dem Universitätsareal gebaut und in die Universität integriert. Es bietet direkten Zugang vom Human Performance Laboratory HPL – so nennt sich das Biomechanische Institut heute.

2.55
Inzwischen ist das HPL zu einem der renommiertesten und grössten Institute dieser Art herangewachsen, nicht nur beim Spitzensport, sondern auch in Medizin und Materialentwicklung. Die rund 180 Mitarbeiter verblüffen immer wieder mit spektakulären Forschungsergebnissen. Besonders stolz darauf ist der Begründer, Leiter und Spiritus Rektor dieser Entwicklung, der Schweizer Physiker Benno Nigg.

3.22
Statement Nigg:
Ganz interessant ist eine neue Studie die wir gemacht haben mit neuen Kufen für die Hockey-Schlittschuhe, die ganz anders aussehen als die normalen. Sie sind viel breiter, und die Resultate sind phantastisch, die sollten jetz dann auf den Markt kommen. Wir haben mit der National Hockey League zusammen gearbeitet bezüglich der Eishockey-Stöcke. Wir haben mit Schuh-Firmen zusammen gearbeitet, vor allem mit Adidas. Eine ganze Reihe der Produkte, die jetzt auf dem Markt sind, sind in den verschiedenen Phasen durch unser Institut gegangen. Das interessanteste ist der Beckham-Fussball-Schuh, der wurde im Wesentlichen hier entwickelt.

4.10
Eishockeyspieler Ryan van Asten wird  anthropometrisch vermessen. Eine unabdingbare Voraussetzung für die Erarbeitung eines Trainingsplans, meint David Smith, der im HPL die Abteilung Leistungsmonitoring aufgebaut hat und leitet.

4.25
Statement Smith:
Ich bin daran interessiert, sowohl die Muskelentwicklung als auch den Muskelschwund verfolgen zu können. Die meisten Leute denken, mit der Anthropometrie könne man nur das Körperfett messen. Dabei gibt erst das Verhältnis zwischen Körperfett und Muskelmasse Aufschluss über das Leistungsvermögen eines Athleten. Daraus leiten wir die Trainingspläne ab. Während einer bestimmten Jahreszeit soll die Muskelmasse zu- und das Körperfett abnehmen, in andern Phasen aber soll mehr Körperfett aufgebaut werden, damit dann genügend Reserven da sind, um ein intensives Krafttrainig überhaupt zu ermöglichen.
 
5.10
Um den Leistungsstand festzustellen, lässt David Smith einen Spitzenathleten periodisch auf Herz und Nieren prüfen. Er überprüft, ob die Trainingspläne, die er mit den Disziplintrainern erarbeitet hat, die gewünschten  Resultate ergeben. Das sind nicht zwingend die bestmöglichen, denn Smith plant für eine Periode von vier bis fünf Jahren. Zur Zeit stehen also vor allem jene Athleten unter Beobachtung, die 2010 in Vancouver ihre Bestleistung erbringen sollen.

5.45
Unter permanenter Beobachtung stehen aber nicht nur die Muskeln, sondern auch der Kreislauf.

5.55
Statement Smith:
Wir wollen wissen, was das Herz eines Athleten leisten kann. Das ersehen wir daraus, wie viel Blut ein Herz pro Minute in den Kreislauf pumpt. In Verbindung mit der Herzfrequenz können wir errechnen, wie gross das Herzschlag-Volumen ist, und das liefert uns Informationen über die Grösse der linken Herzkammer. Das ist vor allem in Ausdauer-Disziplinen wichtig. Wir messen also, was der „Motor“ zu leisten im Stand ist, um die Muskeln mit dem nötigen Sauerstoff zu versorgen.

6.30
Es ist erstaunlich, wie viele Informationen Smith aus einem Ergometer-Test erhält: Kreislauf-Belastung, Blutwerte, Atemvolumen – sogar die Zusammensetzung der ausgeatmeten Luft bei verschieden hohen Sauerstoff-Konzentrationen wird eruiert.

6.45
Statement Smith:
Meine Aufgabe besteht darin, den Coaches und Athleten die bestmöglichen Informationen zu liefern, damit sie auf höchstem Niveau ihre bestmöglichen Leistungen erbringen können, und das Ziel ist schlicht und einfach: Olympiamedaillen zu gewinnen.

7.05
Die Erfolge sprechen für sich: 1988 in Calgary reichte es für fünf, 1994 in Lillehammer waren es schon 13 kanadische Medaillen. Und es ging weiter aufwärts bis Turin 2006: 24 Medaillen, davon 7 goldene. Eine davon darf Smith sich doppelt anrechnen lassen. Ein Medaillen-Kandidat war ein Monat vor den Spielen völlig ausser Form.

7.25
Statement Smith:
Ich sagte: Ich brauche zwei Tage. Nach einer Reihe solcher Leistungstests konnte ich ihm sofort sagen wo das Problem lag und was er zu tun hatte.Nach zwei, drei Wochen haben wir seinen Leistungsstand nochmals überprüft und festgestellt, dass er wieder auf Kurs war.  Er gewann eine Olympiamedaille.

8.00
Im HPL von Calgary wurde eine neue Methode zur Messung der Muskelaktivität entwickelt, die sogenannte Wavelet-Analyse. Und begonnen hat die Entwicklung mit einer Arbeit von Vinzenz von Tscharner über die Wünschelrute.

8.15
Statement von Tscharner:
Der Grund, nach Calgary zu kommen war, dass die Universität mir angeboten hat, sämtliche Gräte zu benützen bei einem vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projekt über das Phänomen der Wünschelrute. Dieses Phänomen konnte in der Schweiz nicht bearbeitet werden, und da Professor Nigg mich und meine Karriere seit Jahren kannte, war das Institut hier offen für mich.

8.42
Von Tscharner hat die Methoden, mit denen er das Phänomen der Wünschelrute erklären konnte, weiter entwickelt.  Wenn heute in Calgary mit Dioden die Muskelaktivität gemessen wird, dann kann der Wissenschaftler aus den Ergebnissen weit mehr als nur die Muskelspannung ableiten. Dank der Wavelet-Methode kann er sie quantifizieren, den einzelnen Muskelfasern zuordnen und daraus ableiten: so funktioniert ein Muskel.

9.08
Statement v. Tscharner:
In der Muskulatur haben wir verschiedene Muskelfasern, diese leiten das Signal verschieden schnell. Je nach Geschwindigkeit, mit der die Signale transportiert werden, ändert sich die Frequenz. Wenn wir die Frequenz auflösen, können wir analysieren, welche grundlegenden Veränderungen in der Muskulatur stattfinden. Je nach Faser-Typ kommt das Signal schneller voran oder wird gebremst – zum Beispiel durch eine Übersäuerung der Muskulatur. Diese Phänomene werden jetzt beobachtbar.

9.50
Ein falscher Trainingsaufbau, eine Muskelatropie nach einer Verletzung oder altersbedingte Defizite können dank dieser Methode schneller erkannt und korrigiert werden. Traditionelle Messmethoden wie Druckmessplatten sind damit nicht überflüssig geworden, sondern liefern andere, ergänzende Erkenntnisse.

10.15
Statement Guevremont:
Messungen während des Bodenkontakts geben Aufschluss über die Muskelspannung in den Beinen und die daraus resultierende Veränderung der Winkel in den Knien und Sprunggelenken und ist damit ein Mass für die Effizienz.

10.30
Zur Leistungsfähigkeit eines Sportlers gehört auch die Psyche. Bei  einem Test wird selbst diesem Aspekt Rechnung getragen.

10.45
Bereits haben von Tscharner und sein Team erste praktisch verwertbare Erkenntnisse gewonnen.
10.54
Statement v. Tscharner:
In der Rehabilitation stellen wir fest, dass der Muskel die schnellen Frequenzen nicht rehabilitiert. Das heisst, wir müssen neue physiotherapeutische Methoden entwickeln, die die schnellen Fasern fördern, denn diese Fasern brauchen wir für die Stabilität, zum Beispiel beim Gehen, beim Treppen steigen, in jeder täglichen Bewegung. Und wenn diese Fasern nicht entwickelt sind, besteht die Gefahr, zu stürzen.

11.23
Hie und da gehört sogar Skifahren zum Job eines Wissenschaftlers der Biomechanik. Aber ein paar Abfahrten müssen hart erarbeitet werden.

11.40
Blayne Hettinga ist Freerider und Student der Biomechanik, Peter Federolf aus München Assistenzprofessor. In einer Ecke des Ski-Restaurants Canada Olympic Park in Calgary wird das Bein von Hettinga mit Dioden gespickt und  sorgfältig verpackt.

12.05
Mit den Messungen der Muskelaktivität während der Fahrt auf verschieden harten Unterlagen versuchen Federolf und Nigg, den Einfluss von Vibrationen auf die Leistung zu verstehen. Denn dass der Körper mit seinen Muskeln ständig Vibrationen dämpfen muss, hat Benno Nigg längst erkannt.

12.28
Statement Nigg:
Wenn ich eine Masse habe, meist Muskelmasse zusammen mit sonstigem Gewebe, kann diese Masse vibrieren. Diese Vibrationen hat unser Körper nicht gerne. Der Körper tut etwas, um diese Vibrationen zu dämpfen. Das macht er wiederum mit den Muskeln. Die Muskeln haben also auch die Aufgabe sicherzustellen, dass wir nicht zu viele Vibrationen haben.

13.12
Endlich geht’s auf den Sessellift. Mit verklebten und verkabelten Beinen und barfuss in den Skischuhen bei minus 20 Grad durch stiebende Beschneiungsanlagen. Kein reines Skivergnügen.

13. 25
Die Versuchsanordnung sieht vor, dass dieselben Skifahrer bei unterschiedlicher Schneebeschaffenheit ihre  Schwünge ziehen. Die Hypothese lautet, dass bei hart gefrorener Unterlage die Vibrationen und damit auch die Muskelaktivität grösser sein müssten als bei Sulzschnee.

13.50
Die ersten Ergebnisse scheinen die Hypothese zu bestätigen – doch die eigentliche Forschungsarbeit beginnt erst jetzt.

14.00
Statement Federolf:
Es ist ein Ergebnis, das wir noch nicht publiziert haben, dass die  Muskelaktivität so stark ansteigt. Aber wir haben es mit zehn Leuten getestet und neun der zehn Leute haben diesen Effekt sehr deutlich gezeigt – wir sind also ziemlich sicher, dass dieser Effekt stattfindet. Wo dieser Effekt herkommt wissen wir allerdings noch nicht – das ist das Ziel unserer Studie.

14.25
Ein erster Ansatz, den Ursprung der Vibrationen zu eruieren,  soll ein  Druckanzug liefern. Das ist eine hauteng anliegende, elastische Strumpfhose, ähnlich einem Stützstrumpf. In verschiedenen Sportarten hat man damit schon positive Erfahrungen gesammelt, ohne zu wissen, warum.

14.50
Statement Federolf:
Es gibt zwei Möglichkeiten, auf die Vibrationseigenschaften einzugehen. Die eine wäre, die Vibrationen zu dämpfen, beim Skifahren zum Beispiel an der Bindungsplatte oder am Skischuh zu arbeiten, um dort das Eingangssignal in den Körper zu dämpfen. Und die andere Methode wäre, am Körper selbst zu arbeiten, um dort die Resonanzeigenschaften zu ändern und damit zu verhindern, dass schlechte Vibrationen durchkommen. Das könnte man mit einem Anzug machen.

15.25
Es liegt zwar nicht nur am Geld, dass das Human Performance Laboratory von Calgary zu so manchem sportlichen Erfolg beigetragen hat. Aber trotzdem: Das ordentliche Jahresbudget beträgt rund 12 Millionen Franken.Davon wird aber nur ein Drittel von der Uni bezahlt. Und im Hinblick auf Vancouver 2010 sind weitere Finanzspritzen von aussen zu erwarten.

15.50
Statement Nigg:
Die Organisatoren von Vancouver haben zusammen mit der Regierung und der Industrie einen Betrag von 150 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt für ein Programm, das „Top“ heisst. Und ein Teil davon geht in die Forschung.

16.03
Der Druckanzug ist eines der eigenenen Forschungsprojekte, das zusätzliche Unterstützung geniessen könnte. Blayne Hettinga testet ihn nicht nur auf den Skis, sondern auch im Labor, zum Beispiel bei Sprungversuchen. Darren Stefanyshyn hat herausgefunden, dass auf eine bestimmte Weise angeordnete Plastikbänder eine sportliche Leistung positiv beeinflussen.

16.31
Statement Stefanyshyn:
Wir haben auf Grund der ersten Versuche Grund zur Annahme, dass die Plastik-Bänder eine Rolle spielen, es gibt tatsächlich einen Effekt von Energie-Speicherung und –Rückgabe.  Doch sie sind wahrscheinlich nur für einen Teil der gemessenen Leistungsverbesserung verantwortlich. Also müssen noch andere Faktoren eine Rolle spielen – und diese untersuchen wir.

16.48
Trainer und Athleten freuen sich über den Effekt, und sie benutzen die Anzüge auch schon fleissig. Aber den Wissenschaftler wurmt’s.

16.55
Statement Stefanyshyn:
Aus praktischer Sicht ist es natürlich egal, wie die Leistungssteigerung zustande kommt. Aber als Wissenschaftler will ich wissen, warum.

17.04
Blayne Hettinga gehört zu beiden Species, als Free-Rider ist er Athlet, als Doktorand angehender Wissenschaftler. Beim Riden benutzt er den Anzug. Und im Labor kümmert er sich um das „warum„.

17.23
Jachen  Denoth befasst sich am Institut für Biomechanik der ETH Zürich seit vielen Jahren mit dem Radfahren. Er hat unter anderem ein Messverfahren für den sogenannten „runden Tritt“ entwickelt. Jetzt interessiert ihn, wieso Radrennfahrer am Berg nicht jene Übersetzung benutzen, die eigentlich logisch wäre.

17.40
Statement Denoth:
Am Berg haben sie eine tiefere Trittfrequenz. Versucht man das aus einfachen Überlegungen nachzuvollziehen, kommt man auf ein gegenteiliges Resultat: die Trittfrequenzen sollten ähnlich sein. Wenn man zum Beispiel mit einem Motorrad den Berg hinauffährt, und in der Ebene, auf einer geraden Strecke, wo man nicht beschleunigen muss – um möglichst schnell zu fahren, wählt man die gleiche Tourenzahl. Der Velofahrer aber wählt zwei verschiedene Trittfrequenzen. Das ist der Anstoss, diese Untersuchung durchzuführen.

18.17
Die Hauptarbeit für eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung besteht darin, eine Versuchsanordnung auszuarbeiten, die eine Hypothese stringent stützt oder widerlegt. Dabei sind die zu messenden Parameter nicht einmal die kompliziertesten.

18.33
Statement Denoth:
Bei einer Ausdauer-Sportart ist die maximale Sauerstoffaufnahme die Grenze, die angibt, wie viel Energie ich einsetzen kann. Beim Radfahren muss ich also die zur Verfügung stehende Sauerstoffmenge auf die verschiedenen „Motoren“ verteilen. Da gilt das mechanisch-mathematische Prinzip, die richtige Wahl zu treffen, damit ein Maximum an Geschwindigkeit herauskommt.

19.05
Von den Ergebnissen der Untersuchung erwartet Denoth nicht, dass sie den Radsport revolutionieren. Aber wenigstens einen Anhaltspunkt dafür, wie ein Paradoxon zwischen mechanischen und physiologischen Grundsätzen aufzulösen wäre.

19.27
Senkfuss, Spreizfuss, Plattfuss - sehr viele Menschen leiden darunter. Auch Spitzensportler wie der Schweizer Fussball-Nationalspieler Benjamin Huggel. Auf dem Laufband der Hirslanden-Klinik in Münchenstein untersuchen Sportarzt Anton Sebesta und Orthopädie-Techniker Detlev Dobrinski mit einer Highspeed-Kamera Huggels Laufstil

19.52
Sebesta off:
Du siehst, dass du  mit der Ferse aussen auftrittst und mit dem Mittelfuss nach innen einknickst – vor allem links.

20.08
Zur Ausarbeitung einer optimalen Schuheinlage gehört immer noch  ein traditioneller Fussabdruck im Schaumstoff. Aber dynamische Komponenten – beim Gehen auf einer Druckmessplatte oder beim Joggen auf dem Laufband – liefern dem Orthopädie-Techniker zusätzliche wichtige Informationen.

20.26
Statement Sebesta:
Wenn einer am Knie, an der Hüfte oder am Fuss eine Überlastung hat, dann wird die ganze Fussstatik beurteilt. Man schaut nicht nur das Gangbild an, sondern beim Rennen und Joggen, beim Sport, den er ausübt. Erst dann sieht man die eigentliche Fehlbelastung am Fuss.

20.50
Die Schuhe sind das Arbeitswerkzeug des Fussballers. Die Angst vor Einlagen ist deshalb unter Fussballern weit verbreitet. Doch moderne Einlagen sind hauchdünn und federleicht – und der Laufband-Test eine Woche später beweist: die Statik stimmt wieder, der Fuss fühlt sich wohl. Einer erfolgreichen Europameisterschaft steht nichts mehr im Weg...

21.24
Sebesta off:
Du siehst, Beni, der Mittelfuss knickt nicht mehr ein. Und die Rotation des Unterschenkels verändert sich auch nicht mehr.

21.36
Auch Rennpferde sind Spitzenathleten. Der Pferdeklinik der Universität Zürich steht ein Laufband zur Verfügung, auf dem unter anderem die Leistungsfähigkeit von Rennpferden geprüft und gemessen werden kann. Und das Erstaunlichste: Nach kurzer Angewöhnungszeit machen die meisten Pferde willig mit. Nicht nur Kreislauf und Atmung können quantifiziert werden, dank 12 Druckmessplatten kann Tierarzt Michael Weishaupt auch die verschiedenen Gangarten genau analysieren. Hier steht das Trabrennpferd Pretty Woman auf dem Prüfstand.

22.12
Statement Weishaupt:
Wir haben die Möglichkeit, die Auffussungskräfte aller vier Gliedmassen messen zu können und sozusagen Belastungsasymmetrien oder Gangasymmetrien zu quantifizieren. Bei der Übersicht ist vor allem offensichtlich, dass die Maximalkräfte hinten unterschiedlich hoch sind, also hinten links höher als hinten rechts.Wenn ich das in der Asymmetriegrafik anschaue, dann ist diese ungleiche Belastung weg von der hinteren rechten Gliedmasse ganz deutlich sichtbar. Wenn wir noch die Spuren der einzelnen Gliedmassen von oben betrachten - der Kopf ist hier auf der linken Seite, blau hinten rechts und grün hinten links -, dann sehen wir, dass das Pferd hinten ein bisschen verschoben läuft.

23.06Die Analyse der Auffussungskräfte ist nur ein Kriterium, um den Gang eines Pferdes zu bewerten. Eine optische Beurteilung ermöglicht – wie bei Benjamin Huggels Laufstil – eine Highspeed-Kamera. Die Super-Zeitlupe zeigt, dass Pretty Womans linke Vor- und Nachhand zu weit aussen herum kreisen und die Nachhand zu weit innen aufsetzt.23.26 Statement Weishaupt:Einerseits beobachten wir bei hoher Geschwindigkeit diese asymmetrische Belastung und asymmetrische Kraftübertragung der Nachhand. Das ist sicher medizinisch anzugehen. In dem Moment, da wir das Pferd dann wieder für die nächste Saison aufbauen, ist es nötig, sicher zu sein, dass diese Gliedmasse wieder funktionsfähig ist. Auf der anderen Seite versuchen wir beschlagstechnisch natürlich, diese asymmetrische Bewegung zu normalisieren.24.05Ein paar Tage später führt Besitzer Fredy Fehr das Pferd dem Hufschmied Adrian Burger vor. Pretty Woman war in einigen Rennen kurz vor Schluss wegen unreiner Gangart disqualifiziert worden. Nach der Ganganalyse im Tierspital ist die Arbeit  des Hufschmieds Teil eines Massnahmenpakets, das die Defizite des Pferdes bis zum Beginn der neuen Rennsaison ausmerzen soll.24.35Adrian Burger sieht sich jedes Pferd, das er beschlägt, erst einmal gründlich an. Von Michael Weishaupt hat er die Informationen über die Ergebnisse der Ganganalyse erhalten. Zudem kennt er Pretty Woman aus dem effeff, denn er beschlägt sie regelmässig, und er hat sie auch in verschiedenen Rennen beobachten können.25.00 Statement Burger:„Pretty“ hat vorne links und rechts nicht die gleichen Hufe, das heisst, der linke ist flacher. Dadurch macht sie mit diesem Bein im Renntempo eine starke ovale Bewegung nach vorne. Der rechte Schuh, der immer ein bisschen steiler wächst, macht eher eine runde Bewegung. Die Hufe sind vor sieben Wochen beschlagen worden und sind seither fast einen Zentimeter gewachsen, es ist also sehr wichtig, dass man beim Ausschneiden darauf achtet, die Hufe anzugleichen. Sie macht links und rechts denselben Bewegungsablauf und steht in der Schulter gleich, wenn die Schuhe gleich hoch sind.25.45Die Arbeit des Hufschmieds verlangt grosses und kräftezehrendes handwerkliches Können und zugleich ein feines Gefühl.26.05Vor allem die Arbeit mit dem heissen Eisen auf dem Amboss. Kaum zu glauben, dass in diesem Arbeitschritt ein massgeschneidertes Doppelpaar von Schuhen entsteht, das – im Fall von Pretty Woman - auch noch orthopädische Qualitäten aufweisen muss. Das heisst, dass sich nicht nur die vorderen von den hinteren Eisen unterscheiden, sondern auch die linken von den rechten.26.40 Statement Burger:Das Pferd macht im Speed eine Kreisbewegung nach vorne aussen, und fusst dann fast zwischen den Vorderbeinen auf. Jetzt haben wir einen sogenannten „schrägen Schuss“ gemacht, das heisst wir helfen ihr, nicht mehr über die Mitte, sondern über die innere Seite des Hufes abzurollen. Dadurch macht sie weniger diese Kreisbewegung, wenn sie nach vorne tritt.27.12Schon am nächsten Tag folgt die Probe aufs Exempel. Auf dem Laufband wird Pretty Woman langsam bis zum Renntempo beschleunigt. Gespannt warten die Wissenschaftler auf das Ergebnis.27.28Und siehe da: Pretty Woman läuft fast symmetrisch.27.33 Statement Weishaupt:Es ist eigentlich erstaunlich. Wir haben ja versucht, das Abschwingen der Hintergliedmassen zu optimieren, dass diese Ausholbewegung reduziert wird. Das hat der Hufschmied sehr schön realisiert. Wir sehen bei den hohen Geschwindigkeiten, dass dieses Abschwingen effektiv gerader verläuft.27.54Selbst der Laie kann erkennen, dass sowohl die Vor- als auch die Nachhand links nicht mehr so weit nach aussen schwingen wie vorher und die Nachhand nicht mehr so weit innen auffusst – und dadurch verbessert sich auch die Balance. Und die Messungen bestätigen den optischen Eindruck.28.10 Statement Weishaupt:Erstaunlicherweise hatte dies auch einen ziemlichen Effekt auf die Belastungssymmetrie der Hintergliedmassen. Jetzt werden die Gliedmassen wieder ausgeglichener belastet, wir haben sogar überkorrigiert, aber das ist jetzt für den Winterbeschlag nicht so relevant.28.30Und auch Länge und Spur der Vor- und Hinterhand sind fast symmetrisch. Pretty Woman könnte in der nächsten Saison überraschen.28.45Zurück nach Calgary. Das Human Performance Lab verbindet das Nötige auch mit dem Nützlichen. Golfer sind dankbare und finanzkräftige Kunden im Laboratorium, in dem sich die Bewegungsabläufe beim Abschlag optimal veranschaulichen lassen. Die Anlage wird auch von Privaten – gegen Bezahlung - rege benutzt. Das ist ganz im Sinne von Benno Nigg.29.08 Statement Nigg:Die Zielsetzung ist, das, was wir herausgefunden haben, auch weiter zu geben. An die Industrie, an das Publikum, an die Athleten, an alle möglichen Gruppen, die daran interessiert sind, auch an die Medizin. Und wir trainieren unsere Leute, dass sie diesen Transfer vom Labor zur Praxis auch aktiv fördern.29.38Die wissenschaftliche Forschung kommt dabei nicht zu kurz. So hat das Institut zum Beispiel nachgewiesen, das der Schuh auf den Bewegungsablauf des Golfers keinen wesentlichen Einfluss hat. Selbst in einer MBT-Sandale – für Golfer eine desaströse Vorstellung – schlägt ein guter Golfer den Ball genau gleich wie in einem Golf-Schuh.30.15Tue Gutes und rede darüber – ein Prinzip, das sich manche Wissenschaftler hinter die Ohren schreiben sollten.30.33Es ist kein Zufall, dass Kanadas Sportler in den letzten 20 Jahren den traditionellen Wintersport-Nationen immer näher gerückt sind. Nur ein potenter kanadischer Skispringer fehlt noch. Vielleicht nicht mehr lange.


NZZ Swiss made: Der Mann hinter dem „Kieser Training“

1.05
Früher nannte man sie Folterkammer. Heute heisst ein Raum, in dem Gewichte gestemmt, gedrückt und gehoben werden, Fitnessstudio. Einer der ersten, der den Kraftraum salonfähig machte, ist Werner Kieser.

1.16 Kieser in:
Damals gab es das Wort „Fitness“ noch gar nicht und „Krafttraining“ war auch ein Fremdwort. 1957 habe ich mich beim Boxen verletzt, im militärischen Vorunterricht, den gab es damals auch noch. Da hatte ich eine Rippenquetschung. Das ist schmerzhaft, beim Einatmen schmerzt es, beim Lachen schmerzt es. Und ich bekam ein halbes Jahr Wettkampfverbot vom Arzt, und auch der Trainer hat zugestimmt. Da war aber ein Spanier im Klub, Ramon, ein Profi. Der sagte, das ist Unsinn, was ihr da erzählt, ihr Amateure. Der muss mit Gewichten trainieren, dann ist er schneller wieder gesund.

2.05
Was ihm selber nützte, brachte Werner Kieser gewinnbringend unter das Volk. Seinen ersten Kraftraum in Zürich richtete der gelernte Schreiner 1960 noch mit Eisenstücken vom Schrottplatz und selbst gebastelten Geräten ein. Heute gibt es in den weltweit fast 150 Kieser-Trainingsstudios Dutzenden von genormten Maschinen. Dem Eisen ist Kieser aber treu geblieben.

2.32 Kieser in:
Die Mechanik ist zuverlässig, und es ist auch das Sicherste. Es gibt am wenigsten Störungen in der Mechanik. Es kann einmal ein Lager kaputt gehen oder ähnliches, aber die Leute wollen trainieren. Es geht nicht, dass die Anlage still steht, weil einmal kein Strom da ist. Aber es hat auch den Grund, dass Gewichte nach wie vor das Beste sind. Wir haben eine Studie machen lassen über alternative Widerstände wie zum Beispiel Öldruck, Luft- oder Wasserwiderstände. Und der Ingenieur, der diese Studie gemacht hat, war sehr erstaunt, denn er dachte, es gäbe etwas Besseres als Gewichte. Aber er kam zum Schluss, dass es immer noch das Beste ist, wirtschaftlich gesehen und auch bezüglich Nachhaltigkeit. Nur beim Transport ist es enorm schwer...

3.27
Kiesers Idee hat sich durchgesetzt. In den Studios stärken sich tagaus, tagein Leute jeden Alters und beiderlei Geschlechts an den Kraftmaschinen die Muskeln. Kreislauftraining und frische Luft bietet Kieser aber ganz bewusst nicht an.

3.45 Kieser in:
Das hat ja keinen Sinn. Die Leute sollen in den Wald gehen, dazu ist keine Technologie erforderlich, man braucht nur Turnschuhe. Ich sage immer, wenn jemand in ein Kreislaufgerät investieren will, soll er sich ein Springseil kaufen, das ergibt ein hervorragendes Kreislauftraining. Dazu braucht man keine Technologie – im Gegensatz zum Training des Bewegungsapparates.

4.13
Dafür steht geschultes Personal zur Verfügung. Werner Kieser  betreibt seine Studios zwar nicht mehr selbst. Aber er achtet bei den Franchising-Geschäftspartnern akribisch darauf, dass seine Ideale, von denen er so überzeugt ist,  nicht verwässert werden.

4.28 Kieser in:
Franchise-Betriebe sind Betriebe, die sich verpflichten, bestimmte Verfahrensweisen und Maschinen anzuwenden. Die werden von uns ausgebildet, geschult, das geht bis hinein in den Sprachgebrauch.

4.44
Dazu gehört auch fast überall eine medizinische Betreuung durch Ärzte und Physiotherapeuten. Doch damit sind genug Konzessionen gemacht. Ein Seitensprung ins Reich der Lifestyle-Studios hat Werner Kieser genügt.

4.56 Kieser in:
Da war zum Beispiel John Valentine, ich glaube der ging vor ein paar Jahren pleite. John Valentine habe ich mir angesehen, und da konnte ich natürlich nicht mithalten mit meinem Schrottladen. Da gab es schöne Teppiche, Whirlpool, die Hahnen waren alle verchromt. Ich dachte, da muss ich vielleicht mitziehen, schliesslich bin ich jetzt so eine Art Unternehmer geworden. Ich habe also eine Sauna eingebaut und verschiedene Solarien. Aber nach einem Jahr wurde mir immer unbehaglicher. Ich realisierte: die liegen ja nur noch herum, die Leute, die machen ja gar nichts mehr, die trainieren ja nicht mehr...

5.40
Und so werden der herbe Charme einer „Folterkammer“, das Klacken von Eisen auf Eisen und die spartanisch kühle Atmosphäre weiterhin das Markenzeichen bleiben, mit dem Werner Kieser fünfzig Jahre lang Erfolge gehabt hat.

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