1.06
Wer kann da nicht Mitfühlen
1.11
Italienische Hirnforscher wollten wissen, wo genau es im Gehirn funkt, wenn der Affe isst. Sie entdeckten Erstaunliches: es funkt nicht nur, wenn er isst, sondern auch, wenn er sieht, wie der andere isst. Wenn er sich vorstellt, wie es sich anfühlt, wenn man isst.
1.30
Die Forscher fanden bei Affen und Menschen Spiegelnervenzellen im Gehirn. Sie sind verantwortlich für dieses unbewusste Imitieren von Gefühlen und Gesten,
für Einfühlungsvermögen und Vertrauen. Ein lebensnotwendiges Bedürfnis, auch des Menschen.
1.48
Wolfgang Tschacher, Psychologe / Psychotherapeut, Universitätsklinik für Psychiatrie Bern
Ich gehe davon aus, dass man Dinge ähnlich macht. Dass man mitschwingt, mit dem andern. Auch in ganz banalen Geschichten. Dass man gemeinsam gähnt oder gemeinsam lacht oder gemeinsam traurig wird, wenn man jemanden sieht, der auch traurig ist, dass einem die Tränen kommen können, wenn man jemanden weinen sieht. Und solche Anpassungs-, Angleichungsprozesse oder sogar Ansteckungsprozesse sind doch ganz interessant.
2.17
Anpassungsprozesse lassen sich am Körperverhalten in Therapiestunden beobachten. Bewegen sich Patient und Therapeut ähnlich oder zeitversetzt, und ist dies mehr als nur zufällig? Damit beschäftigt sich ein Forschungsprojekt der Universitätsklinik für Psychiatrie in Bern. Ein Programm lässt die Bewegungen gut erkennen.
2.37
Fabian Ramseyer, Psychologe, Universitätsklinik für Psychiatrie Bern
Wenn man sich körperlich ähnlich verhält, dann kommt man auf eine ähnliche Ebene und kann den andern Menschen eigentlich besser verstehen und das führt dann zu mehr Mitgefühl.
2.51
Bei Ablehnung bewegt man sich kaum synchron, wohl aber bei Achtung. Man imitiert unbewusst.
Stichproben aus tausenden Videoprotokollen ergeben, dass sich - bei erfolgreicher Therapie - Therapeut und Patient gegenseitig imitieren.
3.07
Fabian Ramseyer, Psychologe, Universitätsklinik für Psychiatrie Bern
Es gibt ein Muster, dass zu Beginn der Therapie der Therapeut den Patienten imitiert. Also man könnte davon ausgehen, dass der Therapeut versucht, den Patienten besser zu verstehen, mit ihm zu gehen, um eine gemeinsame Basis zu schaffen für die folgende Therapie. Und am Ende der Therapie ist es so, dass der Patient eher imitiert.
3.30
Das heisst, dass er sich aus der Störung herausführen lässt durch ein anderes Körperverhalten.
3.36
Das Imitieren als therapeutische Hilfe ist die eine Seite dieser Forschung.
3.41
Wolfgang Tschacher, Psychologe / Psychotherapeut, Universitätsklinik für Psychiatrie Bern
Und dann interessiert uns natürlich auch das auf dem Hintergrund zu zeigen von dem, was wir Embodiment nennen, nämlich dass Menschen nicht einfach informationsverarbeitende Computer sind, sondern dass sie mit ihrem ganzen Körper in der Situation sind und mit dem ganzen Körper denken, sich erinnern und präsent sind einfach.
4.05
Kinder wissen dies intuitiv. Sie lieben es, in andere Rollen zu schlüpfen. So machen sie spielerisch neue Erfahrungen. Und so lernen sie schnell, besonders von denen und mit denen, die sie mögen.
4.25
Kinder lernen auch Freundschaften kennen oder Ablehnung, Erfolg oder Missgeschicke. Alle Erlebnisse und Gefühle schreiben sich ununterbrochen im Gehirn ein und werden so zum Antrieb aller Handlungen.
4.40
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Emotionen und Denken gehen eng zusammen. Wir denken, wir sind intellektuell, und wenn wir eine gute Leistung erbringen, was kriegen wir dann, ein schönes Gefühl. Wir verstärken uns. Ohne Gefühl funktioniert das nicht. Unsere Gefühle treiben uns an, etwas zu tun, unsere Gefühle treiben uns an, in die Schule zu gehen, zu studieren, unsere Gefühle treiben uns an, tolle Gedanken uns zu machen, zu planen und so weiter. Die Gefühle sind die Steuermänner des menschlichen Daseins.
5.14
Das Gedächtnis für Gefühle entwickelt sich schon im Mutterleib.
Nach der Geburt leiten die Gefühle das Kleinkind, wie Freude, Angst, Wut oder Interesse. Und zwar in allen Kulturen gleich. Nach und nach werden die Gefühle in geregelte Bahnen gelenkt. Das Kind lernt Planen und Folgen abschätzen, sich orientieren und Rücksichten nehmen.
5.40
Antrieb aber bleiben die Gefühle. Sie sind gespeichert im limbischen System.
5.44
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Es sind ganz bestimmte Hirnstrukturen, sie liegen in der Mitte des Gehirns, und unten am basalen Pol, so nennen wir das. Es sind alte Hirnstrukturen, die nicht nur Säugetiere haben, sondern hinunter auch bis Reptilien. Und die sind ummantelt sozusagen von den neuen Hirngebieten, die der Mensch hinzubekommen hat und vor allem auch die Primaten. Und das Interessante ist, es bestehen sehr viele Wechselwirkungen zwischen diesem alten limbischen System und den neuen Hirnstrukturen.
6.16
Das Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen, die eng miteinander verbunden sind und ein gigantisches Netzwerk bilden.
6.26
Im Zentrum liegt das limbische System, ein Verbund von Hirnstrukturen, die für die Entstehung und Verarbeitung von Gefühlen zuständig sind. Sie empfangen alle Bilder, Gerüche, Töne und entscheiden, ob sie Freude oder Angst, Wut oder Ekel bereiten, und sie regulieren die Hormone.
6.46
Die mandelgrosse Amygdala gilt als Schaltzentrale einkommender Signale aus allen anderen Hirnzentren.
6.55
Das Stirnhirn ist unter anderem für die bewusste Wahrnehmung und die Kontrolle der Emotionen zuständig.
7.03
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Von diesem oberen Teil des Stirnhirns wird also quasi eine Gegenkontrolle durchgeführt von oben nach unten, um die aufsteigenden Emotionen, von bottom nach up, gegen zu kontrollieren. Und Kinder haben eben durch die noch verzögerte Entwicklung des Stirnhirns weniger Kraft sozusagen, gegen die Emotionen entgegenzuwirken. Was zur Folge hat, dass Kinder oft emotionaler sind, auch gefährdeter sind beispielsweise emotionalisiert zu werden zum Beispiel auf Fernsehen, Videospiele und so weiter.
7.40
Dem wirkt gute Erziehung entgegen.
7.45
Wie viele Zucker stecken im Schokokopf? Das prägt sich ein, wenn auch hier Körper und gute Gefühle mit im Spiel sind.
7.55
Vom dritten Altersjahr an lernen Kinder soziale Regeln, aber auch kulturelle und religiöse Werte.
8.03
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Das Hirnvolumen nimmt zu, die Differenzierung des Gehirns nimmt zu, wobei insbesondere die Verkabelung des Gehirns besser wird. Das heisst, es ist nicht ein reines Wachstum, sondern eine Verkabelung, die man so erklären kann als Infrastrukturzunahme. Die Verbindungen zu den einzelnen Informationszentren nehmen zu. Das ist auch wichtig, denn die Informationsverarbeitung heisst Informationsaustausch. Und das wird immer besser.
8.34
Je grösser die Verkabelung oder das Netz ist, desto mehr Verbindungen entstehen und umso mehr Neues kann man aufnehmen. Gelerntes kann man behalten, wenn es gebraucht wird, und verlernen, wenn’s nicht gebraucht wird.
8.49
Lernen braucht Beharrlichkeit. Im Gehirn ist Lernen ein biochemischer und elektrischer Vorgang zwischen zwei Nervenzellen, an den Synapsen.
8.57
Kommen wenige Impulse, wird die elektrische Erregung nicht an die nächste Zelle weitergeleitet.
9.04
Kommen mehr Impulse, wird die elektrische Erregung an die nächste Zelle weitergegeben. Die Zelle verändert sich, denn
9.14
wenn viele Impulse kommen, werden an der Synapse zusätzliche Rezeptoren eingebaut. Das bedeutet mehr Kanäle, und das heisst, mehr chemische Botenstoffe werden aufgenommen. Deshalb wird die Zelle jetzt die Energie schon bei viel weniger Impulsen weitergeben. So entsteht Lernen. Sei es Sprache, Kuchenbacken, Angst oder Sport.
9.41
Wie das Gehirn lernt, kann man beobachten.
In einer Studie der psychiatrischen Universität Bern werden englische Studenten, die deutsch lernen, untersucht. Sie bekommen einen Schalter mit je einem Ja und Nein-Knopf. Und dazu eine Brille, in der Wörter erscheinen werden. Wenn der Student über sie nachdenkt, zeichnet dies die Apparatur dank eines starken Magnetfeldes auf.
10.10
Dieser funktionelle Magnetresonanztomograf hat seit gut zehn Jahren die Hirnforschung und die Psychologie enorm verändert. Früher konnte man nie in ein aktives Gehirn hineinschauen.
10.26
Studienleiterin Maria Stein misst die Deutschlernenden zwei Mal. Nach einem Monat und nach fünf Monaten.
10.34
Es wird jetzt für zehn Minuten klopfen. Wir starten jetzt.
Drei, zwei, eins, Start
10.47
Der Student sieht in seiner Brille Wörter. Deutsche, englische und andere. Er drückt den Ja-Knopf, wenn er sie verstanden hat.
10.54
Maria Stein, Psychologin, Psychiatrische Universitätsklinik Bern
Das Wort kommt quasi von hinten ins Gehirn, man sieht es erst mal, mit dem Sehzentrum, dann wird die Schrift entziffert, das Schriftbild erkannt, und irgendwann weiss man, da steht Hund, aber man weiss noch nicht, was das bedeutet, und dann sagt das Frontalhirn, such mal, such mal, du musst doch wissen, was das bedeutet.
11.14
Dank der Durchblutung sieht man es also zuerst hinten im Sehzentrum funken, danach im Frontalhirn, vor allem links. Das Bild zeigt das Ergebnis aller Studenten zusammengefasst. Es funkt nicht immer am gleichen Ort.
11.28
Man sieht die Funken nicht direkt, nur in der Aufzeichnung.
11.34
Der Prozess aber ist bei jedem Lernen ähnlich:
11.37
Maria Stein, Psychologin, Psychiatrische Universitätsklinik Bern
Wir haben herausgefunden, dass zu Beginn des Aufenthalts, wenn die Probanden noch sehr wenig deutsch konnten, dass sie dann, um deutsche Wörter zu verstehen, mehr Aktivität im Frontalhirn brauchen im Vergleich zu englischen Wörtern, und dass diese Zusatzaktivität eigentlich wegfällt bei der zweiten Untersuchung, wenn die Probanden schon besser deutsch können.
Was wir auch rausgefunden haben, ist dass nicht nur die Aktivierung im Frontalhirn zurückgeht, sondern dass gleichzeitig eigentlich die graue Substanz, also der Ort, wo die Nervenzellkerne liegen, dass die dichter wird im Verlauf von diesem halben Jahr. Also an dem Ort, wo es weniger Aktivierung braucht, haben wir mehr graue Substanz. Also es sieht so aus, als sei da wirklich ein Netzwerk ausgebaut worden, was dann die Wörter mit weniger Aktivität einfacher verstehen kann.
12.35
Maria Zeder ist 65 und lernt seit einiger Zeit Kontrabass. Es ist nie zu spät, um zu lernen, wenn man Freude daran hat.
12.45
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Wir lernen ja in unserer Hirnforschung, dass das Gehirn plastisch ist. Und das ist offenbar plastisch bis ins hohe Alter. Wahrscheinlich bis wir sterben. Plastisch heisst, es kann sich verändern, im positiven Sinne, es kann was aufgebaut werden, aber auch im negativen Sinn. Es kann was abgebaut werden. Wir merken jetzt zunehmend, dass diese Abbauprozesse auch selbstverantwortlich stattfinden. Im Sinne von „use it or lose it“.
13.13
Das lässt sich aufhalten. Musik, Sport und Spiele stimulieren das Gehirn. Es bleibt länger aktiv, und das verleiht ein Gefühl der Zufriedenheit.
13.24
Maria Zeder, Modellistin
Ich war sehr neugierig und bin es immer noch, und immer noch mehr. Es interessiert mich wie weit ich komme und was ich herausholen kann.
13.35
Den Löwen fürchtet niemand, im Zoo. In der Wildnis aber sichert die angeborene Angst das Überleben.
Andere Ängste hingegen werden gelernt.
13.46
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Wir können zum Beispiel durch Fehllernen viele Gefühle falsch einsortierten. So entstehen Ängste beispielsweise. Übertriebene Ängste von Sachverhalten, von denen wir eigentlich gar keine Angst haben müssen. Übertriebener Ärger im Zusammenhang mit Situationen, wo wir gar keinen starken Ärger haben müssen. Das ist ein wunderschönes Beispiel, also wunderschön in Anführungsstrichen, wie der Mensch quasi plastisch seine Gefühle an verschiedene Aspekte anbinden kann.
14.18
Alle Hirnzentren und das limbische System analysieren ununterbrochen sämtliche Eindrücke in Sekundenbruchteilen und vergleichen sie mit gespeicherten Ereignissen und Gefühlen.
14.30
Erinnert etwa der Anblick eines Messers an eine erlebte lebensgefährliche Bedrohung mit einem Messer, wird sofort die Amygdala aktiviert. Diese schickt Signale zur Hypophyse, die Stresshormone in den Körper ausschütten lässt.
Das belastet auf Dauer den Körper, vor allem nach traumatischen Erlebnissen wie Krieg oder Vergewaltigung.
14.54
Auch die Mäuse haben vielleicht eine posttraumatische Störung.
Sie wurden am Fuss elektrisch gereizt, während sie Ethanol einatmeten.
15.02
Nun werden sie untersucht. Eine Schale mit Ethanol kommt links in die Box, rechts eine mit Essigsäure. Im Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München will man die Stressstörung verstehen. Anhand von Mäusen, weil ihr limbisches System dem der Menschen ähnlich ist.
15.21
Sebastian F. Kaltwasser, Neurobiologe, Max-Planck-Institut für Psychiatrie München
Die Mäuse, die eine posttraumatische Stressbelastung haben, die entwickeln Vermeidungsreaktionen. Und zwar vermeiden sie bestimmte, mit dem Trauma assoziierte Reize. Und das ist zum Beispiel das Ethanol in diesem Fall. Bei Menschen ist das genau dasselbe. Er würde auch Reize vermeiden, die er mit dem Trauma verknüpft.
15.40
Maus Nummer eins zögert. Sie riecht das Ethanol und meidet es. Aber sie besucht den Raum mit Essigsäure. Würde sie ihn ebenfalls meiden, wäre dies eine Überreaktion, wenn alle ähnlichen Gerüche Stress auslösen.
15.57
Maus Nummer zwei wurde ebenfalls elektrisch gereizt. Aber sie hat kein Problem mit dem Ethanol. Nur 20 Prozent der Mäuse und Menschen werden bei einem schlimmen Erlebnis traumatisiert. Bei 80 Prozent normalisiert sich das Gehirn.
16.13
Im Kernspintomografen lässt sich das Mäusegehirn untersuchen. Man sieht die Augen, dahinter das limbische System, das ein Grossteil des Mäusegehirns einnimmt.
16.26
Sebastian F. Kaltwasser, Neurobiologe, Max-Planck-Institut für Psychiatrie München
Was jetzt hier kommt, das ist der Hippokampus, hier sieht man den Beginn des Hippocampus, die besonders helle Struktur.
Was wir sehen, ist besonders Volumenunterschiede beim Hippocampus, und das vor einem Trauma. Was bedeuten kann, dass, wenn der Hippocampus zum Beispiel kleiner ist, dass man stärker auf ein Trauma reagiert als wenn er grösser ist.
16.50
Das würde heissen, dass es eine Veranlagung für solche Störungen gibt?
16.54
Ulrike Schmidt, Psychiaterin / Psychotherapeutin, Max-Planck-Institut für Psychiatrie München
Wir denken, dass da eine genetische oder eine wie auch immer geartete biologische Veränderung diesen Patienten zu Grunde liegt. Das heisst, diese zwanzig Prozent der Patienten haben ein biologisches Merkmal, ein krankhaftes sozusagen biologisches Merkmal, was sie für diese Störung empfänglich macht. Das haben die andern achtzig Prozent nicht.
17.21
Ulrike Schmidt untersucht nun in einer Studie das Blut von Patienten auf solche genetischen Merkmale hin.
17.30
Weil die Angst durch Lernen entstanden ist, kann man sie verlernen, etwa durch eine Verhaltenstherapie.
17.37
Ulrike Schmidt, Psychiaterin / Psychotherapeutin, Max-Planck-Institut für Psychiatrie München
Es ist sehr gut, wenn man Ängste hat, wenn man früh dagegen steuert, wenn man sich so früh wie möglich in Behandlung begibt, unter der Vorstellung, dass diese Ängste chronifizieren. Wenn jetzt also jemand einen Unfall erlitten hat und den Unfallort meidet und nicht mehr zur Arbeit gehen kann oder zur Arbeit fahren kann, weil er immer an diesem Unfallort vorbeifahren muss, dann wird es über die Monate immer schlimmer.
18.04
Eine chronische Angst sollte man verlernen. Dies gilt aber nicht grundsätzlich für all Gefühle. Im Gegenteil. Im Zusammenspiel mit dem Verstand liefern Bauchgefühle wichtige Signale für eine Entscheidung, etwa bei einem Wohnungskauf. Sie melden sich sofort. Der Verstand braucht manchmal Tage, um Vor- und Nachteile aufzulisten.
18.26
Bauchgefühle sind Emotionen, die sich im Körper äussern. Sie kommen vom limbischen System und sind dort danach abgespeichert, ob einem etwas gut getan hat oder nicht.
18.38
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Wir sollten sie wahrnehmen und mit ihnen aktiv arbeiten. Also beispielsweise wenn sie Grummeln im Bauch haben und wissen, Grummeln im Bauch hat bei mir nichts mit Liebe, sondern irgendwas mit Angst zu tun, sagen ihnen diese Signale: hallo, diese Situation ist irgendwie unangenehm. Geh der Sache mal nach, verdräng das nicht.
19.01
Peter Traa hat sich bereits entschieden, er wird Tagungen moderieren. Er hat aber ein mulmiges Gefühl dabei. Er geht zu einem Selbstmanagementtraining, das Maja Storch und Frank Krause an der Universität Zürich entwickelt haben.
19.16
Maja Storch
Eine Skala für negative Gefühle, eine Skala für positive Gefühle.
Jetzt würde ich dich mal bitten, versuch mal einzuzeichnen, wie du auf der Affektbilanz diese Gefühlslage einschätzest.
Peter Traa
Ich freu mich schon drauf, hab Lust drauf, aber ganz knapp drunter kommt da schon diese Negativwelle.
19.26
„Zürcher Ressourcen Modell“ heisst das Training. Es nutzt die neuen Erkenntnisse der Hirnforschung.
19.34
Zuerst wird eruiert, was denn für die Entscheidung sprach.
19.38
Peter Traa
Lust, Herausforderung, Spiel, Lebendigkeit
19.49
Und natürlich auch, was die mulmigen Gefühle verursacht.
19.53
Peter Traa
Ich bin nicht intelligent genug, versagen können,
2.02
Maja Storch
Um wie viel müsste der Siebziger nach unten gehen, damit du sagst, ich geh mit einem deutlich besseren Gefühl auf die Bühne.
Peter Traa
Spontan würde ich sagen, auf 25 Prozent. Das ist noch ein gutes Viertel Lampenfieber.
20.24
Maja Storch, Psychoanalytikerin, Zürcher Ressourcen Modell
Im menschlichen Gehirn gibt es zwei Bewertungssysteme, die unterschiedlich arbeiten. Das eine ist der Verstand, und das andere sind die Gefühle. Und wenn wir so etwas erzeugen wollen wie intrinsische Motivation, wo ein Mensch aus sich heraus Dinge tut, aus einem inneren Bedürfnis heraus, dann geht das nur, wenn die Gefühlsbewertung und die Verstandsbewertung deckungsgleich sind.
20.50
Peter Traa muss danach ein Bild wählen, nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Gefühl. Eines, das starke positive Gefühle auslöst. Auf diese Art wird das limbische System aktiviert.
21.00
Peter Traa
Ich hab schon den Impuls gehabt, als Du sie ausgelegt hast, da war sofort, das Ah..
Also hier war so ne Kraft, aber auch dieser Sonnenuntergang, und hier war sowohl die Kraft wie auch das Geschmeidige.
21.16
Der Verstand kommt ins Spiel, wenn Peter Traa versucht, seine Gefühlsimpulse in Sprache zu fassen.
21.30
Maja Storch, Psychoanalytikerin, Zürcher Ressourcen Modell
Die Arbeit mit den Bildern haben wir im Zürcher Ressourcen Modell entwickelt, um Menschen die Möglichkeit zu geben, selbstgesteuert und in kurzer Zeit in Kontakt mit ihrer Gefühlswelt zu kommen, und das erreicht man am besten über Bilder und weniger über konkrete Sprache.
21.49
Aus den Bildern entsteht ein Mottoziel, das bildhaft die neue innere Haltung ausdrückt. So werden limbisches System und Verstand koordiniert.
21.57
Peter Traa
Ich stehe auf der Bühne meines Lebens und spiele kompetent, mit Macht, Herzlichkeit und Intuition.
Maja Storch: Wunderbar
Peter Traa: Der wirkt auch, ich merk, der geht richtig rein.
22.10
Maja Storch, Psychoanalytikerin, Zürcher Ressourcen Modell
Heute weiss man, dass das Gehirn bis ins hohe Alter die Fähigkeit behält, sich selber zu verändern. Das ist einerseits wunderbar, weil es mir grosse Freiheitsmöglichkeiten erlaubt, andererseits habe ich natürlich keine Ausrede mehr. Man sagt, du hast vielleicht nicht suboptimale Startbedingungen gehabt, aber du kannst heute anfangen, dein Gehirn umzubauen.
22.37
Doris Greuter ist 56 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und Lehrerin. Sie wollte sich beruflich und persönlich verändern. Durch das Zürcher Ressourcen Modell hat sie begonnen, ungeliebte Eigenschaften abzulegen und sich erwünschte anzueignen. Damals war sie 50.
22.53
Doris Greuter, Erwachsenenbildnerin
Ich wollte vor allem anders mit mir umgehen, ich hatte so eine selbstzerfleischende selbstkritische Art, sah bei mir alle Fehler, alles negativ. Ich stand mir oft selber im Wege.
23.09
Der Mandarinenbaum war das erste Bild für ihre Entwicklung. Ihr Motto hiess: ich gehe meinen Weg. Bilder, aufgehängt in der Wohnung, und ein Foto von sich, das ihr gefiel, erinnern sie stets an ihr Mottoziel. Auf diese Art baut sie sich ein neues neuronales Netz. Speziell dafür ausgewählte Objekte unterstützen dies.
23.33
Doris Greuter, Erwachsenenbildnerin
Ich weiss, dass ich etwas durchstehen kann, auch schwierige Situationen, auch unangenehme Situationen, aber ich habe nie erkannt, dass das eine Stärke ist. Jetzt weiss ich, ach, ich halte das schon aus.
23.50
Um ein neues stabiles neuronales Netz aufzubauen, braucht es Ausdauer und Training. Wie wenn man ein Instrument oder Reiten lernt. Zum Zürcher Ressourcen Modell gehört zudem die Arbeit an der Körperhaltung.
24.05
Doris Greuter, Erwachsenenbildnerin
Die sieht so aus, dass ich dann gerade stehe, sitze und offen bin und nicht mehr so zu und verdrückt. Sondern ich bin ja jetzt auch stolz auf mich, auf das, was ich erreicht habe, und das drückt sich in meiner Körperhaltung aus.
24.22
Sie konnte sich auch beruflich verändern.
24.26
Doris Greuter geht zudem regelmässig in die Rebberge. Nützlich ist alles, was das Vorhaben unterstützt.
24.35
Doris Greuter, Erwachsenenbildnerin
Ich merkte hier immer wieder, dass ich nicht aufgeben wollte. Vor allem in Zeiten, wo ich zweifelte, wo ich anstand, da bekam ich wieder Sicherheit, doch, diesen Weg werde ich gehen.
24.51
Will man sich verändern, ist die Körperarbeit, das Embodiment, wichtig. Denn die psychische Stimmung beeinflusst die Körperhaltung und umgekehrt, die Körperhaltung wirkt auf die Stimmung.
Das hat die Wissenschaft intensiv erforscht.
25.05
Probanden mussten einen Stift mit den Zähnen festhalten. Das aktiviert den Lachmuskel. Dazu mussten sie einen Comic lesen und beurteilen. In dieser Gruppe beurteilte man den Comic eher positiv.
25.22
Andere Probanden mussten den Stift mit den Lippen halten. Es entsteht ein Schmollmund. Der Haltemuskel verhindert den Lachmuskel. Die Gruppe empfand den Comic eher öde. Die Körperhaltung beeinflusst also auch die Stimmung.
25.38
25.41
Dies weist ebenfalls Benita Cantieni nach. Zusammen mit Neurowissenschaftern erforscht sie Körperhaltungen und hält deren Auswirkungen mit Infrarot-Thermographie fest.
25.54
Benita Cantieni, Körperarbeit Cantienica
Etwas, das sehr häufig vorkommt sind Füsse ein bisschen platt, Knie nach vorne, Becken ein bisschen vorschieben, und automatisch sinken die Schultern ein. Kopf kommt vor, und wenn ich mich jetzt da gewohnheitsmässig hineinbegebe, so behaupten wir, und es bestätigt sich in meiner Arbeit, dass mit der Zeit die Stimmung, sie hören es an der Stimme, die wird sofort anders, und wenn ich jetzt noch zwei Minuten so verharre, bin ich deprimiert.
Dieses Modell hat sehr oft Kreuzschmerzen, dann Schulterschmerzen. Acht von zehn Leuten in meinem Alter klagen dauernd, da tut es weh und da tut es weh.
26.43
Man sieht sofort, dass nur die Halspartie durchblutet ist. Richtet man sich hingegen auf, zeigt das Bild eine reiche Durchblutung, und das Gefühlszentrum schüttet Stimmungsaufheller aus.
26.56
Benita Cantieni, Körperarbeit Cantienica
Ein Modell, das ich früher sehr beherrschte, weil ich mich schämte mit meiner Skoliose, das ist dieses: ich bin so schüchtern, und habt mich doch lieb. Und was ich immer faszinierend finde, wenn ich das selber mache, auch wie die Stimme sich verändert, sofort ist das ganze Selbstvertrauen ist raus, wie komm ich jetzt da wieder raus.
Ja, wie komme ich da wieder raus. Füsse ganz leicht V, Knie locker entspannt, das Becken über den Fersen schön aufgespannt, Wirbelsäule einfach aufspannen so weit es geht, Brustkorb wegnehmen vom Becken, dann thront automatisch der Kopf und die Oberarmkugeln können sich völlig entspannen und die Schultern sind entspannt.
27.50
Der Rücken ist durchblutet, auch das Gesicht. Bei aufrechter Körperhaltung greifen Stresshormone weniger an als bei eingesunkener.
27.58
Benita Cantieni, Körperarbeit Cantienica
Uns allen passieren schlimme Dinge im Leben. Irgendetwas geht schief, es stirbt ein Mensch, und die logische Reaktion ist natürlich einsinken. Und wenn die Leute dann spüren, dass dieses wieder Aufrichten sehr viel mehr Kraft und Energie freisetzt, es kann jeder ausprobieren. Einfach Schultern hängen lassen, an die Steuererklärung denken, und sofort wird’s ein Drama und unendlich bedrohlich. Aufspannen und so aufgespannt: muss doch die Steuererklärung machen. Es verändert sich vollkommen.
28.41
Ein aktives, neugieriges Leben führt zu reichen Erfahrungen, und dies erleichtert manches.
28.47
Lutz Jäncke, Neuropsychologe / Neurowissenschafter Universität Zürich
Wenn sie viele Erfahrungen gemacht haben und im Gehirn abgespeichert haben, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass ihr Gehirn richtige oder günstige Entscheidungen intuitiv trifft. Wenn nichts drin ist, wird das Gehirn natürlich schlechtere intuitive Entscheidungen treffen. Das ist eigentlich das, was man den Menschen auf den Weg geben muss. Wir müssen die Gehirne bilden, Erfahrungen sammeln, und die Erfahrung ist wichtig, auch die unbewusste Erfahrung, die das Gehirn gemacht hat. Da sind uns ältere Menschen haushoch überlegen.
29.21
Auch Meditieren oder Yoga bereichert das Gehirn. Egal was man macht, man kann ein Leben lang das Gehirn so bilden, dass man ein zufriedenes, gelassenes Leben führt.
29.34
Manche wollen mehr Aktivität wie Motorradfahren oder Bergsteigen, andere suchen Ruhe oder eine Antwort auf alltägliche Belastungen.
29.42
Yolanda Vujasilovic, Musikmanagerin
Schlussendlich geht es darum, den Geist zu beruhigen.
29.46
Eva Schmidiger, Krankenschwester
Also ich bin ein sehr emotionaler Mensch und merke, dass ich sehr viel ruhiger geworden bin. Und das ist für mich ein Riesenerfolg.
29.56
Dorothee Rothenbach, Zoologin
Es macht auch Spass, Dinge auszuprobieren wie beispielsweise den Kopfstand oder das Rad, die man doch sehr lange nicht mehr gemacht hat und doch wieder in sich irgendwo entdeckt.
30.11
Nichts geht im Gehirn verloren. Verschollen geglaubte Bewegungen lassen sich reaktivieren. Bis ins hohe Alter kann man Verantwortung übernehmen für viele Prozesse des Gehirns.
30.27
Andrea Tresch, Yoga und Körperarbeit Cantienica Luzern
Durch die Yogapraxis lernen wir diese unruhigen Gedankenwellen zur Ruhe bringen, dass man dann nachher im übertragenen Sinn Gedanken lenken kann, also aus negativen spiraligen Geschichten aussteigen kann jederzeit. Ich kann wählen, will ich mich noch tiefer nach unten ziehen lassen oder will ich da aussteigen und in die andere Richtung denken. Den Geist ruhig werden lassen ist ein Gefühl von Lebensqualität, von Freude.
30.52
Dass wir Menschen wählen können, das hat die neue Hirnwissenschaft nachgewiesen.
31.03
0.04
Die Hirsche sind auch Leuchten. Sie säumen die Allee zu Bruno Weber’s Skulpturenpark, hoch über Dietikon im Limmattal, wo der Künstler aufgewachsen ist. Seine Stimmungen und Schöpfungen antworten auf die genormte Welt der Industrie.
1.24
Bruno Weber, Gesamtkunstwerker
Ich habe diese Welt als Gegenwelt bezeichnet, also sie ist eine Gegenwelt zu dem, was ich versuche zu machen.
1.36
Alles, was Bruno Weber umgibt, entspringt seiner Gestaltungslust.
1.40
Bruno Weber, Gesamtkunstwerker
Ich glaube, es ist das barocke Temperament, das schon seit der Jugendzeit in mir steckt. Und da ich in einer katholischen Kirche aufgewachsen bin, liegt mir diese Welt noch nahe.
1.58
Mit Tod und Leben beschäftigt er sich, mit Ängsten und Freuden, mit Figuren aus der Sagenwelt aller Erdteile.
2.09
Sein erstes Selbstportrait malt Bruno Weber mit 12 Jahren, das Malen ist dem 1931 Geborenen ein wichtiges Ausdrucksmittel geblieben. Sein erstes Atelier und heutiges Wohnhaus zeugt davon.
2.25
Später giesst er Beton, zuerst die Säulen, später das Geländer und viele seiner Figuren im Haus und rund ums Haus, das inmitten des Parks steht.
2.42
Einen Dialog mit der Natur wolle er führen. Aber nicht nur. Vieles hat mehrere Bedeutungen und Funktionen.
2.50
Bruno Weber, Gesamtkunstwerker
Das ist eine 28 Meter lange Schlange. Und sie dient als Steg. Und zu diesem Steg gibt’s eine schöne Geschichte von Johann Wolfgang Goethe.
3.06
Im Goethe-Märchen bildet die Schlange eine begehbare Brücke über einen Fluss.
3.14
Bruno Webers Frau Mariann, selber auch Künstlerin, ist seit 40 Jahren wichtigste Mitarbeiterin. Sie hilft bei Betonarbeiten und Mosaiken, fotografiert und organisiert Ausstellungen und Auftragsarbeiten auf der ganzen Welt.
3.30
Mariann Weber, Fotokünstlerin
Manchmal macht’s der Bruno anders, wenn ich finde, das wäre besser in einer andern Art, oder das liebe ich nicht, aber ab und zu macht er einfach, wie er es gesehen hat von Anfang an. Es ist spannend, die Auseinandersetzung.
3.5
Ihre Zwillingstöchter legten die Mosaike des Sternenzimmers und Mariann Weber kreierte unter anderem den Mosaikboden im Esszimmer.
4.00
Die Flügelhunde sind begehbar und 105 Meter lang. Auch sie stehen im Park, der von Frühling bis Herbst samstags öffentlich zugänglich ist.
4.12
Bruno Weber, Gesamtkunstwerker
Ich habe oft Besuch vom fernen Osten. Da kamen vierzig Asiaten. Sie hatten so Freude an dem, was sie hier sahen, dass sie richtig jubelten. Sie sprangen in ihr Hotel zurück und kamen anderntags wieder angerückt, und sie hatten jeder für mich einen Elefanten. In diesem Land sind die Elefanten wichtige Bauhelfer.
4.46
Bruno Weber’s Helfer sind, neben der Familie, ein kreatives Team und eine Stiftung.
4.53
Grosse Objekte wie das Pyramidenzelt baute der Künstler einst ohne Bewilligung. Die Gemeinde antwortete in den Achtziger Jahren mit diversen Abbruchaufforderungen. Nach jahrelangen Verhandlungen legalisierte aber die Behörde das Werk und erklärte den Skulpturenpark zur Kunstzone. Er zieht jährlich Tausende Besucher an.
5.19
Noch ist das Werk nicht vollendet. Bruno Weber baut einen Wassergarten mit einem sogenannten „Haus der Wandlung“, als Museum für sein malerisches Werk und als Ort für Kurse oder Feste. Es soll ein Skulpturengebäude mit drei Raupen werden.
5.39
Es fehlt noch Geld. Aber bereits ist die Konstruktion der mehrere Meter hohen Raupen von Ingenieuren der ETH gerechnet worden, damit man sie stabil bauen kann.
5.51
Die andere Seite besetzen die Flügelhunde, sie werden sich zusammen mit den Raupen im Weiher spiegeln.
6.00
Seepferde als Säulen und Spinnen als Springbrunnen werden Auge und Gemüt erfreuen. Und alles überwacht der Frosch, der - geschaffen für die Weltausstellung in Sevilla - auch ein Alphorn ist.
6.14